21.2.2021 Will.i und die Statistik der Blütenbätter

„Die Blumen können gar nicht rechnen“, empfängt mich heute der Will.i, vor sich einen Aufbau aus Glasscherben und Blütenbätttern. Auf dem Tischchen steht noch das Väschen mit den am Nachmittag gepflückten Blumen, aber die kleinen Margariten fehlen nun. Die liegen fein säuberlich obduziert und sortiert zwischen den Glasscheiben.

Ich muss den Anblick erstmal verdauen, bevor ich mich dem Inhalt seiner Rede zuwenden kann. „Was heißt, die Blumen können nicht rechnen? Was hast du herausgefunden?“ – „Ich hab die Blütenblätter nachgezählt. Mal waren es 15, mal 16, aber nie 13 oder 21, wie der Herr Fibonacci es fordert. Sie halten sich nicht an die Regel!“ – „Ach so? Schade, mir gefiel der Gedanke“, sage ich. „Im übrigen ist  es nicht wirklich wichtig. Du solltest dich nicht so sehr um die Zahlen kümmern, sondern auch mal das Ganze betrachten. Schau dir mal die Blüten an, bevor du sie auseinander nimmst! Ist doch egal, ob die eine 15 oder 21, die andere 55, die dritte acht und die vierte sechs Blütenblätter hat. Schön und perfekt sind sie alle. “

Aber meine Rede stößt auf taube Ohren. Irgendwie verstehe ich Will.i ja auch. Zahlen sind für ihn das A und das O. Schließlich verkörpert er selbst eine Zahl. 2021, und nun gar der heutige Tag! 21.2.2021! Das ist schon eine verdammt merkwürdige Zahlenreihe. 2.1.2.2.0.2.1. Quersumme 10. Davon die Quersumme: 1.

Liegt es nun an diesem Datum, liegt es an seiner Faszination durch die Zahlen – jedenfalls entwickelt sich das Gespräch in eine Richtung, die ich nicht vorausgesehen hatte. Will.i hat den statistischen Beweis entdeckt!

„Ich habe vier Blüten auseinandergenommen und ausgezählt“, sagt er. „Das sind 100 % aller Margariten, die wir heute gepflückt haben.  Zwei hatten 15 und zwei 16 Blütenblätter. Keine hatte 13 oder 21 Blütenblätter. Daraus folgt, dass die Hypothese, dass die Margariten-Blätter der Fibunacci-Serie gehorchen, falsch ist.  Richtig ist, dass die Wahrscheinlichkeit, dass sie 15 oder 16 Blütenblätter haben, 100 % beträgt.“

Ich bin baff. „Aber“, sage ich, „vier ist eine sehr kleine Basis für eine so großartige Aussage. Schließlich gibt es Millionen Margariten, und womöglich sind diese hier eine Ausnahme und alle anderen folgen sehr wohl der Fibunacci-Reihe“. – „Das ist pure Spekulation, meine Liebe“, meint Will.i gönnerhaft, schon fast wie ein echter Wissenschaftler. „Was zählt, ist der Beweis. Ich habe gezählt. Hast du auch gezählt?“ – „Nein“, sage ich leicht beschämt. „Weißt du, ich mag die Blüten nicht so zerfleddern, es kommt mir vor wie Anatomie. Du nimmst sie auseinander und zählst sie, aber du zerstörst dabei das Gesamtbild. Die Blütenblätter bilden ja einen Kreis, beim Löwenzahn liegen sie in einer fein geschichteten Spirale übereinander, bei der Margarite bilden sie einen lichten Kranz um das Zentrum, in dem goldgelb die eigentlichen Blüten liegen. Die rote Anemone hat diesen schmückenden weißen inneren Kranz und die schwarze Zone mit den Staubgefäßen, schau nur, wie fein sie geordnet sind. Und diese kleine weiße Blüte, deren Namen ich nicht weiß, ist ein Kelch aus drei großen und drei kleineren Blättern, sicher, es sind sechs Blütenblätter, es sind zwei ineinander geschobene Dreiecke, und das gefällt mir schon auch, aber darüberhinaus ist es einfach eine perfekte Form.  Ich mag es, sie so zu betrachten, wie sie sind, ohne groß zu zählen.“ – „Ich weiß, dass du das magst“, sagt Will.i. „Ich aber will zählen. Die Statistik ist das A und das O. Nur so gibt es wissenschaftlichen Fortschritt.“

O wei, Will.i. Ja, aus dir spricht der Geist der Zeit. Habe ich anderes erwartet? Unsere Zeit ist eine Zeit der Zahlen. Täglich lese ich Zahlen und noch mehr Zahlen, die alle beanspruchen, irgendetwas zu beweisen.

