Mörderische Klischees

Der Gebrauch von  Klischees wird vom einen als nützliche Abkürzung und Vermeidung umständlicher Recherchen  gelobt, vom anderen als vorschnell verallgemeinerndes, flaches Urteilen getadelt. Der eine findet sich mit ihnen ab, der andere macht sich über sie lustig. Aber kaum jemand behauptet, dass sie potentiell gefährlich oder gar mörderisch seien.

Wie aber ist es, wenn wir die Seite dessen betrachten, auf den ein herabsetzendes Klischee gemünzt ist? Du wirst sagen: was soll damit sein? Nichts ist damit. Ich brauch mir den Schuh ja nicht anzuziehen, wenn er mir nicht passt.

Ganz so einfach ist es leider nicht.  Im Altertum gab es zwischen Megara und Korinth den Räuber Prokrustes, der den Reisenden auflauerte und sie in ein sprichwörtlich gewordenes „Prokrustes-Bett“ zwang, in dem er sie passend streckte oder verkürzte. Die meisten überlebten diese Tortur nicht. Und im Märchen vom Sterntaler werden Zehen und Hacken der Schwestern abgehackt, um Füße für einen Schuh passend zu machen – vergebens.

Das Drama von Max Frisch Andorra zeigt die seelischen Prozesse auf, die die Zuschreibung von typischen Eigenschaften – das seelische Prokrustesbett – beim Betroffenen auslösen. Ihr erinnert euch: Andres ist der unehelich geborene Sohn eines angesehenen Bürgers des Phantasiestaates Andorra. Der Vater verheimlicht das und gibt Andres als jüdisches Kind aus, das er vor den Bösen des Nachbarstaates gerettet habe. Andres wächst also mit der Vorstellung auf, er sei jüdisch, und die Andoraner glauben das auch. Also „entdecken“ sie an ihm einen Haufen typisch jüdischer Eigenschaften (mit den Händen reden etc). Unter dem Druck der Erwartungen passt Andres sein Selbstbild dem Fremdbild an –  er wird zum Juden. Zu spät erkennt der Vater, was er mit seiner Lüge angerichtet hat. Der Junge kann und will nicht mehr aus der ihm aufgezwungenen Identität heraus, als die große Verfolgung beginnt, deren Opfer er wird.

Ein extremes Beispiel? Sag das nicht. Was meinst du, was in einem Schwarzen in Amerika angerichtet wird, der von klein an hört, wie ein Schwarzer ist und was er kann bzw nicht kann? Vielleicht entzieht sich der eine und andere äußerlich dem Druck des Stereotyps, aber im Inneren hat es unauslöschlich seinen Stempel hinterlassen. Anlässlich der „Reisenotizen – 3“ 12/08/2016diskutierten wir über den genialen schwarzen US-Künstler Basquiat, der sich vom Stereotyp des „Nigger-Sprayers“ zu befreien suchte und an diesem Kampf zerbrach.

Natürlich braucht man nicht nach Amerika zu gehen, um die potentiell mörderische Wirkung des Stereotyps wahrzunehmen. Der dauernde Gebrauch eines Klischees kann einen unbedarften moslemischen Jungen dazu bringen, Frauen aggressiv abzuwerten oder, im Extremfall, seine Mitmenschen umzubringen. „Denn so sind sie, die Moslems“. Er tut nichts anderes, als was das Klischee von ihm erwartet. Gleichzeitig bestätigt und zementiert er durch sein Tun das Klischee, das dadurch immer mörderischer zu werden droht,  bis es sich schließlich als „Ich habe es ja immer schon gesagt“ zu allgemeinem Weltwissen mausert: Moslems, die sind so. Schwarze, die sind so. Juden, die sind so.  Selffulfilling prophecy.

under-pressure

In der Presse (c) Gerda Kazakou

Über gkazakou

Humanwissenschaftlerin (Dr. phil). Schwerpunkte Bildende Kunst und Kreative Therapien. In diesem Blog stelle ich meine "Legearbeiten" (seit Dezember 2015) vor und erläutere, hoffentlich kurzweilig, die Bezüge zum laufenden griechischen Drama und zur Mythologie.
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21 Antworten zu Mörderische Klischees

  1. gkazakou schreibt:

    Hat dies auf MitmachBlog rebloggt und kommentierte:

    hier nun das Thema der Woche in einem dritten Anlauf.

