Welttheater. 4. Akt, 39. Szene: Wie lebt ein Hirt? Vom Essen und Trinken.

Was zuletzt geschah: Der Hirt lud die ganze Gesellschaft zum Essen in sein einfaches Haus ein. Alle äußern hocherfreut den Wunsch zu helfen und etwas beizutragen, um den Tisch zu decken. Hera erscheint und gibt ihren Segen.

Fotis

Raum ist, so sagt man, in der kleinsten Hütte*

am besten setzt euch auf die lange Bank.

So ist es recht, die Kinder in der Mitte

die mögen sich ja leiden, Gottseidank.

 

Ihr Frauen setzt euch mir zur Seite

da könnt ihr mir behilflich sein.

Bis ich das Omelett bereite

schenkt schon den Kindern mal was ein.

 

Die Milch ist warm, da schmeckt sie mir am besten

Ist Ziegenmilch, das Zicklein brauchts nicht mehr.

der Käse hier, am liebsten esse ich den festen,

ist von der Milch gemacht, der schmeckt mir sehr.

 

Der Kohlkopf hier, der ist aus meinem Garten

den kannst du, Frau, schon mal in Stücke schneiden

Tomaten, Gurken gibt’s, die sind von alten Arten

die neuen taugen nichts, die sollte man vermeiden.

 

Ich hab auch Wurst, die wird den Jungs gut schmecken,

Der Bauer macht sie mir, wenn er ein Schwein geschlachtet,

und Schmalz und Fett, da mag ich gern dran schlecken,

Auch ein Stück Speck hab ich noch nie verachtet.

 

So nehmt und esst, ich hoff, es tut euch munden,

und wenn ihr satt seid, sollt ihr mir erzählen.

Bin oft allein, und in den langen Stunden

tut mich die Einsamkeit schon manchmal quälen.

 

Clara:

Die Milch ist von ner Zickleinmutter?

Machst du daraus auch Zickleinbutter?

Fotis

Ganz recht, mein Kind, willst du probieren?

Du brauchst dich wirklich nicht genieren.

Clara

Und was kriegt’s Zicklein dann zu essen?

Kann es denn schon die Gräser fressen?

Fotis

Das Zicklein, Kind, braucht nichts zu fressen,

das hab ich selber aufgegessen.

Das Fleisch schmeckt gut, wenn es gebraten.

Versuchs einmal, möcht ich dir raten.

Clara

Ich mag die Milch nicht, guter Mann,

Weil ich ans Zicklein denke dran.

Das möcht die Milch, es möchte leben,

hat mir nicht gern die Milch gegeben.

Fotis

Gern starb es nicht, doch nun ists tot.

Drum trink die Milch, sie tut dir not.

Für dich ist jetzt die Milch notwendig.

Das Zicklein wird nicht mehr lebendig.

Clara

Ich mag die Milch nicht, tut mir leid.

Jenny

Dann her damit, bist nicht gescheit!

Abud:

Die Clara hat halt keinen Schneid!

Hawi

Ich nehm sie, wenn ihr fertig seid.

Fotis

Gemach, ich wünsche keinen Streit!

 

Mein Kind, versteh, ich bin ein Hirt

und habe Schafe und auch Ziegen,

Ich hüte sie, wenn eins verirrt,

dann renne ich, um es zu kriegen.

 

ich steig hinauf und steig hinunter

den Berg, die Schlucht und in das Tal

Die Tiere leben frisch und munter

bis ich sie treibe in den Kral.

 

Wenn eines krank ist, muss ich holen

den Doktor, der ihm helfen kann.

Pass ich nicht auf, wird eins gestohlen

es fehlt mir jetzt, was mach ich dann?

 

Ich helf den Müttern zu gebären

was manchmal ziemlich schwierig ist,

Und auch das Lamm muss ich ernähren

wenns schwächlich ist und gar nicht frisst.

 

So hab ich meine liebe Müh

mit meinen Tieren jeden Tag

und jede Nacht und in der Früh

und wieder bis zum Nachmittag.

 

Mein ganzes Leben geb ich hin

um sie zu hüten und zu schützen.

Ich frag mich manchmal, wer ich bin

und wozu all die Mühen nützen?

Clara

Aber das Zicklein, ist es schuld?

Hattest mit ihm ja viel Geduld,

Am Tage hast du es bewacht

und hast es dann doch totgemacht?

Fotis

Ja, Kind, denn auch ein Hirt muss leben

muss essen, trinken, braucht ein Haus.

Wirst du ihm denn zu essen geben?

Ich leb ja nicht in Saus und Braus.

 

Ich brauch nur wenig, etwas Butter

und Milch und Käse, manchmal Braten.

Das krieg ich von der Ziegenmutter,

wie es schon stets die Hirten taten.

Clara:

Ich weiß kein Rat, bin ja ein Kind,

mag nicht die Milch, wenn Zicklein sterben.

Weiß nicht, wie die Erwachsnen sind,

will es auch mit dir nicht verderben.

 

Ich ess vom Brot und vom Salat

das ist genug, da werd ich satt.

Die Milch kann gern die Jenny haben

und auch Hawi mag sich dran laben.

Fotis

Nun gut, mein Kind, ich mag nicht streiten

ob du im Recht bist oder nicht.

Die Frau wird dir Salat bereiten,

das ist dann wohl dein Leibgericht.

 

Ihr andern aber, lasst euch schmecken

das Ei, die Butter und die Wurst

Ich seh euch schon die Finger lecken,

die Ziegenmilch löscht jeden Durst.

 

Und wenn was bleibt, so gebts den Hunden

und auch die Katze wartet schon

Der Braten ist schon ganz verschwunden

Der Hütehund braucht auch sein Lohn.

 

Zum Abschluss gibt es Apfelsinen

und Äpfel, die ich aufgesammelt.

Die helfen mit den Vitaminen,

auch wenn sie etwas angegammelt.

 

Komm her, du Frau, und nimm ein Messer

und schneid die guten Stücke raus.

Die sind, so wett ich, sehr viel besser

als was ihr kriegt so im Kaufhaus.

 

Seit ihr nun satt? Dann möcht ich fragen

woher ihr kommt und wer ihr seid

Ich mag Geschichten und auch Sagen,

Erzählt sie mir, ich bin bereit.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 


*Friedrich Schiller, Der Parasit IV, 4. (Charlotte)

Raum ist in der kleinsten Hütte
für ein glücklich liebend Paar.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Über gkazakou

Humanwissenschaftlerin (Dr. phil). Schwerpunkte Bildende Kunst und Kreative Therapien. In diesem Blog stelle ich meine "Legearbeiten" (seit Dezember 2015) vor und erläutere, hoffentlich kurzweilig, die Bezüge zum laufenden griechischen Drama und zur Mythologie.
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3 Antworten zu Welttheater. 4. Akt, 39. Szene: Wie lebt ein Hirt? Vom Essen und Trinken.

  1. Gisela Benseler schreibt:

    Und schon wieder gibt es eine Fortsetzung im spannenden „Welttheater“. Ein Bild des Friedens, ein labiler Friede, der vom Verhalten der Einzelnen abhängt.
    Die Gegensätze und Probleme werden ausgesprochen, ausgetragen. Durch schmerzliche Erfahrungen bahnen sich Erkenntnisse und Entwicklungen an, die zu einem besseren Miteinander führen können.
    Aber endgültige Ergebnisse wird es nicht geben. Spannend bleibt es, dies alles weiter begleitend mitzuerleben.

    Gefällt 1 Person

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