28.1.2021 Will.i und die Nicht-Wiederholbarkeit

Jeden Tag will Will.i etwas Neues lernen, erfahren, ausprobieren. Keine Wiederholung, bitte. Dabei ist die Wiederholung doch die Mutter allen Lernens! „Wie willst du etwas behalten und vertiefen“, sage ich zu ihm, „wenn du tagtäglich neue Eindrücke suchst und dich weigerst, zwei Mal dasselbe zu machen?“

Aber nein, da ist nichts zu machen. „Heute ist anders als gestern“, sagt er. „Heute ist neu.“ Ich denke, dass hängt mit seiner besonderen Beschaffenheit zusammen. Wir kennen ja die Wiederholung von Frühling, Sommer, Herbst und Winter.  Und wenn eine Blume verblüht, sagen wir: im nächsten Jahr kommt sie wieder. Feiern wir Weihnachten oder Ostern oder unseren Geburtstag, sagen wir: Nächstes Jahr wieder. Wir sind zuversichtlich, dass sich alles wiederholen wird, nun gut, vielleicht nicht geradeso wie jetzt und heute, aber doch „im Prinzip“.

Für Will.i aber wiederholt sich nichts. Heute ist heute, und dann ist es vorbei. Der 28. Januar ist nur einmal und nie wieder. Nichts und niemand kann ihn wieder hervorholen. Für Will.i wiederholt er sich nicht. Der Tag muss heute zeigen, was er ist und kann. Ein Aufschieben auf morgen gibt es nicht. Denn da ist schon wieder eine andere Zeit.

Ich versuche, mich so gut ich es vermag, seiner Seinsweise anzupassen. Und so gehen wir  an diesem einmaligen Heute einen neuen Weg. Der Himmel ist sehr blau, das Schneegebirge leuchtet weiß zu uns herüber, das Meer ist so hell, dass es mich blendet. Ich möchte sagen: „Letztes Jahr hatten wir um diese Zeit auch Schnee“. Aber solche Sätze verhallen sinnlos, Will.i  versteht sie nicht.

Doch es ist Will.i, der den Mann sieht, der auf der Straße liegt. „Da liegt einer“, sagt er. „Bist du sicher?“ frage ich und fühle Beklommenheit. Die Straße ist eigentlich nur eine abschüssige Bahn mitten im Nirgendwo, ich bin hier noch nie gewesen. „Ja, ein Mann“, sagt Will.i und  rennt los, ich hinterher. Der Mann richtet sich auf und schaut uns mit strahlendem Gesicht an, sein Mund mit den schneeweißen gesunden Zähnen lächelt uns an. „Alles in Ordnung?“ frage ich, und „Geht es hier zur Schlucht?“ Aber er versteht uns nicht. Ein Fremdling, der sich hingelegt hat, glückselig träumend, wie es scheint, im Tag mit seinem himmlischen Licht.

Wir beide gehen weiter, bis es nicht mehr weitergeht: da ist die Schlucht. Dass es hier überhaupt eine Straße gibt, verdankt sich, wie ich nun feststelle, einer Fotovoltaik-Anlage hinter einem tüchtigen Zaun. Auch ein Haus gibt es hier, schön gefügte Steine, ein Swimmingpool, keine Bewohner.

Sandova-Schlucht mit Schneegebirge

Die Schlucht ist hier sehr steil. „Wir müssen umkehren“, sage ich. „Wir kommen hier nicht weiter. Ich kann nicht fliegen.“ Widerwillig begibt sich Will.i auf den Rückweg. Er hasst Rückwege. „Noch mal dasselbe?“ mault er. Aber was hilft es. „Ja, manchmal muss man aufrebbeln, was man gestrickt hat“, sage ich.

Zum Glück öffnen sich neue Wege im Unwegsamen. Was es dort zu sehen und zu erleben gab? Vieles. Und so steigen wir hinab zum Meer, als die Sonne sich gerade verabschiedet.

 

Über gkazakou

Humanwissenschaftlerin (Dr. phil). Schwerpunkte Bildende Kunst und Kreative Therapien. In diesem Blog stelle ich meine "Legearbeiten" (seit Dezember 2015) vor und erläutere, hoffentlich kurzweilig, die Bezüge zum laufenden griechischen Drama und zur Mythologie.
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16 Antworten zu 28.1.2021 Will.i und die Nicht-Wiederholbarkeit

  1. Gisela Benseler schreibt:

    Ich finde, Will-i hat recht: Jeder Tag ist neu, und nichts wiederholt sich, auch wenn es so erscheint. Jedes Blatt, jede Blume sind neu, auch wenn sie fast genauso aussehen wie vor einem Jahr. Und jedes Wiederholen ist auch neu, weil sich der Mensch inzwischen verändert hat.