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  2. wildgans schreibt:

    Der Ausdruck „seelisches Prokrutesbett“ fasziniert mich!
    Nein, der Frisch-„Fall“ ist wahrlich kein extremes Beispiel!

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    • gkazakou schreibt:

      danke, Mme Wildgans. Auch ich finde das Beispiel nicht extrem, sondern aufschlussreich. Viel zu wenig werden die verunstaltenden Wirkungen beachtet, die Klischees für Betroffene haben. Wir als Deutsche im Ausland können uns vielleicht inzwischen vom Klischee des Nazi distanzieren und nehmen nicht mehr Schaden an unserer Seele, als wir sowieso schon genommen haben. Und wenn man uns für humorlos hält – na wenn schon. Ein gut platzierter Witz, und weg ist das Vorurteil. Aber für – sagen wir mal – junge Männer aus dem Maghreb sieht es ganz anders aus. Ihnen wird es immer schwerer gemacht, sich zu distanzieren. Mit jedem Algerier-Tunesier-Marokkaner, der irgendwie „einschlägig“ aufgefallen ist, zieht sich das Prokrustesbett aus Vorurteilen für jeden anderen, der in irgendeiner Weise mit Wurzeln im Maghreb gesegnet oder geschlagen ist, zusammen. Das macht solche Menschen wütend – aus Hilflosigkeit. Sie sagen; wenn ihr mich so seht – bitte sehr. Sollt ihr recht haben. Es würde mich gar nicht wundern, wenn sich etliche zu Tätern entwickeln. So wird eine Wirkung zur Ursache für schlimmere Wirkung.

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  3. Zeilenende schreibt:

    Dem ist gar nicht viel hinzuzufügen. Es erinnert mich aber schmerzlich daran, dass ich Max Frisch bislang sträflich vernachlässigt habe und nur seine Brandstifter kenne.

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  4. Ulli schreibt:

    Wunderbar zusammengefasst, gefällt mir sehr. Mit Max Frisch geht es mir, wie Zeilenende, aber es macht wirklich nichts😉
    liebe Grüsse Ulli

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  5. deutschemuslima71 schreibt:

    Sehr treffend, aber das Märchen mit den Zehen abhacken war nicht Sterntaler sondern Aschenputtel.

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  6. Monika schreibt:

    Liebe Gerda, du hast mehr getan, als ich zu hoffen wagte, Danke dafür.
    LG. Monika

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  7. bruni8wortbehagen schreibt:

    Ich kenne grade mal den Titel Andorra und nun weiß ich erst, um was für ein brisantes wichtiges Thema es geht.
    Du hast es toll auf den Punkt gebracht; steht die Meinung mal fest, läßt sie sich kaum noch ändern. Die Menschen sind findig, sie finden die *Fehler*, das Anderssein, wie es ihnen ins Konzept passt.
    Alle Schwarzen in eine Schublade u. wenn einer versehentlich nicht mit hineingestopft wurde, wird´s nachgehollt. So geht es natürlich nicht nur mit den Menschen , die äußerlich anders scheinen, so geht es auch mit denen, die einer anderen Religion angehören.

    Es ist nicht so einfach, sich immer dem Klischee zu entziehen, weil es sich so heimtückisch einschleicht, aber wir sollten immer mal selbst überprüfen, ob wir nicht hie und da selbst in eine Falle hinein stolpern könnten…
    Vorurteile sind eine hundsgemeine Geschichte u. wir sollten ihnen immer entschieden entgegnen, wenn wir sie mitbekommen.

