Ich bin in einer Bredouille. Normalerweise veröffentliche ich mehrere Kalenderblätter zusammen. Und so dachte ich: heute poste ich mal die Blätter 1-5/6. Tat es auch, merkte aber bald, dass es nicht ohne weitere Erklärungen ginge. Jede dieser kleinen Lektionen von Paul Klee hat es in sich, Ich werde künftig täglich eine Seite seines Skizzenbuchs und meine kommentierenden Notizen dazu posten müssen. Bis ich im Rhythmus der Tage bin, gilt es, die Seiten 2-5/6 abzuarbeiten. Es wird hier also ein bisschen dicht werden.
Nun also die Seite 2/6 des Kalenders.
Ganz oben (Fig. 6) siehst du eine „aktive befristete Linie“, die „sich zwischen bestimmten Punkten bewegt“ (Klee). Der „Agens“ ist wieder „ein Punkt, der sich verschiebt“ (Klee). Klee wählt eine gradlinige Bewegung, um das Thema zu verdeutlichen. ich nenne solche Linien „gefesselt“.
Ich probiere es mal aus: Ich (der Punkt) bewege mich in eine Richtung, dann erschallt ein kräftiges HALT und KEHRT und vorwärts MARSCH! Und wieder bewege ich mich in eine Richtung, erneut erschallt ein HALT und KEHRT und vorwärts MARSCH. Und immer so fort.
Mir fällt dazu die Mutter Courage von Bertold Brecht ein: DAS GANZE SCHWENKT! Der Mensch denkt: Gott lenkt – keine Red davon. Das Lied von der Großen Kapitulation.
Ja, wer lenkt? Welche Linie entsteht unter meinen Füßen? Eine frei schwingende wie in der ersten Lektion oder eine „gefesselte“ Zickzack-Bewegung, die äußeren Impulsen folgt?
Die Fig.7 zeigt „mediale Linien„: „Medial heißen wir eine Linie, die zwischen Punktbewegung und Flächenwirkung steht.“ (Klee) . „Im Werden haben die Figuren linealen Charakter. Am Ende aber bleibt eine Flächenvorstellung.“
Ich, der Punkt, marschiere also los, dann erschallt ein HALT und KEHRT. Ich marschiere in einem vorgegebenen Winkel weiter. Erneut erschallt ein HALT und KEHRT und ich marschiere zu Punkt 3 und dort, das HALT und KEHRT im Ohr, marschiere ich zum Ausgangspunkt zurück. Ich habe ein Viereck abgeschritten, zB einen Wohnraum, ein Feld oder einen Gefängnishof oder aber auch ein Nichts. Dabei haben meine Füße eine Form aus dem Universum herausgeschnitten. Je nachdem, wie mich die Befehle treffen, wird es ein Quadrat, ein Rhombus, ein Dreieck, ein Kreis wie ein Tanz um den Maienbaum sein … immer aber eine geschlossene Form – wie mein Leben: beginnend mit der Geburt, endend mit dem Tod.
Ich spüre dem nach: Welche Form habe ich mit meinen Füßen Schritt vor Schritt abgeschritten, welchen Befehlen gehorchend? Lag die Befehlsgewalt in meinem Inneren oder im Außen? Wo gab es scharfe Kehrtwendungen, wo weiche Verläufe und sanfte Richtungswechsel? Wo befinde ich mich heute und welches sind die angemessenen Schritte hin zum Eintrittspunkt, der im glücklichen Fall auch der Austrittspunkt ist? Werde ich diesen Punkt wiederfinden oder mich im Nirgendwo verlieren und eine unvollendete Form zurücklassen?
Fig. 8 zeigt „passive Linien, die aus einem Flächenaktivum resultieren“. Viele Linien schreiten im Gleichschritt voran – geradeaus oder um einen Mittelpunkt kreisend – und füllen so eine Fläche (Rechteck oder Kreis). Das eigentlich aktive Element ist die Fläche, sie ist ideell vorgegeben, die Richtung der Linien ist gebündelt und dem von der Fläche gegebenen Befehl unterworfen. Die Punkte sind eifrig bemüht, das vorgegebene Tempo zu halten, damit die Fläche keine Löcher aufweist. Es lebe die Fläche! Es lebe der König! Es lebe die Partei, das Vaterland! Es reproduziere sich die Gesellschaft in der vorgegebenen Weise! Es vollende sich der Zweck einer Bewegung! Und du, Punkt, hast nichts weiter zu tun, als deine Pflicht zu erfüllen, indem du der Linie deine Substanz zur Verfügung stellst. So entsteht Quadratisches und Kreisförmiges, so erhalten sich gesellschaftliche Strukturen, so werden gute und schlimme Ziele in kollektiver Anstrengung erreicht.

Vielen Dank für diesen spannendenden Beitrag liebe Gerda
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Tak för tak, wie die Dänen sagen (Danke fürs Danke)
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