Heute abend am Kamin hatte ich Lust, noch ein Kunstbuch zu falten. Doch zu welchem Thema? Ich nahm die Lokalzeitung, die als Anzündehilfe dient, zur Hand. Das erste Wort, auf das mein Auge fiele, sollte das Thema sein. Und was war das erste Wort?
ο χρόνος = die Zeit.
Im Artikel ging es nicht um die gewaltigen Themen der Zeit, es ging auch nicht um eine Begriffsbestimmung (was ist Zeit?) und auch nicht um die Osterzeit, o nein: es ging ganz banal um Termine für Antragstellungen bei einer Behörde.
Nun war ich gespannt, was das Blättchen sonst noch zum Thema „Zeit“ bereithalten würde. Ich riss die entsprechenden Wörter aus und lieferte auch die deutsche Übersetzung sowie Kleinstillustrationen dazu. So wurde das Heft zu einer Hilfe zum Erlernen der griechischen Sprache.
Seite 1 (das Deckblatt): ich dekorierte das Wort χρόνος/hronos (Zeit) mit Osterkerze und Osterei: die sind inzwischen bei euch wohl abgebrannt bzw aufgegessen. Bei uns aber sind sie erst am Kommen.
S. 8 (Rückseite): σήμερα/simera = heute ist das Wort. Das war’s, was das Lokalblatt heute, am 8. April, zum ZEITgeschehen vorzubringen hatte. Die Acht wird zum Unendlichkeitszeichen, wenn man sie schlafen legt.
Seite 2 μείωση/miosi = Verringerung. Ja, ja, die noch zu lebende Zeit verringert sich mit jedem Tick und jedem Tack der Uhr.
Seite 3: 67 χρόνος, 37 χρόνος: 67Jähriger, 37Jähriger. Ein Vater hat seinen Sohn erschossen. Eine gewaltsame μείωση der Lebenszeit des Jüngeren. Warum der Alte das tat? Ich weiß es nicht.
Doppelseite 4-5: Es geht um die künftige Generation (ανήλικοι/aniliki = Unmündige, „Unerwachsene“) und um eine geplante Gesetzgebung (νομοθεσία) – also um die Zukunft. Verboten werden soll der Verkauf von Alkoholika an Kinder und Jugendliche. Wir lernen die Wörter πώληση/polisi = Verkauf und αλκοόλ =Alkohol.
Seite 6-7: Das zeitbezogene Wort ist hier ξεκίνημα = Aufbruch zu neuen Ufern? Neubeginn? (Hallo, Myriade!) Im Zeitungsartikel geht es ganz banal um den Besuch eines Derbys der lokalen Mannschaft.
Manche behaupten ja, wir lebten in aufregenden Zeiten. Doch wenn ich mir die Themen des Lokalblättchens betrachte, kommt mir die Zeit recht gewöhnlich vor: Behördenkram, Finanzierungsfragen, ein Mord, ein Gesetzesentwurf, ein Fußballereignis. Keine großen Themen, aber man spürt das ganze brodelnde Hier und Jetzt einer Kleinstadt-Gesellschaft.





