Pasiphae und der Stier, Minotaurus (Jürgens + Peters Schnipsel)

Aus einer Zeit, als Corona noch nicht auseinandertrieb, was gerne zusammenwirkte.

Jürgen Küster, von mir geschätzter Künstler und freundlich zugeneigter Mensch, der mir Materialien schickte, die ich in vielen Bildern verarbeitete, hat mir die Freundschaft aufgekündigt. Er ist der vorerst letzte in einer ganzen Reihe geschätzter Mitblogger und sogar Freunde. Als mich ihr Verdikt traf, fühlte ich mich wie der bekannte Hammel im „Schicksal“ überschriebenen Morgenstern-Gedicht:

Der Wolke Zickzackzunge spricht:
ich bringe dir, mein Hammel, Licht.

Der Hammel, der im Stalle stand,
ward links und hinten schwarz gebrannt.

Sein Leben grübelt er seitdem:
warum ihm dies geschah von wem?

Inzwischen habe ich etwas mehr verstanden über die Mechanismen der Distanzierung und Ausgrenzung, wenn die eigenen Abwehrmechanismen bedroht werden. Ich hatte nicht mit den Ängsten gerechnet, die die neuen Nazis bei vielen Deutschen wecken.

Ich stamme aus einer Zeit, als mein Heimatland noch von den Altnazis verseucht war, und die Verbrechen des „Dritten Reiches“ mit Schweigen zugedeckt wurden. Bei mir führte das zum frühen Widerstand und schließlich zur Flucht aus Deutschland. Ich wollte meine deutsche Identität abstreifen, aber sie folgte mir wie ein Schatten. Denn die Identität ist nicht das, was ich zu sein meine, sondern was andere mir als Etikett aufdrücken. So wie jetzt wieder. „Du als Deutsche“und jetzt? Was bin ich jetzt?

Als ich vor über fünf Jahren diesen Blog einrichtete, war es ein vorsichtiges Herantasten an das Deutschland,das ich verlassen hatte. Mir fehlte die deutsche Sprache, die ich sehr liebe. Ich fand andere Blogs. feine Menschen, und freute mich, durch ihre Augen einen neuen Blick auf meine alte Heimat werfen zu können. Vieles von dem, was ich da seh, gefiel mir. Und vielen gefiel das, was ich zu sagen und zu zeigen hatte (die Zahl meiner „followers“ stieg auf über 700).

Aber dann kam Corona, der Virus der sozialen Distanzierung und der Masken. Ich wollte weder das eine noch das andere akzeptieren. Brücken des Verständnisses wollte ich bauen und Gesicht zeigen. Aber mein Gesicht gefiel nicht, und mein Brückenbauen wurde als schlimme Fehlleistung gebrandmarkt. Dabei kann ich gar nicht anders, als immer wieder Brücken zu bauen: Denkt ihr, es war einfach, im Griechenland der Besatzungsverbrechen zuerst und der hochmütigen deutschen „Hilfsangebote“ später Deutsche zu sein? Doch hier wurde ich nie ausgegrenzt, man sah mir ins Gesicht und sagte „du bist keine typische Deutsche“- was immer das heißt. Nun scheint es sich mal wieder zu bewahrheiten: Ich bin „keine typische Deutsche“, wenn Deutschsein bedeutet, die Menschen nach Gesinnungen einzuteilen.

Ausdrücklich möchte ich betonen, dass ich, während ich meine Ansichten vehement vortrug, niemanden kränken wollte und niemandem das Recht auf seine eigenen Ansichten in Abrede stelle . Demokratie besteht darin, sich auszutauschen. Und ich halte daran fest, auch wenn die, um die es hier im besonderen geht, gar nicht mehr mitlesen. Denn für mich hat sich nichts geändert. Für mich bleiben die, die mich nun schneiden, die, die sie auch vorher waren. Und ich verfolge wie zuvor ihre Blogbeiträge, weil sie mir gefallen.

Im Gedenken an die Corona-ungetrübten Zeiten werde ich ein paar der Kooperationen von damals rebloggen.

