Sie sonnen sich

Nachts schlafen sie in Kellern und Abbruchhäusern, morgens kriechen sie hervor, legen sich auf die Parkbänke, um die Sonne zu genießen und ein wenig Extraschlaf zu bekommen. „Sie sonnen sich“, sagte die neue Ministerin. Wer will es ihnen verdenken?

Die Familie auf dem Bild scheint gegen eine Annäherung der Hunde nichts einzuwenden haben. Wollen wir hoffen, dass sie sich auch dem dunklen Fremden annähern und er sich ihnen.

enjoying the sunshine

Sie sonnen sich (c) Gerda Kazakou

Die steinernen Philosophen im Hintergrund mögen die nötigen Weisheitssprüche bereitstellen und daran erinnern, dass seit alter her Zivilisation gleichgesetzt wurde mit Gastfreundschaft dem Fremden gegenüber.

Die Ankömmlinge sind Flüchtlinge, die aus der Abschiebehaft befreit wurden. Ihre mageren Gestalten, den Plastikkoffer in der einen Hand, den blauen Umschlag mit der 6-monatigen vorübergehenden Aufenthaltsgenehmigung in der anderen, entquollen den Bussen, die sie zum zentralen Platz Athens brachten. Der Platz heißt Omonoia, das bedeutet „Eintracht“.

Langsam verliefen sie sich, versickerten in den verwahrlosten Straßen des Zentrums, fanden bei Freunden und Landsleuten vorübergehend Unterschlupf. Seither kamen viele neue an, hunderte, tausende, wer will sie zählen. Jeder Ankömmling hat sein eigenes Schicksal, auch wenn sie sich oberflächlich gesehen ähneln. Sie ähneln sich, weil sie Flüchtlinge sind. Weil sie ihre Heimat verloren haben.

Täglich kommen sie an, suchen einen Platz zum Schlafen, einen Wasserhahn, um ihre Wäsche zu waschen, ein Paar Schuhe, einen Teller mit Essen. Sie kommen, um bei erster Gelegenheit weiterzuziehen, nach Norden, in die besser entwickelten Ökonomien Europas, wo sie vielleicht eine Zukunft haben.

Die Menschen kommen aus Kriegsgebieten Asiens und Afrikas. Wie neueste Forschungen zeigen, sind es genau die Gebiete, aus denen die Vorfahren der Griechen vor abertausenden von Jahren herüberkamen. Und mit ihnen die Kulturformen, aus denen sich unsere abendländische Welt entwickelte.

„Sich ängstigen oder lächeln, das ist die Wahl, vor der wir stehen, wenn uns das Fremde überfällt; wofür wir uns entscheiden, hängt davon ab, wie vertraut wir mit unseren eigenen Phantomen sind.“ (Julia Kristeva: „Fremde sind wir uns selbst“, Frankfurt am Main 1995).

Über gkazakou

Humanwissenschaftlerin (Dr. phil). Schwerpunkte Bildende Kunst und Kreative Therapien. In diesem Blog stelle ich meine "Legearbeiten" (seit Dezember 2015) vor und erläutere, hoffentlich kurzweilig, die Bezüge zum laufenden griechischen Drama und zur Mythologie.
Dieser Beitrag wurde unter Allgemein, alte Kulturen, Ökonomie, die griechische Krise, Flüchtlinge, Leben abgelegt und mit , verschlagwortet. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.

Eine Antwort zu Sie sonnen sich

  1. hellajm schreibt:

    Sie sonnen sich: Zitat und Legebild suggerieren eine freundliche Welt, der sehr berührende Text sagt, was dahinter steckt, das Elend der sich selbst überlassenen Flüchtlinge.
    Die Argonauten, dichter gestaltet, das gleiche Thema betreffend, jetzt im mythologischen Gewand,
    beide Darstellungen gefallen mir besonders gut. Hella

    Gefällt 1 Person

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