Dora interviewt die Kandidaten (Siebzehntes Interview: Spirits)

Heute machte ich eine fabelhafte Wanderung im höchsten, größten und waldreichsten Gebirge von Attika, der Parnitha.

Sonnig ist es, dann kommt Nebel auf, wogt als leichtes Gewebe zwischen den alten moos- und flechtenbehangenen Tannen. Später sinkt der Nebel in tiefere Breiten, so dass wir über den Wolken spazieren.

Die Spirits hätte ich wohl nicht bemerkt, hätte Dora mich nicht auf sie aufmerksam gemacht. „Dort!“ kräht sie und weist auf eine Lichtung, in der ein leichter Nebel treibt.

„Siehst du sie nicht?“ Ja, jetzt sehe ich sie, versuche mit den Augen ihrem Tanz zu folgen.

Ein Sonnenstrahl taucht einen Haufen Totholz in helles Licht, und schon sind die Spirits da und wirbeln wie Mücken im Lichtstrahl. Hübsch sieht das aus!

Dora spricht zwei an, die sich auf einer Ansammlung von Baumpilzen tummeln. „Hej, ihr Kleinen, haltet mal einen Moment still, ja? Ich muss euch befragen!“

Doch schon sind sie weiter geflitzt. Bei den Krokussen kann Dora sie endlich kurz versammeln. „Zappelt mal nicht so, ihr Kleinen!“ redet sie los. „Ich bin eine von euch und habe einen Auftrag! Ich muss nachforschen, ob ihr fürs kommende Jahr geeignete Begleiter seid. Also sagt schon:  wozu seid ihr gut?“

Da setzt ein feines Gezirpe ein, und als ich mir die Ohren reibe, verstehe ich sogar ein paar ihrer Sprüche.  „Sei auf der Hut, sonst verdirbt mir die Brut!“ lispelt das eine. „Mach Platz für die Zwiebel, sonst geht es dir übel“, brummt das andere. „Behüte die Blüte“, säuselt das dritte. „Lass wachsen die Triebe, mit Sorgfalt und Liebe“, flötet das vierte.

Ach, viel zu langsam bin ich für diese kleinen Wesen. Schmetterlingen und Hummeln gleich schwirren sie von Ort zu Ort, verändern dabei laufend Gestalt und Farbe. Grad meine ich noch, sie tanzten vorm Gebüsch, da wirbeln sie im dichter werdenden Nebel auf und davon.

Später, als wir im Auto sitzen, sehe ich sie erneut. Dora winkt ihnen zum Abschied mit ihrer Latüchte, und sie folgen ein Weilchen unserer Fahrt, bis sie in der Sonnenscheibe verschwinden. 

Über gkazakou

Humanwissenschaftlerin (Dr. phil). Schwerpunkte Bildende Kunst und Kreative Therapien. In diesem Blog stelle ich meine "Legearbeiten" (seit Dezember 2015) vor und erläutere, hoffentlich kurzweilig, die Bezüge zum laufenden griechischen Drama und zur Mythologie.
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14 Antworten zu Dora interviewt die Kandidaten (Siebzehntes Interview: Spirits)

  1. Gisela Benseler schreibt:

    Gerda, das ist ja einfach super! Wie Du diese Spirits mit der Natur verbindest! Sie scheinen wirklich gute Naturwesen zu sein. Und Dora ist von ihrer Art, und so findet Art zu Art.

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  2. sonnenspirit schreibt:

    Die Spirits sind in jedem Falle und in jedem Jahr gute Begleiter….es gibt sie ja auch in Groß. Gewisse Verniedlichung und Verkleinerung fand statt, aber so langsam wird der Mensch sich ihrer Macht und Wirksamkeit vielleicht wieder bewusst. In vielen Märchen ist das ja auch noch so.

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  3. Gisela Benseler schreibt:

    Art zu Art, also Anziehung der Gleichart. Die Wesen gab’s sicher schon vorher. Und Dora kannte sie vielleicht auch schon von „früher“.

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  4. Ach, wie wundersam schön, liebe Gerda!

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  5. kopfundgestalt schreibt:

    Feines Gezirpe, Lispeln, Brummen und Säuseln sind die Begleittöne des Beschwörens des Guten und Schönen.

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