GERDA KAZAKOU

Schatten –  Licht

sichtbar – unsichtbar, verborgen, bekleidet

Das sind die polaren Begriffe, die ich aus Jürgen Küsters bzw Peter Maschkes Material herausgelesen habe und um die meine Fantasie nun kreist. Dabei entstand nicht nur das Legebild „Schatten, sichtbar…“, das ich gestern zeigte, sondern noch drei weitere, alle der griechischen schwarzen Vasenmalerei nachempfunden.

I. Pasiphae und der Stier

Pasiphae, „die alles Überstrahlende“ war eine Tochter des Helios (Sonne, Licht). Doch sie hatte auch ihre Schattenseite: sie verliebte sich leidenschaftlich in den Stier, den ihr Mann, König Minos von Kreta, nicht, wie er sollte, dem Zeus geopfert hatte. Der geniale antike Ingenieur Dädalos schuf eine künstliche Kuh, in die kroch sie hinein, um sich vom Stier (Tavros) begatten zu lassen. Aus der Vereinigung entstand Minotaurus (Stier des Minos).

Pasiphae und der Stier (c) gerda kazakou 2018

Die Alles-Überstrahlende Pasiphae also bekleidet sich mit der Kuhform, um im Verborgenen

Ursprünglichen Post anzeigen 221 weitere Wörter

Über gkazakou

Humanwissenschaftlerin (Dr. phil). Schwerpunkte Bildende Kunst und Kreative Therapien. In diesem Blog stelle ich meine "Legearbeiten" (seit Dezember 2015) vor und erläutere, hoffentlich kurzweilig, die Bezüge zum laufenden griechischen Drama und zur Mythologie.
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23 Antworten zu Pasiphae und der Stier, Minotaurus (Jürgens + Peters Schnipsel)

  1. afrikafrau schreibt:

    Mir gefällt, wie du deine Lage beschreibst, verstehen kann ich, dass du etwas enttäuscht bist. Da ich zeitweise von außen auf unser Deutschland geblickt habe, auch meine direkte Art , mich zu äußern, gibt es Menschen, die nicht so gut damit zurechtkommen, so versuche ich meine eigenen Befindlichkeiten etwas mehr zurückzustellen. Allen kann man nie gerecht werden. Viel haben verlernt, anständig zu debattieren, oder sich in andere hinein zu versetzen, gerade jetzt scheint mir ,dass viele nicht zurechtkommen, Schwierigkeiten haben, ihre Empfindlichkeiten zunehmen und misstrauisch geworden sind. Ihre Ängste nicht äußern. Mir gefällt auch, wenn du immer wieder Diskussionen, oder Debatten anregst, über etwas (oder über sein eigenes Handeln ) nachzudenken. Da dies nicht sehr häufig in Blogs zu finden ist. Lasse dich bitte nicht entmutigen.
    Hat man eine etwas direktere Art, sich zu äußern, erschreckt das schon mal bestimmte Leute. Das kenne ich auch, aber wie du selbst sagst, gehört dies zu deiner Persönlichkeit. Respekt, denn wir sind nicht alle bequem geworden, zu Hinterfragen, zu Überlegen, eine Meinung zu vertreten. Nicht im Strom mit zu schwimmen. Dir wünsche ich einen wunderschönen Tag.

    Gefällt 7 Personen

    • gkazakou schreibt:

      Danke, liebe Afrikafrau, für deinen verstehenden und ermutigenden Kommentar. Manchmal denke ich halt, es lohnt sich nicht, Debatten anzuregen, da doch fast alle in ihren Startlöchern sitzenbleiben und sich nicht von der Stelle rühren. Aber dann sehe ich, dass sich manche mehr trauen, weil ich mich traue. Und das ist ja schon ein großer Erfolg, finde ich. Wenn sich niemand mehr traut, schrumpft die Kommunikation auf freundliche Bestätigungsrituale und die Gräben zwischen den unterschiedlichen „Milieus“ werden tiefer. Toleranz gegenüber dem Andersenkenden will geübt sein, und sicher mache ich auch meine Fehler, wirke manchmal intolerant.
      Auch dir einen schönen Tag wünschend, Gerda

