VIII Gerechtigkeit: Nemesis und Thetis (Legebild-Collagen)

Die Tarot-Karte VIII Gerechtigkeit (Justitia) ziert gewöhnlich eine strenge fürstlich gekleidete Dame, deren Attribute die Waage und das Schwert sind. Sie wägt ab, kommt zu einem Urteil und setzt es mit der Schärfe des Schwerts durch. Sie hat obrigkeitlichen Charakter.

Ich lasse mich bei der Bildfindung von den beiden griechischen Göttinnen der Gerechtigkeit leiten, die in Ramnous verehrt wurden: Nemesis ist die Göttin des Naturrechts. Sie greift ein, wenn die ehernen Gesetze des Ausgleichs zwischen Nehmen und Geben, auf denen das Wechselspiel der Natur beruht, durch den Übermut der Menschen gestört werden. Ihre Schwester Thetis (von θέτω theto=setzen, daher „Gesetz“)  ist zuständig für die Menschen-Gesetze und achtet darauf, dass sie dem göttlichen Ideal der Gerechtigkeit entsprechen.

Die beiden sind Schwestern, wohlgemerkt. Beide verkörpern das hohe Ideal der Gerechtigkeit. Was wir heute erleben, lenkt meine Aufmerksamkeit aber stärker auf den Herrschaftsbereich der Nemesis.

Nemesis hat mit der gesamtmenschlichen Karma-Bilanz und nicht mit dem Einzelmenschen zu tun.  Da geht es nicht darum, ob ich ein Gesetz übertreten habe, sondern ob das Gleichgewicht von Geben und Nehmen durch das Kollektiv der Menschen  gestört wurde. Ist das der Fall, tritt  Nemesis auf den Plan, um das Gleichgewicht wieder herzustellen.

VIII. Gerechtigkeit. Nemesis

Auf meinem Bild hält Nemesis, gekleidet in Blattgrün, eine Waage, auf deren einer Seite der „Ring der Herrschaft“ der Menschen liegt. Die Flamme im Zentrum zeigt die Senkrechte an, an der sich die Abweichung der einen oder anderen Seite ermisst.

Die Göttin wägt auch diese Szene ab: Rüstung, Waffen, Häuser gegen das Recht der Pferde, das Stück blauen Himmels und das Gras am Boden. Dazwischen ein kampfbereiter Mensch. Man sieht, der „Ring der Herrschaft“ ist schwerer, also wird sie korrigierend eingreifen.

Am Beispiel Wuhan etc kann man ihr Wirken grob illustrieren:

Ausbeutung der Bodenschätze/Extreme Luft- und Bodenverschmutzung/Missachtung der Tierrechte  ——   Atemwegerkrankungen durch Virus, der von einem Tiermarkt auf den Menschen kommt ——- Tod vieler Menschen/ Zwang zu Produktionsbeschränkung – Reine Luft/Wiedererstarken der Natur.

Hier sieht man sie mit ihrer Schwester Thetis, die Flügel trägt, um an die göttliche Herkunft des Gerechtigkeitssinns zu erinnern. Auch sie hält Messwerkzeug in der Hand, mit dem sie die Abweichung des menschlichen Handelns von der gerechten Norm ausmisst. Ihre Stimmung ist düster, da die Menschen hartnäckig gegen die Gebote der Gerechtigkeit verstoßen. Im Hintergrund sieht man eine Stadt, die unter Mißachtung der Natur errichtet wurde, und als wäre das nicht genug, anschließend  durch Krieg zerstört wurde. Sowohl der Bau als auch die Zerstörung der Stadt sind Akte der menschlichen Anmaßung. Die Menschen haben das Maß verloren.

Als Einzelkarte steht die VIII Gerechtigkeit für Abwägen, Fairness, Ausgleich. Im sehr verbreiteten Rider-Waite Tarot hat diese Karte ihre Stellung mit „XI Kraft“ getauscht. Ich halte mich an die traditionelle Reihenfolge.

