Shut up? Shut down?

Mir ist ein Lied eingefallen, das ich oft beim Gehen laut vor mich hinsinge. So mache ich mir Mut. Es ist ein Endloslied, und bis auf den Refrain ist es Griechisch. Denn im Griechischen kannst du endlos reimen. Das Lied geht ums Aufmachen und Zumachen. Anigo (ανοίγω) ich mache auf,  anigume (ανοίγουμαι) ich mache mich auf.

Und so singe ich mit meiner Greisinnenstimme:

Ich mache mich auf, ich öffne meine Arme, ich öffne meine Hände, ich öffne mein Herz, ich öffne meine Segel, ich öffne die Grenzen, ich öffne meine Tür, ich öffne mich –

Shut up! shut down! o nonono, not with me. –

Ich öffne mich, ich mache mein Herz auf, ich mache meinen Mund auf, ich mache meine Ohren auf, ich öffne meine Flügel, ich öffne meinen Laden, ich öffne, ich mache mich auf! 

Shut up! Shut down! o nonono, not with me!

Ich mache mich auf. Ich öffne mein Herz, ich öffne meine Arme, ich öffne meine Brust, ich öffne meine Augen, meinen Mund….

Ich hätte es gern, ein Kinderchor würde dies Lied singen, lauthals, mit den entsprechenden Bewegungen: Ich mache auf! Shut up! Ich öffne – shut down! Singen und Lachen und die Arme ausbreiten wie Flügel, wie Segel, und die Türen, die Häuser öffnen, die Grenzen auch, alle Grenzen….

Dass schießen und schließen ebenso wie shoot und shut lautlich so nah beieinander liegen, ist ja vielleicht nur ein Zufall. Aber an den Grenzen, und warum nicht auch am Haus und im Herzen können sie durchaus zusammen auftreten, dann nämlich, wenn einer öffnen will, was der andere geschlossen halten möchte. Dann gibt es ein Schießen und Stechen.

Ich selbst habe Schüsse und Stiche abbekommen, sobald ich nur ein wenig den Debattenraum öffnen wollte. Sofort rief man mir entgegen: Shut up! Hast du denn gar kein Mitgefühl mit denen, die trauern? Wir brauchen Ruhe, Stille, wir sind in Trauer, und sind wirs nicht selbst, so ist es doch der Nachbar! Siehst du nicht den, der mit dem Tode ringt? Schämst du dich nicht? Schscht! Ruhe! Halt den Mund. Halt endlich den Mund! Warum hältst du nicht endlich den Mund!!! Es ist Trauerzeit, Winterzeit, Verpuppungszeit. Shut up! shut down!

Und warte ab! Alles wird sich richten! Kommt die Zeit, kommt auch die Öffnung. Jetzt ist Shut down. Winter. Stillstand. Ruhe.  Mit deinem Geschrei störst du die Transformation.

Ich ringe mit mir. Soll auch ich die Rollläden runterlassen? Kommt vielleicht schon bald der Morgen? Was aber, wenn es kein Morgen mehr gibt? Ist es nicht ein Irrtum, gesellschaftliche Prozesse mit dem natürlichen Wechsel gleichzusetzen? Ja, der Frühling folgt dem Winter, immer, ewig ist dieser Kreislauf im Planetenwandel verankert.  Aber ist das in der Menschenwelt auch so? Was ist, wenn Shut down auf shut down folgt, „hundert Jahre Einsamkeit“? Wenn Grenzen, Läden, Häuser,  Herzen, Hände, Münder geschlossen bleiben wie im Märchen von Dornröschen, und die Menschheit ihre einzige Hoffnung auf den Prinzen mit dem merkwürdigen Namen Bill (Rechnung)  und Gates (Pforten) setzt, über den ich mir auch schon mal meine Gedanken machte?

Ich habe große Lust, mich in den Dornröschen-Turm zu begeben, wo die Nadel auf mich wartet, die mich stechen soll, damit auch ich in tiefen tiefen Schlaf verfalle. Und bunt träume von Blumen und Sonnenaufgängen, während um mich herum die Welt in Eiseskälte erstarrt. Denn wach zu sein in solchen Zeiten bedeutet: ärgerlich zu sein.

Und schließlich: was geht mich die Zukunft an?

Kurzum, es gibt in mir eine Müdigkeit, die dem Befehl SHUT UP SHUT DOWN folgen möchte. Doch ist das angemessen? Finbar schenkte uns heute ein Gedicht, das den Seelenzustand im Dämmerbereich wiedergibt bis zu dem Punkt, wo die Purpurlippe des Himmels sich öffnet und das Sonnenauge hervorspringt. Es ist ein Romantiker-Gedicht, von einem noch jungen Mann geschrieben (Eduard Möricke), der sich aus dem Traum freiringt, um ins Wachsein, in die frische Tätigkeit einzutreten.

