Dora interviewt die Kandidaten: No 15

Ich konnte und wollte Dora nicht länger verheimlichen, dass ich in ihrer Abwesenheit einigen Bewerbern für 2023 Gehör geschenkt habe. Sie war übrigens kein bisschen sauer deswegen. Sie ist, scheints, frei von unserer menschlichen Empfindlichkeit, Nachfolgediskussionen schrecklich zu finden, solange wir noch selbst in Amt und am Leben sind.

Dora also besieht sich unsere gemeinsam erstellte Liste. „Habt ihr auch Einstellungsgespräche geführt?“ fragt sie dann. Nein, daran habe ich gar nicht gedacht. Dabei ist es ja vielleicht doch klug, die Kandidaten direkt zu befragen, anstatt sich  allein auf Bewerbungsschreiben zu stützen. Schließlich ist es keine kleine Verantwortung, ein ganzes Jahr zu repräsentieren.

Dora findet das auch, und so laden wir nun alle Bewerber zu einem persönlichen Gespräch. Ich überlasse Dora Termingestaltung und Gesprächsführung und bescheide mich mit der Rolle der Protokollantin.

Als erstes läd Dora den Kandidaten ein, der ganz unten auf der Liste steht: den Angstmacher. Als Befragungsraum wählt sie die Gute Stube des Heiligen Hieronimus, die ich von Dürers Original abgezeichnet habe.

Du schreibst hier, kräht Dora und liest mit gewichtiger Miene das Bewerbungsschreiben vor:

„Fürchte dich, Menschlein! Sieh dich vor! Der Tod lauert überall, er steckt schon in dir! Täusche dich ja nicht! Sei dir gewiss: Hier tobt schon ein Krieg, dort nehmen die Verbrechen zu, es wüten die Epidemien, wenn nicht jetzt, so doch morgen. Es kommt zu Umstürzen, Gewalt und üblen Exzessen! Die Meere verschlingen die Küsten, die Wüsten wachsen, Stürme decken dein Haus ab. Fürchte dich! Die Furcht wird dich schützen! Täglich werde ich dich füttern mit den schlimmen Nachrichten des Tages, denn leicht könntest du vergessen, wie schrecklich die Welt ist.“

„Was meinst du, wenn ich fragen darf, mit „Die Furcht wird dich schützen?“.

Der Angstmacher schaut Dora geradewegs ins Gesicht: „Du fürchtest dich wohl vor gar nichts, wie?“

Dora fällt auf diese bewährte  Technik, Fragen zu stellen anstatt Antwort zu geben, herein. „Natürlich fürchte ich mich nicht. Woher auch und wovor? Vor dir etwa? Du machst mir keine Angst.“

Der Angstmacher grinst. Er hat sie da, wo er sie haben will. „Du meinst also nicht, das es klug ist, sich vor Epidemien zu fürchten und Vorsorge zu treffen, indem man sich impfen lässt? Du bist der Meinung, dass man keine Waffen produzieren, sondern wehr- und waffenlos auf  einen Angriff von Feinden warten soll? Du findest es toll, seine Türen offen zu halten, obgleich jederzeit ein Räuber oder Mörder auftauchen kann?“

Dora ist verwirrt. Sie zieht ihre Stirn in Falten und denkt nach. Dann stammelt sie  „Also wenn so eine Epidemie oder ein Feind da ist, dann … Aber wenn sie nicht da sind, du sagst ja Vorsorge weil sie kommen könnten ….Also du machst mich ganz konfus. Warte mal. Ich glaube, ich bin hier die, die die Fragen stellen muss….“

Ich atme auf. Endlich hat sie die Falle erkannt. Ja, Dora, stell deine Fragen und lass dich nicht von einem raffinierten Filibuster ins Boxhorn jagen!

Meine Frage war: Was meinst du mit ΄Die Furcht wird dich schützen‘?

Der Angstmacher schaut hochmütig auf das unwissende Kind vor ihm: „Die Sache ist doch ganz einfach: Die Maus wird von der Katze gefressen, wenn sie sich nicht vor der Katze fürchtet. Sie tut also gut daran, sich zu fürchten. Die Furcht wird sie schützen.“

Dora ist diesmal um eine Gegenfrage nicht verlegen. „Und du meinst also, die Maus soll ihr Leben damit verbringen, sich vor Katzen zu fürchten, weil irgendwann eine Katze daherkommt und sie fressen will? Ist das nicht ein bisschen übertrieben? Vielleicht gibt es in der Gegend gar keine Katzen?“

„Die Maus“, doziert der Angstmacher, ohne sich auf Doras Argument einzulassen,  „kann auch in eine Mausefalle gehen, weil Speck darinnen ist. Sie tut also gut daran, sich vor Speck zu fürchten. Ein Bussard kann die Maus ergreifen, sie tut also gut daran, sich vor dem offenen Himmel zu fürchten. Viele Gefahren lauern auf die Maus. Sie tut gut daran, sich zu fürchten und Vorsorge zu treffen. Sie sollte den offenen Himmel, den Speck und jegliche Region vermeiden, in der Katzen vorkommen können.“

Dora ist baff. „Du bist gut!“ kräht sie. „Soll die Maus etwa ihr Leben in einem Loch verbringen?“ 

„Selbstverständlich würde ich ihr das raten!“, antwortet der Angstmacher. „Außerdem würde ich ihr raten, sich ein Fernsehgerät in ihr Loch zu stellen, damit sie jederzeit sehen kann, wo gerade Katzen oder Bussarde Mäuse den Garaus machen, wo es Speck gibt, den es zu meiden gilt, und wie ein offener Himmel aussieht. Dann braucht sie auch nicht rauszugehen, um ihn sich anzusehen, und läuft keine Gefahr.“

