Wortman hat erneut zum Dienstagsdrabbeln aufgerufen, diesmal mit den Wörtern
Scheune– herausragend – Zettel
Zu schreiben ist ein Kurztext von genau 100 Wörtern.
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Der ungelesene Zettel
Ein angerosteter, aus einem Scheunentor herausragender Nagel durchbohrte den Zettel, der alles in ihrem Leben verändern würde. Sie versuchte zu entziffern, was auf dem Zettel stand, ohne den Nagel herauszuziehen und ohne das Papier zu zerreißen, aber vergebens. Immerhin meinte sie zu verstehen, dass es eine Botschaft an sie selbst war. Jedenfalls nahm sie das an, denn wer sonst hier in der Gegend liefe mit diesem merkwürdigen Namen herum, mit dem ihre Eltern sie ausgestattet hatten?
Sie ruckelte ein bisschen an dem Nagel, und tatsächlich ließ er sich leicht herausziehen. Der befreite Zettel flog, von einem heftigen Windstoß erfasst, davon.
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Zum Vergleich biete ich euch eine Erzählung von Franz Kafka an (sie wurde in dem einzigen von ihm autorisierten Erzählband „Ein Landarzt“ 1917 veröffentlicht). Und ich frage: Worin gleichen sich die Geschichten, worin unterscheiden sie sich?
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Franz Kafka
Eine kaiserliche Botschaft.
Der Kaiser – so heißt es – hat dir, dem einzelnen, dem jämmerlichen Untertanen, dem winzig vor der kaiserlichen Sonne in die fernste Ferne geflüchteten Schatten, gerade dir hat der Kaiser von seinem Sterbebett aus eine Botschaft gesendet. Den Boten hat er beim Bett niederknien lassen und ihm die Botschaft ins Ohr zugeflüstert; so sehr war ihm an ihr gelegen, dass er sich sie noch ins Ohr wiedersagen ließ. Durch Kopfnicken hat er die Richtigkeit des Gesagten bestätigt. Und vor der ganzen Zuschauerschaft seines Todes alle hindernden Wände werden niedergebrochen, und auf den weit und hoch sich schwingenden Freitreppen stehen im Ring die Grossen des Reichs -, vor allen diesen hat er den Boten abgefertigt. Der Bote hat sich gleich auf den Weg gemacht; ein kräftiger, ein unermüdlicher Mann; einmal diesen, einmal den andern Arm vorstreckend, schafft er sich Bahn durch die Menge; findet er Widerstand, zeigt er auf die Brust, wo das Zeichen der Sonne ist; er kommt auch leicht vorwärts, wie kein anderer. Aber die Menge ist so groß; ihre Wohnstätten nehmen kein Ende. Öffnete sich freies Feld, wie würde er fliegen, und bald wohl hörtest du das herrliche Schlagen seiner Fäuste an deiner Tür. Aber statt dessen, wie nutzlos müht er sich ab; immer noch zwängt er sich durch die Gemächer des innersten Palastes; niemals wird er sie überwinden; und gelänge ihm dies, nichts wäre gewonnen; die Treppen hinab müsste er sich kämpfen; und gelänge ihm dies, nichts wäre gewonnen; die Höfe wären zu durchmessen; und nach den Höfen der zweite umschließende Palast; und wieder Treppen und Höfe; und wieder ein Palast; und so weiter durch Jahrtausende; und stürzte er endlich aus dem äußersten Tor – aber niemals, niemals kann es geschehen, liegt erst die Residenzstadt vor ihm, die Mitte der Welt, hochgeschüttet voll ihres Bodensatzes. Niemand dringt hier durch und gar mit der Botschaft eines Toten. – Du aber sitzt an deinem Fenster und erträumst sie dir, wenn der Abend kommt.
Sie gleichen sich in der Nutzlosigkeit des Suchens.
Sie unterscheiden sich in sehr vielen.
Deine Geschichte ist kurz und spannungslos.
Kafkas Geschichte ist spannend ohne Ende.
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Danke!!
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Das Photo von der Baumtür aber ist sehr spannend und voller Geheimnisse.
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Es ist eine Haustür in einem Dorf im Taygetos
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Danke, Gerda.
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Der Zettel hatte ja noch den Nagel an sich. Somit konnte er garnicht davon fliegen.
