Meisterlich gepinselt: Qi Baishi, Ausstellung in der Stiftung Theoharakis, 18.11.2019

Vielleicht hätte ich diese schöne Ausstellung unerwähnt gelassen – denn wer interessiert sich heute schon für den chinesischen Meister Qi Baishi, der Anfang des 20. Jahrhunderts, weit vor der Revolution, Landschaften, Blumen und Enten zeichnete? Wenn ich doch davon erzähle, so vor allem wegen der Fliege.

Leider kann ich das reine Weiß des Hintergrunds nicht ohne die schwache Spiegelung meiner Selbst zeigen. Auf diesem Weiß sitzt eine Fliege – in feinster traditioneller Weise draufgetuscht. Hier seht ihr sie herangezoomt.

Wie sich manche meiner geneigten LeserInnen vielleicht erinnern, habe ich mich im September-November eifrig bemüht, Insekten zu zeichnen, beginnend mit einer Fliege. Ich hatte als Vorlage die ausgezeichneten Fotos von Gerhard (KopfundGestalt), leicht handzuhabende Kugelschreiber und dennoch meine liebe Mühe.

Und da kommt ein chinesischer Pinselmagier vom Anfang des vorigen Jahrhunderts daher und zaubert – natürlich ohne Fotovorlage – die allerfeinsten Insekten aufs Reispapier. Nicht nur Fliegen, nein, sondern vieles, was da so kreucht und fleucht.  Der Meister möge es meiner westlichen Eile nachsehen, wenn ich all diese feinsten Wesen, denen er je eine große Fläche zuordnete,  in Zeitraffermanier als Ausschnitte auf einem Blatt zusammenfasse.

Ein paar der Originale möchte ich aber doch zeigen, um die Dimensionen vor Augen zu führen. Vielleicht gelingt dir ja die Zuordnung der oben gezeigten Insekten zu den Bildern unten.

Der Meister namens Qi Baishi – wer war das?

Die Geschichte des Malers geht natürlich noch weiter, wie die Geschichte seines Landes ja auch. Und sein Leben machte die Aufs und Abs mit. Dabei verfeinerte er seine Kunst und wurde schließlich sogar das, was man erfolgreich nennt: er wurde geehrt und besaß viele schöne Pinsel und andere Gerätschaften, darunter hunderte von Stempeln, mit denen er seine Zeichnungen schmücken konnte.

Natürlich zeichnete er nicht nur Insekten, sondern auch all die anderen Motive, die wir aus der traditionellen chinesischen Kunst kennen. Dabei machte mir insbesondere der Gegensatz zwischen den feinsten Zeichnungen der Insekten und der abstrahierenden und manchmal fast primitiven Pinselführung bei anderen Themen Eindruck. Hier ein paar Bildausschnitte.

Und noch ein letztes Foto, mit dem ich dem Meister meine Verbundenheit zeigen möchte: meine lebendige Schattenhand vom Jahre 2019 verband ich mit seiner schattenhaften Pinselzeichnung aus dem Beginn des 20. Jahrhunderts.

 

 

 

 

Über gkazakou

Humanwissenschaftlerin (Dr. phil). Schwerpunkte Bildende Kunst und Kreative Therapien. In diesem Blog stelle ich meine "Legearbeiten" (seit Dezember 2015) vor und erläutere, hoffentlich kurzweilig, die Bezüge zum laufenden griechischen Drama und zur Mythologie.
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25 Antworten zu Meisterlich gepinselt: Qi Baishi, Ausstellung in der Stiftung Theoharakis, 18.11.2019

  1. Ule Rolff schreibt:

    Diese posterartige Zusammenfassung der vielen Ausschnitte mag überhaupt nicht im Sinne der chinesischen respektvollen Platzaufteilung sein, aber ich finde, es ist eine wunderschöne Sinfonie ostwestlicher Darstellungskultur. Dass dieser Meister dich nach deinen eigenen schönen Versuchen ganz intensiv erfreuen würde, ist nicht überraschend, das passt zusammen, als hättest du diese Ausstellung bestellt, nicht wahr?
    Sehr stimmungsvoll finde ich auch deine Fotos von Arbeitsmaterialien und Arbeitsplatz des Tuschekünstlers.
    Du nimmst aber wirklich ein kulturelles Vollbad, seit du wieder in Athen bist, liebe Gerda, mit allen Schaumzusätzen, die greifbar sind – toller Cocktail.
    !

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    • gkazakou schreibt:

      Danke, Ule! Ja, so Koinzidenzen sind immer sehr belebend und erfreulich. Ein bisschen einschüchternd auch, wenn ich diese Meisterschaft sehe, die sich am lebenden Tier abarbeitete, während unsereins jetzt so viele unterstützende technische Möglichkeiten hat und dennoch nicht dasselbe Niveau erreicht. Aber das vermindert meine Freude nicht, steigert nur meine Anerkennung.
      Athen bietet, wenn man es drauf anlegt, eine sehr breite kulturelle Palette, da sind meine paar Museums- und Galeriegänge wirklich nur ein klitzekleines Menü. Das Schöne ist, dass ich immer reich beschenkt zurückkehre, wenn ich mich dann und wann entschließe, ins Zentrum zu fahren. ich hoffe, es noch ein- oder zweimal zu schaffen, bevor wir zur Olivenernte wieder in die Mani reisen…. 🙂

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  2. afrikafrau schreibt:

    mit großem Interesse gelesen, geschaut, bewundert, vielen dank. beschäftige mich schon einige Zeit mit dem Künstler AI WEI WEI, seinem Leben, seiner Kunst.