      Gefällt 7 Personen

  2. Karin schreibt:

    Liebe Gerda,
    da Du so weit entfernt vom wirklichen Geschehen hier bist, kannst Du Dir gar nicht vorstellen, wie absurd das Handeln der Menschen, Behörden, Regierung, Presse usw. zum Teil ist. Natürlich haben die Bilder aus Italien die gröbsten Ängste geschürt und es mußte schnell gehandelt werden – aber Du kennst die deutsche Gründlichkeit, das alles im Griff haben wollen, was ein Unding ist und das grenzte uns alle erst einmal aus und wir waren sklavisch bemüht, uns an die Vorschriften zu halten.
    Inzwischen sind wir um Erfahrungen reicher und den Mut zur Öffnung, der sich im Moment zeigt, den sollten wir unterstützen (Maske dort, wo wir in unmittelbarer Nähe zu anderen sind und auch die Abstandsregeln zu Fremden) aber Schulen, Konzerte, Gaststätten, die vielen kleinen Händler, sie dürfen nicht mehr ausgegrenzt werden, da finde ich diese Gegenbewegung auch in Ordnung. Dass sie okkupiert werden von den Rechten ist leider der Fall und hier muß wie seinerzeit bei Pegida eine klare Abgrenzung erfolgen.
    Eine Absurdität aus der Nachbarschaft: eine Frau und alle ihre Kollegen mußte sich vom Arbeitnehmer testen lassen, geschah Mitte vouiger Woche; bisher hat sie noch kein Ergebnis !
    Ich bin noch älter als Du und habe erst aus dem Holocausfilm im Fernsehen von dem erfahren, was in Deutschland passiert ist – der zweite Weltkrieg war in der Schule kein Thema und im Elternhaus auch nicht, da mein Vater erst 1951 aus russ.Kriegsgefangenschaft heimkam, habe ich ihn auch nie gefragt, weil ich da auch noch nicht neugierig wr, ich war einfach nur froh, dass er wieder da war. Ich muß dazusagen, dass in Goslar kein fühl- und sichtbarer Krieg stattfand, die Stadt blieb total verschont. Ich habe zitternd und heulend vor diesen Sendungen gesessen, wäre gern geflüchtet, habe es aber ausgehalten und das war 1979 .
    Mich stört u.a. gewaltig, dass ich hier sofort als Antisemit verschrien werde, wenn ich mit dem Handeln der heutigen israelischen Regierung nicht einverstanden bin ,sie ihren Gefangenen das antun, was sie erleiden mußten, aber das ist ein anderes Thema.
    Manchmal habe ich den Eindruck, dass die Verantwortlichen einfach keinen Mut haben zu Beschlüssen, die auch mal falsch sein können, sie scheuen das Risiko – weil es ja auch Wählerstimmen kosten könnte.
    Unsere Politiker hatten es nicht leicht, waren oft auch überfordert, das halte ich ihnen zugute, aber die Situation hier ist im Griff und ich würde gern mal die momentan normal Grippekranken den Coronaneufällen von 1302 gestern gegenüberstellen.
    Da ich allein bin, hat mir die erzwungene Isolation, der Wegfall aller kuilturellen Kontakte sehr zu schaffen gemacht, zumal ich ein sehr kontaktfreudiger Mensch bin.
    Eine Bemerkung noch zum Nazidenken: wenn Du Stammtischgespräche, Saunagespräche, Marktgespräche der alten Männer mitanhören könntest – Dir würden die Haare zu Berge stehen – da ist nichts verloren gegangen.
    Wir müssen lernen aus dieser Situation, müssen erkennen, wie wichtig demokratisches Denken ist, Toleranz aufbringen zu unbequemen anderen Meinungen und immer wieder miteinander reden.
    Sei nicht traurig, dass Menschen Dir im Moment nicht mehr folgen wollen, schreibe das, was Dich bewegt, wir haben Meinungsfreiheit und akzeptiere, dass manche Dich (Deinen Dickkopf -:)))nicht verstehen.
    Herzliche Grüße vom Dach, Karin

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    • gkazakou schreibt:

      Liebe Karin, ich freue mich sehr über deinen mit Gedanken gespickten Kommentar. Der Dickkopf mag wohl stimmen. Vielleicht ist die Dickköpfigkeit auch beidseitig, denn Ulli und ich haben denselben Geburtstermin (natürlich etliche Jährchen auseinander). Zwei Stiere in Menschengestalt – da kann es schon mal krachen. ;)))
      Herzliche Grüße aus einer immer noch allzu heißen Sommernacht. Gerda

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  3. TeggyTiggs schreibt:

    Liebe Gerda, Du hast einen guten Eintrag gemacht, wie ich finde!

