Frühlingsanfang in Eleusis

Heute, 21. März, und Tag und Nacht stehen in schönem Gleichgewicht, bevor sich die Sonne höher schwingt und die Nacht sich zurückzieht.
Dies galt es zu feiern. Doch wo? Ich fuhr los, ohne zu wissen, wohin ich wollte. Bog automatisch in die Stadtautobahn ein, fuhr durch eine industriell stark belastete Gegend, vorbei an rauchenden Raffinerien. Sollte ich auf den Berg von Korinth, oder vielleicht Richtung Theben? Delphi? Aber das war mir zu weit. Irgendwann nahm ich eine Abzweigung, fuhr auf der Landstraße geradeaus weiter, vielleicht ans Meer, dachte ich. Dann erst sah ich das Schild: Elefsina. Aha, ja klar, da musste ich hin, heute kehrte Persephone aus der Unterwelt zurück, es wird Frühling.
Eleusis. Heute ist es ein ausgedehntes Trümmerfeld. Viele römische Tempeltrümmer, man erkennt sie an der übertriebenen Größe. Auch die Christen waren am Werk, natürlich… Ein kleines Museum, das nicht viel zu bieten hat, denn die berühmten Skulpturen sind im Nationalmuseum oder im Ausland.
Und doch, allmählich nahm mich der Charme des Ortes gefangen. Überall zwischen den sonnenwarmen Steinen blühten Wildblumen hervor, niemand hinderte ihr Wachstum. Asphodelen, die Blumen der Unterwelt. Blühender Ginster. Kakteen. Bunte Frühlingsblumen, wilder Weizen, Hafer. Ein sehr schöner großer Mandelbaum, verblüht, mit dichtem Laub und reichem Fruchtansatz.

Im Museum beeindruckte mich am meisten eine sehr große Vase, auf der die Blendung des Polyphem durch Odysseus dargestellt ist. Das berühmte Relief mit Demeter und Persephone, zwischen ihnen Triptolemos, der die Ähren empfängt, gibt es nur als originalgroße Kopie. Aber immerhin. (Zum Vergrößern Anklicken)

    Dies ist die Öffnung des Brunnens, an dem sich Demeter ausruhte, als sie vergeblich nach ihrer Tochter Persephone suchte. Die war von Hades geraubt worden, wie ihr wisst. Es gibt nahe dabei eine Felswand mit flachen Höhlen, einem Brunnen und einem quadratischen Tempelbezirk. Man gelangt hinein durch das „Tor der Träume“. Ich setzte mich auf den zentralen Stein und sank mitsamt dem Stein hinab hinab ins Reich der Träume, wurde Geist unter Geistern.

 

Über gkazakou

Humanwissenschaftlerin (Dr. phil). Schwerpunkte Bildende Kunst und Kreative Therapien. In diesem Blog stelle ich meine "Legearbeiten" (seit Dezember 2015) vor und erläutere, hoffentlich kurzweilig, die Bezüge zum laufenden griechischen Drama und zur Mythologie.
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7 Antworten zu Frühlingsanfang in Eleusis

  1. finbarsgift schreibt:

    Traumhaft schön, die Fotos, und die gezeigte Kunst, liebe Gerda,
    Dankeschön für deine Präsentation ☺
    Liebe Grüße zur Nacht vom Lu

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  2. gkazakou schreibt:

    danke dir, Lu, fürs Mitgehen …

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  3. Ulli schreibt:

    Liebe Gerda, dein Selbstporträt als Geist unter Geistern rührt mich sehr an- neben all den anderen Bildern und dem gedanken, nun warst du in Eleusis (wohl nicht zum ersten Mal, wie ich mir denken kann) am Tag der FrühlingsTag- und Nachtgleiche- wie bunt es dort schon ist! Und ich meine auch die Wärme zu spüren, wenn ich die Bilder betrachte- mir tut das alles einfach nur gut, wie auch der Gedanke, dass nichts verloren geht und alles bleibt, ob sichtbar oder unsichtbar…
    Herzensgrüsse am frühen Abend sende ich dir
    Ulli

    Gefällt 2 Personen

    • gkazakou schreibt:

      Danke dir von Herzen, Ulli. Ja, es war warm, ich suchte bereits den leichten Schatten. Und die Mandeln sind schon groß und grün und saftig. Ob der Gedanke, dass nichts verloren geht und alles bleibt, so tröstlich ist? Mir war so wohl mit den Pflanzen und den Steinen, die keine vom Menschen aufgeprägte Bedeutung mehr zu tragen brauchen. Das Schönste an archäologischen Stätten ist für mich, dass es Nischen im Getöse der Welt sind. So wie auch manche Friedhöfe, Und dass eine Art geistiger Essenz in der Atmosphäre schwebt von all den Menschen, die dort fromm waren.

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  4. bruni8wortbehagen schreibt:

    Eleusis, ein Ort und ein Name zum Träumen, liebe Gerda.
    Deine Bilder mit einem so unglaublich blauen Himmel zeigen eine Traumkulisse und ich beginne auch zu träumen, von den Wildblumen zwischen den Steinen, den Steinen selbst, zwischen denen vor langer Zeit Menschen gelebt haben, die nichts von Hektik wußten und sich gelassen in ihrer Welt bewegten.

    Du hast es gefunden, das Tor der Träume und Du durftest hindurchgehen und eintreten in die vergangene Welt. Ich kann mir diese Augenblicke der Versunkenheit so gut vorstellen und mir geht es wie Ulli, ich sehe Dich an, durchgeistigt, denn Du befindest Dich kaum noch im Jetzt, sondern schon dort, zwischen ihnen allen und es rührt mich an, dieses Bild der Frau, die so tief versunken sitzt und die tagträumende Ruhe genießt.

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  5. gkazakou schreibt:

    Guten Tag, du liebe Träumerin! Das Foto ist ein Selfie und ein wenig bearbeitet 😉
    Wahr ist, das ich auf den Vogelgesang gelauscht habe, als ich auf dem Stein saß.. Wahr ist auch, dass ich fast mitsamt den Träumen versunken wäre, die mich da umschwebten. Es kamen zwei schöne Fremdlinge mit einem kleinen Jungen, der beugte sich über den Brunnen, der vom Grund auf zugewachsen war, und ich schrak auf, denn der Papa war sorglos und machte dort mit dem Kleinen ein Selfie. So kam auch ich zu mir und knipste mich selbst.

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  6. Gisela Benseler schreibt:

    Triptolemos – zwischen Demeter und Persephone – empfängt mit den Ähren aber, glaube ich, noch mehr, Höheres, Weiseres. Es sieht ja einer Taufe ähnlich. Er sinkt nicht hinab, sondern wird inspiriert mit dem GEISTfunken, empfängt also einen höheren, lichteren Auftrag. Danke, Gerda, für diesen grosartigen Beitrag, den ich gerade erst entdeckte.

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