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    • gkazakou schreibt:

      Ja, das stimmt schon. Wie Heraklit sagte: Unmöglich, zweimal in denselben Fluss zu steigen. Wir Menschen aber haben eine Neigung, uns in dem ewigen Fluss feste Bezüge zu schaffen, zB Geburtstage, oder Dinge festzuhalten, zB als Fotos und schriftlich. Wir leben nicht nur am Tag, sondern auch in Vor- und Rückbezügen, sagen „vor einem Jahr, vor zehn Jahren“, vergleichen. All das ist für Will.i sinnlos. Er macht durch sein So-Sein darauf aufmerksam, dass „alles fließt“ und „nichts bleibt wie es war“.

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    • gkazakou schreibt:

      So sehe ich es auch,Gisela. Nun erlebt aber Willl.i dieses Kreisen oder auch diese Spirale nicht, er lebt sozusagen linear, vom 1.1. bis zum 31.12. Das wollte ich thematisieren, und damit anregen, über unser eigenes falsches Verhaftetsein und unsere Vorstellung der Wiederholbarkeit nachzudenken. Denn mir scheint, viele Menschen vermeinen, gerade so wie Will.i – auf einer Geraden zu leben, die mal ansteigend, mal abschüssig vom 1. bis zum letzten Tag des Lebens verläuft, und spüren nicht, dass unser Leben eingebettet ist in das spiralige Kreisen von Natur und Kosmos. Auf diesen Unterschied zwischen Will.i,, der eine willensbetonte technik-begeisterte Kunstfigur ist, und uns wollte ich hinweisen.

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      • Gisela Benseler schreibt:

        Ja, das ist die andere Seite. Und so sehen auch wir die Dinge auf diese Weise anders und neu. Und diese Erkenntnis ist ja schon einmal ein Fort-Schritt. Allerdings nicht linear, wie wir es oft vermeinen, sondern in Kreisen oder Spiralen…

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      • lachmitmaren schreibt:

        Das hats du sehr schön gesagt, liebe Gerda. Etwas Ähnliches habe ich gestern versucht, mit meinem Beitrag zu den „Menschenbildern“ auszudrücken. Den Unterschied dieser beiden Sichtweisen. Und die Frage, welcher wir für eine gute Zukunft der Menschheit den Vorzug geben wollen. Habe aber gerade heute Morgen wieder an einem Kommentar festgestellt, dass die Sicht, wonach unser Leben eingebettet ist in Natur und Kosmos, bei manchen eine Art automatische Ablehnung hervorzurufen scheint.

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  2. Gisela Benseler schreibt:

    Die Photos sind alle ganz wunderbar! Ich sehe sie erst jetzt alle.Herrlich.

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  3. Johanna schreibt:

    Die Sache mit Will.i ist interessant, denn, wie Du schon sagtest, fordert sein ungewöhnliches Dasein uns unsere Sicht neu und anders zu fokussieren. So als gábe es nur eine einmalige Chance, einen einmaligen Versuch, und nicht wie bei uns viele Wiederholungs- und Korrekturmöglichkeiten.
    Man sagt ja auch: Lebe jeden Tag als sei es der Letzte.

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  4. Heraklit hat recht. Auch wenn ich immer wieder den gleichen Weg durch unser Hausgebirge gehe, ist es immer wieder etwas anderes. Auch dass man steile Wege inzwischen auslässt und sich daran erinnert, wie man sie früher mit Leichtigkeit überwunden hat, gehört dazu.

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  5. Alles erlebt er ein einziges Mal, der Will.i, der eigentlich das uns umgebende Jahr ist, liebe Gerda. Er zeigt uns, wie priviligiert wir sind, wir können mehr als nur ein einziges Jahr genießen, leiden und mit allen unseren Sinnen erleben.
    Wie steht er denn zu dem vergangenen Jahr und zu dem, das nach ihm kommt?
    Sein Vater vor ihm, sein Sohn nach ihm?

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