    Ich möchte mich gar nicht konkret zur Situation äußern, denn ich versuche, nicht bei dem hängen zu bleiben, was sich an der Oberfläche zeigt.

    Woran ich mich nicht gewöhnen mag ist, dass Menschen zu Feinden werden, wenn sie unter sich gegenteilige Meinungen feststellen. Je größer die Toleranz, je weiter das Herz, je offener der Geist, um so friedlicher und liebevoller das Leben…

    …und, friedlich und liebevoll, wollen das nicht die allermeisten leben?

    …was macht schon das Denken eines Menschen aus, er kann es morgen wieder ändern, selbst eine Handlung kann später bitter bereut werden. Ich würde mich mit jedem unterhalten, der im Gespräch auch mir zuhören würde, egal ob Nazi, Katholik, blau, gelb oder gestreift…
    lg TeggyTiggs

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    • gkazakou schreibt:

      Danke dir, genau das ist mein Punkt: wieso werden Menschen, die überhaupt keinen Grund dazu haben, plötzllich zu Feinden, weil sie verschiedener Meinung sind, weil sie Ereignisse unterschielich einschätzen und gewichten? Im vorliegenden Fall ist es freillich nicht soo schlimm, denn Feinde sind wir nicht geworden.

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    • nandalya schreibt:

      Den Diskurs zu fördern ist richtig und wichtig. Was wären wir ohne Worte? Leider scheint man in Deutschland die Diskussionskultur vergessen zu haben. Wer eine andere Meinung hat wird angepöbelt, um es salopp auszudrücken. Alternativ entzieht man demjenigen auch die Nähe und kündigt sogar die Freundschaft auf. Daraus entsteht zum Teil körperliche Gewalt, wie der Blick auf die USA deutlich zeigt.

      Gewalt schockiert mich wenig, diese Bilder gehen an mir vorbei. Aber ich kann das Unrecht erkennen, was mich zumindest ungehalten macht. Auf Blogs, in Foren, herrscht eine andere Form der Gewalt. Dort wird mit Worten scharf geschossen und Gegner mundtot gemacht. Aber der scheinbare Sieg ist letztlich eine Niederlage. Nur wer sich zwar hitzig, aber doch sachlich austauscht, der gewinnt auf beiden Seiten. Wo ist das Problem, wenn jemand eine andere Meinung hat?

      Gut finde ich, dass du mit allen redest. Das mache ich ebenso. Als ich noch in Deutschland lebte auch sehr gern vor Wahlen. Mit Fragen zum Parteiprogramm, habe ich den ein oder anderen Wahlkämpfer in große Verlegenheit gebracht. 😉

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    • gkazakou schreibt:

      Stimmt, es schmerzt, TeggyTiggs, und es ist vollkommen überflüssig (meine ich). Die Welt ist voll von Pulverfässern und Kriegen, bei uns hier in der Ost-Ägäis droht ein bewaffneter Konflikt – wie kann man hoffen, dass sich Völker mit unterschiedlichen Interessen und einem alten Streit friedlich einigen, wenn wir, in unserem engen Bloghausen, bei gleichen Interessen und ähnlichen politischen Einstellungen, es fertig bringen, uns über des Kaisers Bart zu zerstreiten? (Hoffentlich ist der „Kaisers Bart“ nun nicht ein neuer Nagel für einen neuen Hammerschlag.) Hols der Teufel, warum kann ich nicht endlich meine Spottsucht zurückhalten und zugeben, dass ich überhaupt nicht nach Berlin gefahren wäre, weil ich keine Lust gehabt hätte, in einen Straßenkampf zwischen Fa und Antifa zu geraten – etwas, was ja dann zum Glück ausblieb.)
      Ok, ich geh jetzt mal schlafen. Gute Nacht und Dankeschön! Gerda

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      • TeggyTiggs schreibt:

        …ich kann Dir nur zustimmen, aber was sollen wir machen, Welt und Menschen sind wie sie sind…etwas erstaunt, liebe ich sie trotzdem…

