Kunstbuch No. 38: in memoriam Alekos Panagoulis (und ein bisschen griechische Geschichte)

Un uomo“ nannte ihn die bekannte italienische Journalistin Oriana Fallaci, „ein Mann“. So lautet auch der Titel ihres autobiografischen Romans „Un uomo“, 1979 (in deutscher Übersetzung „Ein Mann“, bei suhrkamp erschienen), über ihre Liebe zu Alekos Panagoulis.

Gestern, als ich die Tageszeitung Καθημερινή durchblätterte, stieß ich auf einen Artikel mit ein paar Fotos dieses ungewöhnlichen Freiheitskämpfers, der schwerste Misshandlungen und eine jahrelange Einzelhaft in einer extra für ihn gebauten sargähnlichen Zelle überlebte, um dann, zwei Jahre nach dem Sturz der Militärdiktatur, am 1. Mai 1976 bei einem vermutlich arrangierten Autounfall ums Leben zu kommen. Alexandros Panagoulis war ein griechischer Dichter, Widerstandskämpfer und Politiker des Zentrums.

Nicht rechts, nicht links, sondern Zentrum, Mitte. Ein Mensch ohne ideologische Festlegungen. Nur eins war ihm wichtig zu verteidigen: die Freiheit.

Seine Freiheitsliebe machte ihn während der Militärdiktatur in Griechenland (1967-1974) 1968 zum (erfolglosen) „Tyrannenmörder“. Seine Lebensgeschichte kannst du hier nachlesen.

Ich beschloss, die Fotos der Zeitung für mein nächstes Kunstbuch zu verwenden, um so der Widerstandskraft und Entschlossenheit dieses Menschen auf meine Weise zu gedenken – eines freundlichen Menschen, der von sich meinte, er könne keinen Menschen töten – und so sei seine Tat auch nicht gegen einen Menschen, sondern gegen einen Tyrannen gerichtet gewesen.

Die Tat missglückte – die Bombe unter der Brücke explodierte zwei Sekunden nachdem die Autokolonne des Diktators sie überquert hatte. Und so wurde Alekos nicht zum Mörder, tötete niemanden, bezahlte aber den höchsten Preis. Dass er nicht hingerichtet, sondern von 1968 bis 1973 in qualvoller Einzelhaft mit täglichen Mißhandlungen gehalten wurde, verdankte er den internationalen Protesten. Mit seinem Blut schrieb er Gedichte, wenn ihm alle anderen Hilfsmittel genommen waren. Vi scrivo da un carcere in Grecia (Ich schreibe euch aus einem Gefängnis in Griechenland) wurde mit einem Vorwort von Pier Paolo Pasolini veröffentlicht.

„Ein Streichholz als Stift, Blut auf dem Boden als Tinte, der vergessene Gaze-Verband als Papier. Doch was soll ich schreiben? Vielleicht schaffe ich es gerade noch, meine Adresse zu schreiben. Diese Tinte ist seltsam; sie klumpt. Ich schreibe euch aus einem Gefängnis in Griechenland.“

Mikis Theodorakis schrieb für ihn das Lied „Jener war allein“, interpretiert von Giorgos Dalaras (hier). Es wird oft (auch in dieser Aufnahme) zusammen mit dem Lied „Rote Nelke“ gesungen, das dem kommunistischen Wiederstandskämpfer Nikos Belogiannis gewidmet ist (Belogiannis, „der Mann mit der Nelke“, wurde trotz mächtiger Fürsprecher, zB de Gaulles, am 30. April 1952 hingerichtet). Die rote Nelke steht für den Ersten Mai, an dem Alekos Panagoulis starb.

Einem anderen Video ist das Gedicht „Gefängnisse“ von Alekos Panagoulis unterlegt. Musik: Mikis Theodorakis.

Der Text;

Seele, gefangen im Körper,

Körper, gefangen im Leben.

Leben, gefangen in der Zeit.

Geist, aus welchem Gefängnis auch entwichen, wird wieder in ein Gefängnis fallen, 

und es ist nur der Körper, der sein Gefängnis liebte. 

Wie?

Wie also geschieht es, dass der Tod nicht kommt?

Allen Menschen, die für die Freiheit der vielen ihre eigene Freiheit geopfert haben und immer noch opfern, sei dieses winzige Kunstbuch gewidmet.

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About gkazakou

Humanwissenschaftlerin (Dr. phil). Schwerpunkte Bildende Kunst und Kreative Therapien. In diesem Blog stelle ich meine "Legearbeiten" (seit Dezember 2015) vor und erläutere, hoffentlich kurzweilig, die Bezüge zum laufenden griechischen Drama und zur Mythologie.
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4 Responses to Kunstbuch No. 38: in memoriam Alekos Panagoulis (und ein bisschen griechische Geschichte)

  1. Du sollst nicht töten.
    Du sollst keine Bomben werfen,
    doch wissen das auch die,
    die andere einfach verwerfen,
    sie einschließen, hinrichten,
    vielfach sie töten?

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  2. Was für Qualen muss er durchlitten haben, dieser Mann, dessen Attentat auf den Tyrannen leider missglückte.

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  3. Eine sehr gute Idee von dir, dieses Gedenkbüchlein. An Oriana Fallaci und ihren damaligen Bestseller hatte ich auch schon lange nicht mehr gedacht.

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  4. Avatar von Lopadistory Lopadistory sagt:

    Danke für diesen interessanten Einblick. Was ein Mensch für seine Überzeugung alles ertragen kann ist immer wieder erstaunlich. LGLore

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