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    • gkazakou schreibt:

      Danke Afrikafrau. Und was hast du herausgefunden? gibt es Verbindungen zwischen dieser altehrwürdigen Kunst und Ai Wei Wei?

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      • afrikafrau schreibt:

        Er ist eher ein Aktionskünstler, sehr bewusst, und es hat mit Kunst sehr viel zu tun,
        Gestaltungsweise – Präsentation) klassisch eher nicht, seine soziale Komponente, seine
        Bescheidenheit an sich schätze ich. Er war aus anderen Gründen so in der Öffentlichkeit
        hervorgehoben worden.

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  3. Karin schreibt:

    In der Ausstellung wäre ich gern an Deiner Seite gewesen, liebe Gerda

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  4. Myriade schreibt:

    Ja wirklich, lauter völlig unterschiedliche Künstler hast du besucht. Diesen finde ich sehr ungewöhnlich, weil seine „klassischen“ Bilder ja nicht wirklich klassisch sind. Und die wohlplatzierten Insekten sind auch eine Augenweide…..

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    • gkazakou schreibt:

      Danke, Myriade! Der Maler Qi Baishi gilt, soviel ich verstanden habe, durchaus als Klassiker. Er bekam sogar noch zu Lebzeiten, inden 50er Jahren, eine Honorarprofessur. Die Ausstellung wird von China selbst gefördert und wurde auch schon anderswo gezeigt. Aber du hast recht: seine Pinselführung ist nicht so elegant (außer bei ein paar nicht gezeigten Stücken) wie ich es erwartete. Genau darin besteht freilich der besondere Charme für mich: diese grob gezeichnete Teekanne, die Becher, der meditierende Mann haben etwas vom Geist der Moderne.

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      • Myriade schreibt:

        Ja, das meinte ich. Die klassische chinesische Tuschmalerei ist ja viel formeller in Stil und Motiven.
        Aber jetzt bin ich schon sehr gespannt, was du dir als nächstes ansiehst 🙂

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  5. Anonymous schreibt:

    Tolle Bilder, ich liebe diese Spärlichkeit und Präzision. Marie

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  6. Anonymous schreibt:

    Danke, das ist ja wieder ganz großartig! Und daß Du diesem chinesischen Künstler Deine Hand
    bietest, kann ich so gut verstehen! Deine Insektenbilder sind ebenso schön. Aber es ist einfach wunderbar für Dich ( und für uns ), daß Dir dies gerade jetzt begegnet.😊“ Dem Himmel sei
    Dank!“ würde ich jetzt von mir aus dazu ergänzen. Weiterhin alles Gute für Dich! ❤💛💕👀✋👑

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    • gkazakou schreibt:

      Herzlichen Dank, Gisela! Ich war tatsächlich fasziniert, als ich beim Nähertreten diese wunderbar gepinselten Insekten sah. Ich mag solches Zusammentreffen mit Eigenem sehr, es ist, wie du sagst, ein wenig so, als werde man geführt.

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  7. finbarsgift schreibt:

    Großartiges Insektarium der zeichnerischen und malenden Art.
    Dankeschön fürs Präsentieren!
    HG vom Lu

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  8. kopfundgestalt schreibt:

    Danke, dass du ihn vorgestellt hast.
    Ohne entspr. Hilfsmittel der Jetztzeit solche feinen Insektenportraits zu machen, ist schon eine Leistung an sich. Berührend!

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  9. kopfundgestalt schreibt:

    Though I’m rich I have no place to rest.
    Das rückkoppelt zu meiner 1. Etüde der aktuellen Serie, zum Unbehaustsein.

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  10. www.wortbehagen.de.index.php schreibt:

    Der Herr der Fliegen, wollte ich übereifrig schreiben, aber er ist ja viel mehr, der alte Meister.
    Dein Bericht über ihn ist so wundervoll vielfältig und so liebevoll fachkundig aufbereitet, daß ich mit Vergnügen gelesen und angesehen habe.
    Bei der allerersten Fliege, die Du herangezoomt hast, war ich gar nicht sicher, daß Du fotografiert hast, ein wenig sah sie wie fein gezeichnet aus.
    Wie es ihm gelang, all die kleinen Insekten so klar und rein auf Reispapiere zu bringen, ist für mich fast wie ein Wunder.
    Deine Zeichnung, mit der Du abschließt, zeigt deutlich, daß Du ihm nahe sein kannst, wenn Du möchtest und Deine Schattenhand ist so etwas wie Dein persönliches Markenzeichen dabei, liebe Gerda

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  11. www.wortbehagen.de.index.php schreibt:

    *lach*, ich weiß ja, aber im ersten Moment dachte ich, ach, gucke mal da, da kam eine Fliege geflogen und setzte sich auf die Zeichnung drauf 🙂

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