Von einem lebendigen Ganzen zu sprechen, ist ein Verstoß gegen den „wissenschaftlichen Geist“, der unsere Welt beherrscht. Und du, mein Will.i, verkörperst ein Stück davon. Ich will dir keinen Vorwurf daraus machen. Aber irgendwie möchte ich doch, dass auch du verstehst, was ich meine, wenn ich von der unzerstörbaren lebendigen Gestalt spreche.

Und keine Zeit und keine Macht zerstückelt
Geprägte Form, die lebend sich entwickelt.\

J.W. Goethe, Urworte – Orphisch. 1. Stanze, „Daimon“.

 

Über gkazakou

Humanwissenschaftlerin (Dr. phil). Schwerpunkte Bildende Kunst und Kreative Therapien. In diesem Blog stelle ich meine "Legearbeiten" (seit Dezember 2015) vor und erläutere, hoffentlich kurzweilig, die Bezüge zum laufenden griechischen Drama und zur Mythologie.
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17 Antworten zu 21.2.2021 Will.i und die Statistik der Blütenbätter

  1. pflanzwas schreibt:

    Die Zahlen sind mir ja nicht so wichtig, aber die gelegten Blütenblätter mit den Glasscheiben und die kleinen Fallschirme, die gefallen mir sehr. Mir tut es auch leid, etwas zu zerpflücken, aber diese Bilder sind zu ansprechend. Auch die Bilder der Blüten selbst sind spannend. Auch wenn ich sie oft sehe, ihre Vollkommenheit ist beeindruckend. Die Natur erleben wir oft so wild und ungeordnet. Die Blüten sprechen eher vom Gegenteil. Irgendwie fände ich es fast merkwürdig, wenn Fibunacci Recht hätte, aber wer weiß…

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    • kopfundgestalt schreibt:

      Fibonacci
      Mathematik rules.

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    • gkazakou schreibt:

      Danke, Almuth! Du erlebst die Natur oft als wild und ungeordnet, weil du sie oft im Totholz des Waldes aufsuchst, wo eine lebendige Ordnung zerfällt und eine andere erst im Entstehen ist. Gerne verweilst du in dieser Zwischenzone, scheint mir, und nutzt sie auch für deine Kunst. Wenn du dann aber Baumpilze betrachtest, die den Stamm in schönster Ordnung hochmarschieren, ändert sich schon der Eindruck. Und wenn du eine Blüte in voller, ungestörter Enfaltung vor dir hast, siehst du sicher keine Unordnung, sondern, wie du schreibst, „eher das Gegenteil“, nämlich eine so großartige Ordnung, dass sie einen fast atemlos macht. Da scheint einem Sternenweisheit entgegenzustrahlen. Und dann mag man sich wohl fragen. welche Ordnung offenbart sich hier? und beginnt zu zählen und zu rechnen und die Geometrie zur Hilfe zu rufen, um sie zu beschreiben. Jedenfalls geht es mir so.

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      • pflanzwas schreibt:

        Interessant was du schreibst und vielleicht fasziniert mich tatsächlich die Unordnung. Ich kann mich aber auch für die Ordnung begeistern, die genau wie du es beschreibst, uns atemlos macht. Man ist so überrascht, wenn man in der Natur Regelmäßigkeit entdeckt. Schön, wenn du die Zahlen zu Hilfe nimmst und sie dir etwas geben! Es ist interessant zu lesen, aber für mich wäre das nichts. Ich habe zwar ein gutes Gedächtnis für Zahlen, aber mit Mathematik und Logik habe ich immer auf kriegsfuß gestanden. Deshalb ist mir das vielleicht auch so fern. Aber jeder tickt anders und so entstehen verschiedene Sichtweisen und Ansätze. Wer weiß, demnächst ertappe ich mich vielleicht doch beim Zählen 😉

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    • gkazakou schreibt:

      ich fände es erstaunlich, wenn du NICHT mit dem Zählen anfängst, liebe Almuth. 😉

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  2. Johanna schreibt:

    Danke Gerda, so ist’s. Kürzlich las ich irgendwo, dass man ja mit Statistiken jede gewünschte Antwort hervorzaubern kann… naja, ich denke Statistik ist eben das ‚weiche‘ Ende der Wissenschaft…im Gegensatz zu der ‚reinen‘ Wissenschaft wie z.B. der Physik…da findet man auch leichter Zugang zu dem Staunen ob der Vollkommenheit.
    Ich mag besonders das letzte Bild – aber alle sind wunderbar!