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      • gkazakou schreibt:

        O ja! Auch ich liebe sie! Sehr sogar! Das ich ja ein Grund, warum ich mich so ins Zeug lege, wenn ich meine, dass ihnen (uns) ihre (unsere) köstlichste Eigenschaft – die Fähigkeit zur Freiheit – strittig gemacht wird-

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      • TeggyTiggs schreibt:

        …ich würde gern die Fähigkeit zur Freiheit in die Fähigkeit zu Empathie wandeln und dafür von einer uns eigenen, von uns untrennbaren Eigenschaft, nämlich uns in Freiheit bewegen und denken zu können sprechen…die, die uns beides nehmen wollen, bekämpfen im Grunde das Leben selbst…

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      • gkazakou schreibt:

        Ja, Umwandlung der Freiheit in Empathie wäre tatsächlich dem Menschheits- und Tierglück sehr zukömmlich. Die Fähigkeit zur Empathie ist uns Menschen auch eingeboren – genau wie die zur Freiheit – , aber sie bedarf der Schulung, und die ist nur unter den Bedingungen der Freiheit möglich. Unfreiheit ist tendentiell gekoppelt mit Gehorsam und Regelbefolgung, Freiheit mit Gewissen (das Gute) und dem Gespür für das Richtige (das Wahre). Dieses wiederum wird durch die Wahrnehmung des Schönen geschult (der berühmte idealistische Dreisatz vom Wahren, Guten, Schönen). Dazu insbesondere Friedrich Schillers „Ästhetische Erziehung des Menschen“.
        Als ich ein Kind von vielleicht 11 Jahren war, schrieb mir ein Lehrer ins Zeugnis: „Aufgeschlossen fürs Wahre, Gute und Schöne“. Ja, das war ich. Aber dann, in ständiger Abwehr der Zumutungen einer unfreien bleiernen Zeit und ohne geeignete Förderung verwilderte ich: ich war „dagegen“, Opposition, und konnte das „Dafür“ nicht finden, fiel in schwarze Löcher der Verzweiflung. Denn wenn die Freiheit – Voraussetzung der Gestaltungs des inneren Menschen, seiner „ästhetische Erziehung“ – auf dem Rückmarsch begriffen ist, verwildern wir Menschen. . Ich hatte zum Glück im Aufwachsen Natur um mich, deren Schönheit mir einen gewissen Halt gab.

        Wenn den Heranwachsenden außer der Freiheit auch die Anschauung der Natur entzogen wird und sie auf die reine Verstandestätigkeit zurückgeworfen werden, kommt zur Wildheit die Kälte.. Schiller sah diese Tendenzen schon in seiner Zeit im Wachsen begriffen: „»Jetzt aber herrscht das Bedürfnis und beugt die gesunkene Menschheit unter sein tyrannisches Joch. Der Nutzen ist das große Idol der Zeit, dem alle Kräfte fronen und alle Talente huldigen sollen. Auf dieser groben Waage hat das geistige Verdienst der Kunst kein Gewicht, und aller Aufmunterung beraubt verschwindet sie von dem lärmenden Markt des Jahrhunderts. Selbst der philosophische Untersuchungsgeist entreißt der Einbildungskraft eine Provinz nach der andern, und die Grenzen der Kunst verengen sich, je mehr die Wissenschaft ihre Schranken erweitert«
        Ich glaube, all die, die sich von mir jetzt abgewendet haben, sind auf demselben Weg wie ich. nur haben sie je andere Lebensgeschichten: Manchen mag die politische Freiheit ein ungefährdetes Gut sein, so dass sie sich in Sicherheit der Pflege ihres inneren Menschen hingeben wollen. Andere wiederum sehen zwar eine Gefährdung, aber nicht im Grundsätzlichen, sondern nur partiell, bezogen auf bestimmte Bevölkerungsteile („Nazis“) und meinen, auf diese müsse man sich konzentrieren. Einigen mag die Problemlage noch gar nicht aufgegangen sein, und so laufen sie mal in die, mal in jene Richtung.
        Warum ich das nun mit dir hier bespreche, TeggyTiggs? Weil ich denke, dass du es am besten verstehst. Du hast den „Mut zur Freiheit“ aufgebracht, indem du dich aus der Fesselung durch Konsum und Technik weitgehend befreit hast. Das war offenbar dein Weg, um die Entwicklung deines Inneren Menschen in Ruhe in Angriff nehmen zu können. Weil du dabei deine Willenskräfte geschult und nicht die Sicht auf das Ganze verloren hast, kannst du auch Verständnis für meinen Weg aufbringen.
        Vielleicht schickst du mir mal dein Buch als pdf-Datei, damit ich deinen Weg noch besser verstehe?
        Liebe Grüße! Gerda

