Das nicht-neoklassische Athen (tägliche Zeichnung)

Athen zu Beginn des 19. Jahrhunderts: ein paar Ruinen in einem fast leeren Raum. (Gesehen in der Ausstellung „Athen von Ost nach West“, Benaki-Museum)

Zu Beginn des 19. Jahrhunderts gab es keine Stadt dort, wo ab 1834, als Athen zur Hauptstadt des neuen griechischen Staates ernannt wurde, langsam etwas Neues entstand. Die Ideen für das Neue Athen waren romantisch-deutsch geprägt. Der unter dem bayrischen König Otto I (Regierungszeit 1832-1862) vorherrschende neo-klassizistische Stil wurde nach Kräften vom bayrischen Kronrat und unzähligen deutschen Beratern, Architekten, Handwerkern realisiert. Im Prinzip entsprach er auch den Vorstellungen der griechischen Diaspora, die Ottos Träume guthieß und nach bestem Vermögen unterstützte und finanzierte, und zwar auch später, als Otto selbst schon im erzwungenen bayrischen Exil lebte, abgelöst durch Georg I. Und so entstand eine gut durchdachte Stadt mit imposanten Großgebäuden, die bis heute der Innenstadt ihr Gepräge geben. Die nicht minder prächtigen Bürgerhäuser sind leider inzwischen weitgehend verschwunden und einem Konglomerat von undefinierbaren Baustilen gewichen.

Die wachsende Bevölkerung vor Ort hatte nämlich anderes zu tun, als sich um architektonische Konzepte zu kümmern. Sie baute, wie sie konnte und oft genug ohne die nötigen Genehmigungen. In den fast 200 Jahren seit ihrem Wiedererstehen wurde Athen, wenn man das gesamte Einzugsgebiet der ausfransenden, über alle Vorgebirge hinkriechenden Stadt berücksichtigt, zu einem Moloch mit etwa sechs Millionen Menschen, die „irgendwie“ behaust werden mussten bzw sich meistens ihre Behausung nach eigenem Gutdünken selbst bauten. Die Infrastruktur — Straßen, Leitungssysteme, Bürgersteige, Plätze – lief dem Häuserbauen in der Regel hinterher und blieb oft genug ganz auf der Strecke.

Heute zeichnete ich eine recht beliebige Ansicht von diesem „nicht-klassizistischen“ Athen, aufgenommen nahe dem ehemaligen städtischen  Gaswerk – nicht weit entfernt von der ersten Skizze dieser Art (s.u.).

Ist es Zufall, dass zwar Autos, aber keine Menschen auf dem Bild zu sehen sind? Nicht wirklich. Ich sehe die Menschen hier tatsächlich als Schemen, die Autos aber als höchst real an.

Und wieder möchte ich alle inzwischen entstandenen architektonischen Skizzen von Athen im Überblick zeigen:

Über gkazakou

Humanwissenschaftlerin (Dr. phil). Schwerpunkte Bildende Kunst und Kreative Therapien. In diesem Blog stelle ich meine "Legearbeiten" (seit Dezember 2015) vor und erläutere, hoffentlich kurzweilig, die Bezüge zum laufenden griechischen Drama und zur Mythologie.
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6 Antworten zu Das nicht-neoklassische Athen (tägliche Zeichnung)

  1. Ule Rolff schreibt:

    Hier zeigst du uns die Zeichnung einer Szene, die aus jeder beliebigen Großstadt der Welt stammen könnte. Natürlich kann eine Stadt nicht ausschließlich aus künstlerisch oder historisch hoch bedeutsamen Orten bestehen, und auch die alltäglichen bekommen deine Beachtung, weil sie das tägliche Leben sogar stärker prägen und spiegeln. Du schenkst ihnen dadurch eine eigene ästhetische Bedeutsamkeit, das mag ich, Gerda.

    Gefällt 2 Personen

    • gkazakou schreibt:

      „nicht nur“ ist leicht untertrieben, liebe Ule. Athen besteht „fast nur“ aus solchen „beliebigen“ Massierungen von Häusern jeder Bauart, etliche davon leerstehend, zerbröckelnd, überwuchtert, andere dazwischen mit avangardistischer Architektur oder monotoner Hochhausfassade. Ich denke schon, dass dies bauliche Durcheinander charakteristisch für Athen ist und in anderen Städten Europas so nicht vorkommt. Auf meiner Zeichnung kann es natürlich nur angedeutet werden.

      Gefällt 1 Person

      • Ule Rolff schreibt:

        Aha, ich habe angenommen, dass diese Mischung generell unterstellt werden kann, aber da ich Athen nicht kenne, kann ich das natürlich nicht beurteilen und vertraue gerne deinem Urteil.

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  2. kowkla123 schreibt:

    nun noch ein Hinweis von mir, man sollte schon informiert werden, aber lass dich von den Medien nicht zu sehr verunsichern, Klaus

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  3. Ulli schreibt:

    ich mag bei dieser Serie ganz besonders die klaren Strukturen, deine klaren Umrisse, im Kontrast zu deinen sehr freien Schraffuren. Insgesamt nehme ich sehr viel Lebendigkeit und Zugewandtheit wahr und habe mich gefragt, ob „uns“ städtisches Leben, bei all seiner Unruhe und Lautstärke, nicht auch den Puls der Zeit mehr spüren lässt – der Puls, der sich dann auch in den Strichen wiederspiegelt.

    Gefällt 1 Person

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