Bewegtes Meer (tägliches Zeichnen)

Am Meer sitzend und den anrollenden und dann sich brechenden Wellen zuschauend, versuche ich, die Bewegung festzuhalten. Das ist natürlich ein Widerspruch in sich selbst: eine Bewegung hört auf, eine Bewegung zu sein, wenn man sie festhält. Aber so sind wir Menschen nun mal: wir möchten das, was wir sehen, erleben, fühlen…., festhalten, um es betrachten, behalten, vielleicht auch analysieren zu können. Unser Wahrnehmungsapparat samt Hirn ist, so scheint mir, nicht für Bewegung gemacht, sondern für Momentaufnahmen.

Das Fotografieren ist die heute üblichste Art, Bewegtes als „Stills“ (unbewegtes Bild) festzubannen. Der Film ist im Prinzip nichts anderes, nur dass die Abfolge schneller ist und uns Bewegung vortäuscht, wo doch nur lauter Momentaufnahmen aneinandergereiht wurden.

Die Bewegung selbst kannst du nicht sehen, du kannst sie nur imaginieren. Anders ist es natürlich, wenn du selbst im Wasser schwimmst: dann teilt sich die Wellenbewegung deinem Körper direkt mit, du schaukelst, gehst unter, tauchst auf in einer ununterbrochenen Bewegung. Diese Erfahrung macht es dir auch möglich, das Erleben der beiden Schwimmer auf den Fotos nachzuvollziehen.

Kann der Zeichner mehr? Einerseits ja: Seine Hand, sein Auge, sein Stift sind selbst in Bewegung, wenn er versucht, die Bewegung der Wellen zu beschreiben. Er folgt der Bewegung, er erlebt sie innerlich. Andererseits nein: denn der Zeichner hinkt der realen Bewegung ständig hinterher. Er muss sich unablässig entscheiden, welchen Moment er aufs Papier bannt,und kommt nicht nach. Vor allem aber: das, was am Ende entsteht, ist nicht bewegt. Wiederum ist der Betrachter auf seine Vorstellungskraft angewiesen, um die Bewegung des Wassers und die Bewegung des Zeichenstifts nachzuvollziehen.

 Zeichnung oder Fotografie – was fängt die Bewegung eher ein?

Gemalt habe ich sie auch schon mal  – nicht vor der Natur, sondern imaginiert: die große Welle. Hier ist der Blickwinkel ein anderer: Die Welle rollt vom Meer aufs Land zu.

 

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About gkazakou

Humanwissenschaftlerin (Dr. phil). Schwerpunkte Bildende Kunst und Kreative Therapien. In diesem Blog stelle ich meine "Legearbeiten" (seit Dezember 2015) vor und erläutere, hoffentlich kurzweilig, die Bezüge zum laufenden griechischen Drama und zur Mythologie.
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10 Responses to Bewegtes Meer (tägliches Zeichnen)

  1. Avatar von Myriade Myriade sagt:

    Ich finde die gemalte Version am bewegtesten. Man kann ja aber die Bewegung in einem 2dimensionalen Medium nur dann erkennen, wenn man sie erlebt hat. Wer noch nie Wellen in natura gesehen hätte, kann sie auf einer unbewegten Darstellung auch nicht erkennen, denke ich

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  2. Ganz großartig, sich steigend von einer flüchtigen Skizze zum Gemälde.Das ist wieder die Krönung.

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  3. Die erste Zeichnung sagt mir noch nicht viel, die zweite aber doch. Wenn ich die 2. Zeichnung mit dem Foto vergleiche, finde ich das Foto unbewegter als Deine Zeichnung. In der Zeichnung ist die Wellenbewegung zu spüren, obwohl das ja auch nur ein festgehaltenen Moment ist.

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  4. Du siehst das. ich erkenne es nicht. Ist aber nicht weiter schlimm.

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  5. Die berühmteste Welle ist wohl die von Hokusai. Sie ist die Interpretation einer Welle. Nicht die naturgetreue Wiedergabe steht voran!
    Die Photographie hat sich nach der Malerei entwickelt und konnte so auch von ihr lernen. Wenn Vermeer einen Vordergrund in einem Bild bewusst wenig detailliert und leicht unscharf malte, so tat er das, weil er den Blick des Beobachter in die Bildtiefe lenken wollte. So hat auch die Photographie zu arbeiten gelernt. Sie nutzt zB. Schärfe oder gerade auch Unschärfe als Mittel der Interpretation, etwa, um Bewegung darzustellen. Ein anderes Mittel kann auch eine veränderte, vom Photographen bewusst gewählte, eben nicht naturgetreue Farbgebung sein.

    ZB Meeresphoto:https://pixabay.com/de/photos/struktur-textur-hintergrund-meer-2441718/

    ZB. Bewegungsphoto: https://pixabay.com/de/photos/bachlauf-wald-herbst-bach-fluss-5680609/

    Es kommt immer darauf an, wie der Künstler, ob Maler oder Photograph, die Wirklichkeit sieht, wie er sie zu seiner ganz eigenen macht – und mit welcher Kunstfertigkeit er uns diese Sicht vermitteln kann. 🙂

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  6. Bewegung ist Leben; die Welle, die aufs Ufer zurollt, ist deutlich zu erkennen, doch das Dörfchen ruht still, weiß es doch, die Welle ist friedlich, verläßt ihr Element in der Regel nicht.
    Ich hoffe doch sehr, Du hast keine haushohe Welle gemalt, die alles überrollt, was ihr in die Quere kommt, liebe Gerda.

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    • Avatar von gkazakou gkazakou sagt:

      Es war damals eine Zeit, als alle von den bevorstehenden Desastern durch Polabschmelzung redeten – hätte ja längst eingetreten sein sollen, und nun habe ich keine Angst mehr und halte das ganze Klimageschrei für übertriebene Panikmache. – Heute ist es hier regnerisch, sehr erholsam.

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  7. Vielleicht hast Du recht, liebe Gerda.
    Hoffen wir es❣️

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