 

Über gkazakou

Humanwissenschaftlerin (Dr. phil). Schwerpunkte Bildende Kunst und Kreative Therapien. In diesem Blog stelle ich meine "Legearbeiten" (seit Dezember 2015) vor und erläutere, hoffentlich kurzweilig, die Bezüge zum laufenden griechischen Drama und zur Mythologie.
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11 Antworten zu VIII Gerechtigkeit: Nemesis und Thetis (Legebild-Collagen)

  1. lyrifant schreibt:

    Faszinierend, wie Du das allegorische Denken mit neuem Leben füllst. (Von Tarot hab ich leider keine Ahnung, aber es macht auch so Spaß).

    Gefällt 2 Personen

    • gkazakou schreibt:

      Besser, wenn du keine Ahnung hast. Es gibt so viele Auslegungen, und auch Streit, welche richtig sei. Darum geht es mir aber überhaupt nicht, denn auch ich habe mit Tarot sonst nichts am Hut. Ursprünglich war es übrigens ein beliebtes Kartenspiel. Mir geht es darum, mich anhand der vorgegebenen Reihe von Ideal- bzw Archetypen vorwärtszutasten und, wie du so schön sagst, sie durch Bild-Allegorien, die sich auf das heute beziehen, auszudeuten

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    • kopfundgestalt schreibt:

      dafür meine Frau… 🙂

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  2. TeggyTiggs schreibt:

    …Deine Nemesis gefällt mir gut, so aufrecht und ausgeglichen, ich traue ihr eine gute Rechtsprechung zu…aber auch ihre Schwester mag ich, die gerade etwas verzagt aussieht, was ich gut verstehen kann…beide gemeinsam haben hübsch was zu tun…

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  3. Ule Rolff schreibt:

    Du füllst für mich hohle „Bildung“sbegriffe mit aktuellem und emotionalem Inhalt, der sie plötzlich nicht nur wichtig werden lässt, sondern auch zu liebenswerten Gestalten durch die von dir gewählte Form. Das muss man erstmal können, liebe Gerda, nicht nur künstlerisch.
    Allerdings finde ich, dass du mit den Menschen sehr nachsichtig bist, wenn ich die nur geringe Neigung an der Waage der Nemesis betrachte.

    Gefällt 2 Personen

  4. Ulli schreibt:

    Gefällt mir sehr, liebe Gerda, deine Waage – Nemesis, sowohl von den Bildern, wie von deinen Gedanken dazu. Bei der Waage denke ich immer daran, dass ein Staubkoernchen genügt, um sie ins Ungleichgewicht zu bringen. Auch an die Tag- und Nachtgleichen denke ich, beides zeigt wie selten es ist, dass einmal ein Gleichgewicht herrscht.
    Liebe Grüße
    Ulli

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  5. www.wortbehagen.de.index.php schreibt:

    Nemesis und Thetis, die beiden Schwestern. Gestern spät hab ich sie schon bei Dir bewundert, war aber zu müde zum antworten. Toll, Deine Gestaltung. Eie fein hast Du sie ausgearbeitet, die Gerechtigkeit. Nemesis behält immer ihre Kraft, während ihre Schwester im Moment etwas resigniert ihre Flügel hängen läßt… doch es wird eine andere Zeit kommen, dann sind ihre Kräfte hoffentlich wieder erwacht

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    • gkazakou schreibt:

      danke, Bruni. feine Beobachtungen. Ja, Nemesis behält immer ihre Kraft, denn sie wirkt nach den Gesetzen der Natur, und die sind eisern. Da gibt es kein Feilschen. Thetis aber hat mit den feineren, moralischen Schwingungen zu tun (daher auch ihre Schwingen), nämlich mit dem menschlichen Sinn für Gerechtigkeit, und der ist an den freien Willen gebunden. Folgen die menschlichen Verhältnisse diesem feinen innewohnenden Sinn, oder sind die Ausschläge zu groß? wenn ein Prozent der Erdbevölkerung 86 % der Ressourcen kontrolliert und verschwendet, oder wenn: „In nur vier Tagen der Vorstandsvorsitzende von einem der fünf größten Modekonzerne so viel verdient wie eine Näherin in Bangladesch in ihrem ganzen Leben“ (Zitat Oxfam) – wie soll Thetis da nicht resigniert sein?

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      • www.wortbehagen.de.index.php schreibt:

        Oh ja, wie recht Du doch hast und nun griff Nemesis ein. Zur Zeit hat sie das Sagen… und danach wrd sich vieleicht so einiges ändern… (hoffe ich)

        Gefällt 1 Person

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