Gestern, als wir gemütlich am Kamin sitzen, während der Regen gegen die Fensterscheiben prasselt, sagt Philippe:
– „Ich mag Sonnenuntergänge. Lass uns einen Sonnenuntergang anschauen…“
Ich lächele gerührt. „Du und deine Sonnenuntergänge! Wo willst du denn jetzt einen sehen? Draußen ist es dunkel und regnet in Strömen.“
Du wirkst zunächst sehr überrascht, aber musst dann selbst lachen. Und du sagst zu mir: – „Ich glaube immer noch, ich sei bei mir!“
– „Aber bei dir gibt es sicher auch manchmal Regentage, und dann sieht man nichts vom Sonnenuntergang“, wende ich ein.
– „Ja, das stimmt“, antwortet Philippe nachdenklich. „Regen ist sehr nützlich. Ohne den Regen würde meine Rose vertrocknen.“
Ich sehe, dass Philippe traurig wird, und wechsele schnell das Thema.
– „Hier auf der Erde gibt es viele Gegenden, da regnet es fast gar nicht“, doziere ich. „Sie bedecken ungefähr ein Drittel der Kontinente. Die größten sind die heißen Trockenwüsten. Hinzu kommen die Eis- und Kältewüsten, dann die Halbwüsten, die Steppen und Trockensavannen …“
– „Woher weißt du das alles?“ fragt Philippe erstaunt. „Hast du so viele Reisen gemacht?“
– „Nein, ich habe im Geografieunterricht aufgepasst.“
– „Ach so. Ich habe so einen Mann getroffen, der wohnte allein auf einem Planeten. Er hatte ein dickes Buch, in das schrieb er alle Namen von Bergen und Flüssen auf. Aber er hatte sie nie gesehen. Er wusste auch nichts von den Flüssen und Meeren auf seinem eigenen Planeten. Ich bin kein Forscher, sagte er. Mir fehlt es an Forschergeist. Nicht der Geograph wird die Städte, Flüsse, Berge, Meere Ozeane und Wüsten zählen. Der Geograph ist zu bedeutend, um sich herumzutreiben. Er verlässt seinen Schreibtisch nicht. Aber er empfängt die Forscher. Er befragt sie, er notiert ihre Erinnerungen. Und wenn die Erinnerungen ihm interessant erscheinen,veranlasst der Geograph eine Untersuchung über die Glaubwürdigkeit des Forschers. „
– „So ungefähr ist es wohl mit den Wissenschaftlern!“ sage ich lachend. „Die wirkliche Welt kennen sie kaum. Manche kennen grad nur ihren Schrebergarten und ansonsten nur Zahlen und Tabellen.“
– „Aber du kennst die Wüsten auch nicht, ober? und weißt doch, wieviele es gibt.“
– „Na ja“, sage ich. „Ein paar Wüsten habe ich schon gesehen.“
– „Ich war in einer Wüste“, sagt Philippe und wird wieder traurig. „Da habe ich einen Mann getroffen, der mit einem Flugzeug abgestürzt war. Er war mein Freund. Ich musste ihn dann verlassen. Ich weiß nicht, wie ich ihn nun wiederfinden kann. Er hat sein Flugzeug repariert und ist nach Hause geflogen. Hilfst du mir, ihn zu finden? Den Ort, wo ich ihn traf, kann ich dir zeigen.“
Die kursiv geschriebenen Passagen sind wörtliche Zitate aus Saint-Exuperys „Der kleine Prinz“ – aus dem Französischen übersetzt von I. Strassenburg.
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