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      • TeggyTiggs schreibt:

        Liebe Gerda, danke erst einmal für die ausführliche Antwort. Ich bemerke doch große Bildungslücken bei mir, Schiller las ich nie…dafür eben anderes, wahrscheinlich sehr verschiedenes. Ich schicke Dir das Buch, muss jetzt gleich aber erst einmal weg…
        …liebe Grüße!

        Gefällt 1 Person

  4. nandalya schreibt:

    Danke für diesen Einblick in dein Leben, Gerda. Ich habe mir die Frage gestellt, wie ich auf japanische Kriegsverbrecher reagiert hätte. Mit kaltem Zorn ist die Antwort. Dem gleichen Zorn den ich empfand, als ich Dachau besucht habe. Zorn auf die feigen Mörder.

    Aber jeder Mensch ist anders. Japaner, Asiaten, haben eine andere Haltung zu Gewalt und Kriegen. Du erinnerst dich vielleicht an unsere Diskussion über Schuld. Japaner empfinden keine.

    Auch wenn ich nur etwas von Kampfkunst verstehe, so mag ich Kunst doch gern. Bilder sind für mich oft Türen in verborgene Welten. Danke dass du deine auch für mich geöffnet hast.

    Dein Blog ist gut und richtig. Wer dir folgen möchte, wird es tun. Für heute muss ich dich allerdings verlassen. Es ist schon wieder spät in Fukuoka. Dir eine gute Zeit und Nacht.

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    • gkazakou schreibt:

      Danke, Nandalya, für deinen schönen Kommentar. Bilder sind tatsächlich „oft Türen in verborgene Welten“, drum liebe ich die Bildersprache. Da kann jeder hineinspazieren und das herausholen, was er mag und brauchen kann. Wie anders sind die Wörter, besonders, wenn man seine Sprache gern wetzt und seine Freude an intelligenten Wortgefechten hat! Da kommt dann so mancher und sagt: „nee, mag ich nicht“, und dreht mir den Rücken und geht. 😉

      Gefällt 1 Person

  5. Liebe Gerda
    du bist und bleibst mir wertvoll, völlig egal was Du für eine Meinung hast!
    Du bist seriös und niveauvoll! Wenn nicht durch und mit der Kunst kann man seinen Gefühlen, Gedanken und Einsstellungen Ausdruck verleihen? Die Kunst zeigt uns auch die Vergangenheit und ihre politischen Umbrüche! Die Künstler haben nicht nur beobachtet, sie hatten sicher auch eine Meinung! Aufjedenfall zeigt sie uns die Zeit mit all ihren Facetten, ob gut oder schlecht!
    Wie kann man Dir die Freundschaft kündigen, dies erschließt sich mir in keinster Weise!🤔
    Ganz liebe Grüße Babsi

    Gefällt 4 Personen

  6. www.wortbehagen.de.index.php schreibt:

    Demokratie besteht darin, sich auszutauschen.
    Ich nehme Deinen Satz auf und bestätige ihn gerne. Du bist die Gleiche wie immer, warum also sollte ich bei Dir nicht mehr lesen? Es ist nicht einfach, manche Dinge zu bemerken, die uns an Anderen nicht gefallen. Doch sollten wir gerecht sein und gut zuhören, wenn einer sachlich seine Meinung zu einem Thema vertritt. Daß es nicht immer unsere eigene ist, ist natürlich und sollte nie entzweien.
    Gibt es das überhaupt, typisch deutsch oder typisch anders? Meine italienische Freundin ist das Gegenteil einer typischen Italienerin, nur im Kochen, da ähnelt sie einer Italienerin *lächel*
    Angst läßt uns oft ungerecht werden …
    Als Menschen sollten wir uns fühlen! Menschen, die zur Zeit unter einem verdammten Virus leiden, der eine mehr, der andere weniger… Keiner ist ganz frei davon.