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Ich lese in deiner Geschichte vielleicht zu viel Fantasie (ihr sehr seltener Name kommt wohl vor, aber sicher ist sie sich nicht) und Abenteuerlust mit banalem Pech, welches das Ganze zu einem abrupten Ende führt, in Kafkas Erzählung Wünsche der Einfachen vs. Absurditäten jener, die sich zu wichtig nehmen und einen ewigen hoffnungslosen Kampf, welche die Geschichte fast ins Unendliche weiterlaufen lässt
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Danke dir! Du meinst also, Kafka mache sich über die Wünsche der Untertanen lustig, die glauben, es könne so etwas geben wie eine Botschaft des Kaisers,. die nur an sie gerichtet ist? Vielleicht eine Botschaft Gottes an den Einzelnen? Oder will er umgekehrt, wie in der Erzählung „vor dem Gericht“, behaupten, dass es tatsächlich solch eine „Botschaft“ bzw solch einen „nur für dich bestimmten Eingang“ gibt, und wir nur durch die von uns anscheinend nicht beeinflussbaren Umstände niemals diese Botschaft empfangen (bzw das Tor durchschreiten)? Dahinter steckt die Vorstellung vom einmaligen unverwechselbaren Individuum, die in jedem „Du“ angesprochen wird.
In meiner Geschichte ist eine Botschaft „an sie selbst“ an eine Tür genagelt. Meine Person zweifelt (ist sie überhaupt gemeint? Gibt es womöglich eine andere Person gleichen Namens? Bin ich Ich? Den Namen habe ich mir ja nicht selbst gegeben, sondern die Eltern haben ihn für mich ausgesucht). Sie nimmt den Zettel nicht entschlossen an sich, um zu lesen, „was ihr Leben verändern wird“, sondern fingert daran herum und lässt es zu, dass er schließlich davonfliegt. Du unterstellst Ungeschicklichkeit bzw „banales Pech“. Die Frage ist aber: Will sie die Botschaft überhaupt lesen? Will sie nicht vielmehr in der Illusion (bei Kafka ist es der „Traum“) bleiben, es gebe so etwas wie eine nur an sie gerichtete, nur für sie selbst wichtige Botschaft? Um in der Illusion zu bleiben, ist es besser, dass sich endlose Hindernisse aufbauen (Kafka) oder dass der Wind die Botschaft davonweht.
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Hm, dass sich Kafka darüber lustig macht, meinte ich nicht. Eher ein Sehnen nach Bedeutung, das selten so erfüllt wird, dass man damit zufrieden ist.
Bei deiner Geschichte habe ich offenbar nicht herausgelesen, dass es eine Nachricht von ihr an sie selbst sei? Ist das so gemeint? Ich hatte die Frage / das Offenlassen welch besonderen Namen sie trägt und wer der Absender des Zettels sein könnte eigentlich als die Spannungstreiber deiner Geschichte interpretiert 🙂
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Eine Nachricht „an sie selbst“, nicht „an sich selbst“. Die Nachricht geht an sie selbst, nur sie ist gemeint. Sie, nur sie, ist die Addressatin der Nachricht. Aber sie hat da ihre Zweifel (ist sie überhaupt gemeint?), sie bemüht sich um eine Entzifferung, ohne den Zettel in die Hand zu nehmen, sie lässt ihn vom Wind davontragen – für mich sind das alles Zeichen, dass sie in einer Vermeidungshaltung feststeckt, das aber selbst nicht merkt. Eine Parallele wäre (was ich aus eigener Erfahrung kenne), dass ich zu einer Verabredung gehen „will“, von der ich annehme, dass sie für mich wichtig und zugleich herausfordernd ist, und ich unfähig bin, die Straße zu finden bzw die Adresse zu Hause „vergessen“ habe, und schließlich wegen der inneren Unschlüssigkeit den Termin verpasse. Ich sage dann: so ein Pech, ich wollte doch … Ich weiß nicht, ob du das kennst.
Die Frage, wer der Absender ist, ist fast bedeutungslos. Bedeutung hat ihre Reaktion auf die Botschaft, von der sei weiß oder vermutet, dass sie für sie wichtig sein könnte.
Ich schrieb diese Geschichte „aus dem Bauch heraus“, also handelt es sich um nachträgliche Interpretationsversuche.
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Ah, da habe ich zu schnell drüber gelesen! Danke für die Erklärung.
Die Vermeidungshaltung kann ich gut nachvollziehen.