Die Purpurlippe, die geschlossen lag,
Haucht, halbgeöffnet, süße Atemzüge:
Auf einmal blitzt das Aug, und, wie ein Gott, der Tag
Beginnt im Sprung die königlichen Flüge!

 

 

 

 

Über gkazakou

Humanwissenschaftlerin (Dr. phil). Schwerpunkte Bildende Kunst und Kreative Therapien. In diesem Blog stelle ich meine "Legearbeiten" (seit Dezember 2015) vor und erläutere, hoffentlich kurzweilig, die Bezüge zum laufenden griechischen Drama und zur Mythologie.
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31 Antworten zu Shut up? Shut down?

  1. wildgans schreibt:

    Gute Gedanken, die auch in meinem Rückzugsgebiet stattfinden.
    Aber vollends zumachen, wie du sagst: Unmöglich!
    Grauheitere Grüße von
    Sonja

    Gefällt 4 Personen

  2. mikesch1234 schreibt:

    ach, ich würde das Lied gern mal hören …

    gibt es youtubelink zu der Melodie?

    LG

    Gefällt 2 Personen

  3. Gisela Benseler schreibt:

    Das Möricke-Gedicht ist ein Aufwecker. Die stechende Nadel schläfert ein. Wenn dann aber kein Prinz kommt, um zu erwecken, was dann? Ich bin dafür, dem Rufe von Eduard Möricke zu folgen…🌞🌹🍀genau im richtigen Augenblicke.👀👂

    Gefällt 1 Person

  4. Gisela Benseler schreibt:

    Deine Clematis-Blüten sind wie ein lieblicher Traum.🌸🌿

    Gefällt 1 Person

  5. Mit offenen Augen durchs Leben zu gehen, war schon immer gut!
    Der Dornröschen Schlaf endet vielleicht mit dem Prinz-Wunderimpfstoff, so denken die Meisten! Die Hoffnung stirbt zuletzt schauen wir mal! Und wer bei allem mitmacht muss nicht richtig liegen!
    Und Gerda, Du bist nicht alleine! Die Stiche stecken wir weg!😉🍀❤🍀😊😉🙋‍♀️
    Liebe Grüße Babsi

    Gefällt 2 Personen

  6. Verwandlerin schreibt:

    Ja, Mutmacher kann man in dieser Zeit weiß Gott gebrauchen!

    Gefällt 2 Personen

  7. felsenquell schreibt:

    Das ganze lange Gedicht von Eduard Möricke hat die Überschrift „An einem Wintermorgen vor Sonnenaufgang“ und endet mit dem Bild der Pupurlippe, die den Tag ankündigt.Ich lese es jedes Jahr in der Weihnachtszeit und freue mich, daß es noch mehr Liebhaber dieses wunderbaren Gedichts gibt. Sucht es raus, es lohnt!

    Gefällt 1 Person

  8. Mal geht nach oben, mal gehts nach unten. Unten wsr ich, Sehr langsam geht es nun wieder nach oben.
    Nur über Blumen zu lesen bei Dir, wäre nicht Gerda gerecht, wenn ich auch die knallblaue Winde windenschön finde und Dein Lied möchte ich zu gerne gesungen hören.

    Gefällt 4 Personen

  9. TeggyTiggs schreibt:

    …schöne Verse hast Du da gedichtet…ich wünsche uns Gleichmut und den Blick auf Höheres, Lichtvolles…

    Gefällt 2 Personen

  10. Das wär doch schön, Gerda!

    Gefällt 1 Person

  11. Johanna schreibt:

    Liebe Gerda, ein wunderbares Lied, dass ich auch gesungen hören möchte (von Dir, von Kindern?) Es sagt genau das aus, was im Herzen vorgeht, d.h. wenn sich das Herz noch nach Licht und Leben sehnt….
    Ich habe auch Stiche und Stacheln im ‚Debattenraum‘ erlebt, und sage immer weniger. Aber ganz verstummen werde ich nicht, und mir weiterhin das Recht erbitten, selber zu denken, und auch anderer Meinung zu sein. Das Gefährlichste ist das Nichtzulassen anderer Ansichten, was den Anderen aus der Menscheitsfamilie ausschliesst und ihn als minderwertig darstellt. Die Geschichte kann doch nicht so sehr vergessen sein? Auch wenn die Ereignisse anders sind, so wiederholen sich Prinzipien und das gefühlte Erleben….
    Ich werde auch Dein Lied mitsingen 💓

    Gefällt 1 Person

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