    Gefällt 4 Personen

    • gkazakou schreibt:

      Danke, Bruni, wie recht du hast! Wie gern würde ich mich nur als Mensch fühlen! Wir sind wohl alle auf dem Weg dahin, aber es ist noch eine tüchtige Wegstrecke zurückzulegen Und selbst, wenn es sowas gäbe wie „typisch deutsch, typisch griechisch, typisch japanisch“ – wäre das schlimm? Es wäre ja nur eine Prägung unter vielen. Das wichtigste ist dann doch die reine Menschlichkeit.
      Was den Virus anbetrifft, so leide ich nicht unter ihm, wohl aber unter der Zerstrittenheit, die sich dadurch mehr denn je unter den Menschen ausgebreitet hat. Der Virus ist nicht mein Feind, sondern mein Feind sind Gedankenformen, die sich an ihn heften. Sterbe ich, dann sterbe ich. Dann ist die Zeit meines Lebens abgelaufen. Ich möchte aber nicht tot sein, bevor ich sterbe, möchte auch nicht in Angst und Schrecken, in Isolation und umgeben von sterilen Plastikwänden mein Leben verhauchen. Und ich wünsche es auch keinem sonst.
      Aber was rede ich vom Sterben? Erstmal geht es ja ums rechte Leben. Das Sterben findet dann schon statt, irgendwann, irgendwie
      Liebe Grüße.dir! Gerda

      Gefällt 4 Personen

  7. fundevogelnest schreibt:

    Liebe Gerda,
    Ich bleibe deinem Blog gewiss treu, verschiedene Sichtweisen, Meinungen, Wahrnehmungen halte ich schon aus. Es gäbe Grenzen, aber die sind hier für mich keinesfalls berührt.
    Die Vielfalt macht das Bloggen ja erst interessant
    Sonst hätte ich übrigens auch meiner lieben, empathischen Babysitterin kündigen müssen.Aber wie gesagt Verschiedensein halten wir ganz gut aus.
    Was mich allerdings gar wirklich verwundert, ja gar nicht nachzuvollziehen ist: Wie haben ausgerechnet eine Krankheit und die Versuche sie einzudämmen die Macht bekommen die Menschen zu entzweien?
    Ich glaube ich schrieb schon einmal, dass erst die Geschichte zeigen wird, welche Maßnahmen sinnvoll waren und welche nicht.
    Und vor allem wo der Schaden (Einsamkeit, Hunger,andere Krankheiten) dem Nutzen überwiegt. Aber wäre es besser die Gesellschaft ließe alles laufen? Die Menschen einfach ungeschützt erkranken?
    Sachlichkeit scheint mir hier das Gebot.
    Liebe Grüße
    Natalie

    Gefällt 2 Personen

    • gkazakou schreibt:

      Liebe Natalie, dein Kommentar kommt zu einem Zeitpunkt, wo ich selbst einsehe, dass meine Argumention vielen als übertrieben polemisch, rechthaberisch und verbohrt vorgekommen sein muss. Der Blick auf die Welt gleicht manchmal dem auf ein Vexierbild: was der eine sieht und fürchtet, kann der andere partout nicht erkennen – und umgekehrt. Gestern gelang es mir fast nebenbei, plötzlich das Bild zu sehen, das sich anderen darbietet und so anders ist als meins. Mir kam das Gedicht vom Erlkönig in den Sinn.

      „Mein Sohn, was birgst du so bang dein Gesicht? –
      Siehst, Vater, du den Erlkönig nicht?
      Den Erlenkönig mit Kron’ und Schweif? –
      Mein Sohn, es ist ein Nebelstreif.

      Mein Vater, mein Vater, und siehst du nicht dort
      Erlkönigs Töchter am düstern Ort? –
      Mein Sohn, mein Sohn, ich seh’ es genau:
      Es scheinen die alten Weiden so grau. –

      Wer hat recht? Dein klarer sachlicher Blick geht über solche Fixierungen hinaus, das tut grad gut. Herzlichen Dank dafür. Gerda

      Gefällt 4 Personen

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