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Der Vergleich, den du erbittest, stellt deine Geschichte zu sehr in den Schatten. Vor Kafkas Übermacht geht unter das Rätselhafte deines Textes hinter dem Entstehen der Botschaft. Warum und von wem wurde der ungewöhnliche Weg der Übermittlung gewählt, wobei die Gefahr besteht, dass die Botschaft zerstört wird. Die Gefahr kommt von unerwartet ganz anderer Seite und es bleibt ein offenes Ende. Welcher merkwürdige Name? Ist er in der Geschichte nur ein MacGuffin?
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Lieben Dank für die Ehrenrettung meiner Geschichte, die ich selbst sehr interessant finde!
Ich wollte durch den Vergleich wirklich kein gleiches literarisches Niveau unterstellen. Mir kam die Assoziation zur „Kaiserlichen Botschaft“, nachdem die Geschichte fertig war. Hier und dort eine „Botschaft“ von anonymer/höchster Stelle an eine einzelne Person. Beide Erzählungen ergehen sich in „Nebensächlichkeiten“, die die Befriedung des Hauptinteresses (was ist das für eine Botschaft, wie wird der Empfänger sie aufnehmen?) verzögern und schließlich ganz anullieren. Das Rätsel bleibt ungelöst.
Und so begann ich über die psycho-logisch interessanten Unterschiede zwischen beiden Erzählungen nachzudenken.
Ein MacGuffin ist der Name nicht, vielmehr zeigt der Zweifel an der unbezeifelbaren Tatsache, dass da ihr Name steht, die Unentschlossenheit der Person, die Botschaft als an sie selbst gerichtet anzuerkennen. (Die kleine Hoffnung: „Vielleicht bin ich gar nicht gemeint?“). Er ähnelt dem bei Kafka so ausgeprägten „Konjunktiv“ – es könnte so sein, aber ist es so? und wirkt als retardierendes Element – eine Strategie, sich in Nebensächlichkeiten zu verstricken, abzuschweifen, Unwahrscheinliches in Betracht zu ziehen, nur um es zu verwerfen …, alles das, um die Hauptsache zu vermeiden. (Darin ist Kafka ein Meister).
Kurzum, es gibt viele strukturelle Ähnlichkeiten, zugleich aber erhebliche Unterschiede (ich spreche nicht von Unterschieden der Erzählkunst, sondern der Psycho-Logik) und wünschte mir Unterstützung dabei, diese Unterschiede besser zu verstehen, Vielleicht mache ich noch einen eigenen Eintrag dazu.
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Deine Botschaft trägt Freiheit, liebe Gerda.
Bei Kafka lese ich alles, was nicht gelingt, Schwierigkeiten, die sich auftürmen und nur ein Traum bleibt,
wobei sich die Träume gleichen könnten…?!
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Das ist eine interessante Interpretation, liebe Bruni, die mich sehr freut. Nach dem Motto: was sollen mir all diese Botschaften an mich selbst, möge sie ein kräftiger Windstoß davon tragen!
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hihi, da bin ich nicht so gut, liebe Gerda 🙂
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Liebe Gerda,
Ich versuche mal, deine Frage zu beantworten und ich mag übrigens beide Texte:
Was sie gemeinsam haben, ist der Wunsch nach Gewissheit und auch, dass diese Gewissheit sie niemals erreichen wird.
Was sie unterscheidet, ist die Art der „höheren Macht“, von der sie sich diese Gewissheit erträumen. Bei Kafka ist die höhere Macht der Kaiser, bei Dir ist es der Wind.
Die Gewissheit ist in Kafkas Fall der Wunsch nach einer Bedeutsamkeit und im Fall Deiner Geschichte sind es die Identität, die Herkunft und der Weg, wonach gesucht wird.
Liebe Grüße von
Amélie
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Interessante Gedanken, danke, Stefanie! Besonders dein Vergleich der beiden „höheren Mächte“ bringt mich auf weitere Ideen. bei Auch dein anderer Gedanke, dass es bei Kafkas „Du“ um „Bedeutsamkeit“, bei meiner Heldin um Vergewisserung, wer sie ist („Identität“) geht, gefällt mir.
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Toll! Beide! Und hochaktuell. „Waiting for the Taxi, but Taxi didn’t come!“ (Ian Dury)
Der Ratschlag, der einen weiterbringen könnte, erreicht einen nicht.
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Danke!
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