An dieser Stelle bricht Dora das Interview ab und kräht: „Mäuse brauchen kein TiWi, um ihnen den Himmel zu zeigen. Die gehen lieber selbst unter dem Himmel spazieren.“ 

 

 

Über gkazakou

Humanwissenschaftlerin (Dr. phil). Schwerpunkte Bildende Kunst und Kreative Therapien. In diesem Blog stelle ich meine "Legearbeiten" (seit Dezember 2015) vor und erläutere, hoffentlich kurzweilig, die Bezüge zum laufenden griechischen Drama und zur Mythologie.
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13 Antworten zu Dora interviewt die Kandidaten: No 15

  1. Gisela Benseler schreibt:

    Das ist einfach genial, Gerda! Bzw. Dora! Bzw. Euch Beiden! Und Deine Gesprächsbühne ist ein Kunstwerk.
    Dies Gespräch läßt wahrscheinlich keinen kalt. Wir brauchen nur die Nachrichten zu sehen. Ob die meisten Angstmacher viel am Fernseher oder im Internet verbringen?
    Angst jedenfalls schützt nicht vor Gefahr, im Gegenteil: Zieht das Befürchtete an.
    Anders aber ist die Einstellung, die Realität zu sehen. Sehen muß man es.
    Wird man Lösungen finden? Oder sind die Lösungen auf einer anderen Ebene zu suchen?
    Oder gibt es gar keine Lösungen? Außer einer Umkehr?

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    • gkazakou schreibt:

      Ich freue mich über deinen Kommentar, Gisela. Meine Antworten auf Deine Fragen am Ende: Lösungen muss man auf einer anderen Ebene suchen als auf der, auf der das Problem entstanden sind, sagt (wie du) auch Einstein. Was ich sehr inspirierend finde. Lösungen gibt es immer, gute, mittlere, schlechte. Auch ein wirtschaftlicher Zusammenbruch oder ein Krieg sind Lösungen. „Umkehr“ ist im historischen Prozess nicht möglich. Nur im Inneren, im Gewissen des einzelnen Menschen, ist Umkehr vielleicht möglich. (Das Wort sagt mir nicht sehr zu, weil es einen idealen Anfangszustand voraussetzt, zu dem man zurückkehren könnte.)

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      • Gisela Benseler schreibt:

        „Lösungen“ haben für mich etwas zu tun mit den Worten „ablösen“ und sich „loslösungen“.
        Das Umgekehrte (Zusammenbruch oder Krieg) sind für mich keine Lösungen sondern Ausdrücke für ein Versagen.

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      • gkazakou schreibt:

        Es sind erzwungene Loslösungen. Im persönlichen Leben sind es der Tod des Partners, schwere Erkrankung, Flucht, plötzliche Armut, Naturkatastrophe und vieles mehr, die den Betroffenen gegen seinen Willen zu einer Wegänderung zwingen. Das Versagen kann individuell oder kollektiv sein, es kann auch überhaupt kein Versagen vorausgehen, sondern unverschuldetes Verhängnis sein.

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      • Gisela Benseler schreibt:

        Es gibt erzwungene und freiwillige Loslösungen. Denn die Seele will/muß sich ja eines Tages vom Körper trennen. Die Seele suchte sich aber auch einen Körper aus, um ihn zu beleben und zu lenken. Bei erzwungenen Loslösungen ist die Seele besonders betroffen, findet aber auch Hilfen. „Not lehrt beten.“

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      • Gisela Benseler schreibt:

        Einer „Umkehr“ geht ein Erkennen voraus, eine Einsicht, zumindest eine Ahnung, daß wir eine falsche Richtung eingeschlagen haben. Umkehren müssen wir dann in die richtige Richtung. Weil das aber meistens auch etwas mit Verzicht zu tun hat, mögen wir nicht gern umkehren, beharren lieber auf dem Weg, auf dem wir uns wohler fühlen und der auch bequemer ist.
        Beim Umkehren müssen wir oft noch viel Aufräumarbeit leisten und uns hier und da „entschuldigen“ und vieles „Wiedergutmachen“. („Wiedergutmachung gab mein Korrektor ein. Das Wort ist ihm bestens bekannt. Aber ob es dabei immer recht zugeht, ist eine Frage.)

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  2. sonnenspirit schreibt:

    Sehr klasse. Ich bin gespannt auf die nächsten Kandidaten. aber echt, Boxhorn? Oder Bockshorn, von den Jägern her? Ich weiss es nicht…dem Typ würde ich jedenfalls nicht den Job geben.

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  3. Droa ist Spitzenklasse!

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  4. Werner Kastens schreibt:

    Angst machen UND eine Belohnung im nächsten Leben versprechen sichert noch mehr Rückzug in Mauselöcher und ist über Jahrhunderte von den selbst ernannten Vertretern des „Lieben“ Gottes praktiziert worden. Ein Paradoxon ohne gleichen.
    Nein, dieser Art Typen brauchen wir nicht in unseren Blogs!

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    • gkazakou schreibt:

      Danke, Werner. Ja, die professionellen Angstmacher sind auch in den Kirchen zu Hause, aber nicht nur, natürlich. Seit die Menschen weniger Angst vor Hölle und Fegefeuer haben, haben die weltlichen Instanzen diesen Job übernommen, insbesondere die Medien (Angstmacherei verkauft sich gut) und die Regierenden (mit Ängstlichen regiert es sich einfacher).

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