    Liebe Grüße zur Nacht von Bruni

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  8. dergl schreibt:

    Schließe mich den Vorrednern an und könnte dir jetzt eine ganze Abhandlung dazu schreiben. Wenn ich die Zeit hätte. Was ich heute nicht habe, denn das Atelier-Kind hat einen neuen Dolmetscher und der Mensch ist möglicherweise von der Klassenlehrerin etwas überfordert, so dass ich eine Einführung geben muss. Warum ich dir das in den Kommentar schreibe? Die Klassenlehrerin ist, trotzdem sie einen dauernden Realitätsabgleich hat, eine Vertreterin des Klischees „taub-stumm-dumm“.

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    • gkazakou schreibt:

      Realitätsabgleich – ein interessantes Wort. Klischee und Realität abgleichen – ich fürchte, da gehts in der Regel der Realität an den Kragen. Denn das Klischee ist da, aus festem beständigem Glaubensmaterial, genau, scharf umrissen, fertig zum Gebrauch. Was soll dagegen die arme, fragile, veränderliche, nebulöse Realität ausrichten? Sie wird überstempelt., da kriegt sie anständige Konturen und hört auf, einem mit ihrer Unschärfe vor den Augen herumzutanzen. Stempeln – fertig – weglegen, der nächste bitte.

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      • dergl schreibt:

        Sehr richtig. Die Dame sagt auch gerne „taubstumm“ (ist mittlerweile eine strafrechtliche relevante Beleidigung) obwohl der alles andere als stumm ist, der quasselt wie ein Wasserfall, so schnell kann man oft gar nicht schauen. Aber er ist halt anders.

        Noch kurz ein Beispiel zu mir: ICP muss immer mit Spastik und den Klischees dazu zu tun haben (nein!) und eine Lähmung kann ich nicht haben, denn ich kann die Körperhälfte ja bewegen (es gibt auch Teillähmungen). Wie gesagt, Abhandlungen…

        Jetzt muss ich aber wirklich, wegen dem Dolmetscher los.

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  9. Auf den ersten Blick erfreuen mich die Farben im Bild, klasse, die Kontraste, wenig orange und rot auf viel rötlichem violett, die Formen, die Dynamik, auf den zweiten Blick dann inhaltlich: doch eigentlich gruselig. Und trotzdem, das Bild an sich, farblich eine Freude…so zwiespältig ist das zuweilen.

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  10. Myriade schreibt:

    ABER, trotz aller negativer Wirkungen von Klischees, muss man schon auch auf die Eigenverantwortung des Menschen verweisen ! Einen Automatismus: „ich halte dich für einen Terroristen deswegen bist du einer geworden“ gibt es nicht. Das wäre doch zu einfach ! Es ist ja auch absolut jeder Mensch irgendwelchen Vorurteilen durch irgendwelche andere Gruppen von Menschen ausgesetzt

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    • gkazakou schreibt:

      da hast du recht, einen Automatismus gibt es nicht. Wenns den gäbe, würde die Welt von Terroristen, Blödmännern, schlechten Mathematikerinnen etc wimmeln. Verantwortung trägt aber nicht nur der junge Mann, der Terrorist wird, sondern auch die vielen, die ihn und seinesgleichen als potentiellen Terroristen behandeln, bevor er es ist, nur weil er zB aus Marokko stammt. Unter den vielen, die unter dieser Zuschreibung leiden, kann schon der eine oder andere sein, der sagt: ich werde es euch zeigen.
      Sicher gibt es auch Möglichkeiten von betroffenen Gruppen, das Klischee abzuschwächen oder sogar auszuhebeln. Gerade jetzt kann man viele schwarze Flüchtlinge in Italien sehen, die bei den Rettungsarbeiten im Erdbebengebiet helfen. Es gab inzwischen 800 Nachbeben, und diese Menschen aus Afrika erleben erstmals ein Erdbeben. Sie haben verständliche Angst, aber sie sind angereist, um sich dankbar zu erzeigen für ihre freundliche Aufnahme im Land. Solche Bilder können Vorurteile abbauen.

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