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    • gkazakou schreibt:

      Ich freu mich, dass du die Fotos magst, Johanna. Und ja, das letzte ist ganz besonders. Bezüglich der Statistik: Wer sagte doch: „Ich glaube keiner Statistik, die ich nicht selbst gefälscht habe“? Oder die Steigerung: Notlüge-gemeine Lüge-Statistik? Statistik kann ja nur Korrelationen abbilden, aber vermag nichts zu erklären. Dennoch ist sie das Hauptinstrument bei all den „weichen“ Wissenschaften, sogar in der Medizin, und in gewisser Weise ist sogar die Physik davon betroffen, denn auch das Fallgesetz oder die Wellenform des Lichts oder was auch immer gilt nur solange, wie sich kein Gegenbeispiel findet, das zu einer neuen Theorie führt. Der einzige Zweig der Wissenschaft, der davon frei ist, ist die Mathematik, die ein rein geistiges Gebilde ist und nichts Materielles abbildet, also auch nicht falsifiziert werden kann. Das macht sie auch so attraktiv. Die Fibunacci-Reihe beginnt bei Null – also bei etwas in der Natur gar nicht Vorfindlichem – und gilt, egal ob sie sich an tatsächlichen Gegenständen findet oder nicht. Dasselbe gilt für geometrische Vorstellungen wie „Dreieck“ oder „Kreis“. Die machen mich persönlich weit mehr staunen als die Physik. Liebe Grüße dir! Gerda

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  3. lachmitmaren schreibt:

    Ich wünschte mir sehr, dass Will.i und der Zeitgeist endlich auch was von dem Lebendigen Ganzen zu verstehen beginnen!!! Das versteht man aber nicht, wenn man es zerpflückt. Wofür ist es wichtig, ob die Zahl der Blütenblätter Fibonacci folgt? Und außerdem: Der Goldene Schnitt zeigt sich doch über die Größenverhältnisse und nicht die Zahl der Blätter?

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    • gkazakou schreibt:

      Dein Wunsch ist mein Wunsch, liebe Maren. Aber schimpf nicht mir ihm. Woher soll ers haben? Er tastet sich voran, beginnt zu forschen – das ist doch schon mal ein Gewinn, finde ich. Wenn er es sich nur anlesen würde – nichts wäre gewonnen. Liebe Grüße!

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    • gkazakou schreibt:

      Richtig. Aber Will.i ist ein Kind seiner Zeit. Das einzige, was man erhoffen kann, ist, dass er langsam seine Sicht ändert, weil er selbst zu neuen Erkenntnissen gekommen ist. Dabei wollen wir ihm helfen. Schimpfen ist da wenig „zielführend“, wie das Modewort heißt.

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      • lachmitmaren schreibt:

        Tja. Jemand hat vorhin das Assessment der EMA gepostet für die Notfallzulassung von Biontech-Pfizer im Dezember letzten Jahres. Ich habe gerade versucht, wenigstens kleine Teile zu überfliegen. Sinngemäß (keine wörtlichen Zitate): „Auswirkungen auf die Umwelt wurden nicht untersucht, da die Wahrscheinlichkeit, dass solche bestehen, sehr gering ist. Das erschien uns plausibel.“ „Ob es Rückwirkungen auf die Gene geben kann, wurde nicht untersucht, da solche wegen der Inhaltsstoffe sehr unwahrscheinlich erscheinen. Das erschien uns plausibel.“ „Eine Kanzerogenität wurde nicht untersucht.“ „Autoimmunerkrankte waren in den Studien nicht erfasst. Daten dazu wird es im Laufe der Impfungen nach Notfallzulassung geben.“ (Ähnliches auch für andere „Risikogruppen“). Wie gesagt, ich habe das nur sehr rudimentär gelesen, und manches mag sich bei vollständiger Lektüre der 140 Seiten auch anders darstellen.
        Aber ich fürchte, das Schimpfen wirst du mir heute nicht abgewöhnen können … 😉

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  4. Werner Kastens schreibt:

    Wenn für Wil.i Zahlen das A & O sind, dann gib ihm doch mal diesen Link zum Lesen:
    https://www.was-darwin-nicht-wusste.de/wunder/mathematische-ueberraschungen.html

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    • gkazakou schreibt:

      O, danke, Werner! Das ist ein hervorragender Einstieg für Will.i, glaub ich, um von seiner reinen Zählwut runterzukommen und sich einen tieferen Einblick in die Wunderwelt der Natur zu verschaffen. Ich versuche, ihn dafür zu erwärmen!

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  5. Schön und perfekt sind sie alle. Dein Satz, liebe Gerda,
    und ich stimme ihm voll und ganz zu.
    Nicht nur zerpflücken, oh nein, auch bewundern, was die Natur geschaffen hat.

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