Tagebuch der Unlustbarkeiten: Zahnweh

Nein, meine Zahnärztin werde ich nicht küssen (wie es einst eine Freundin der Sonia Wildgans tat (hier)), aber froh bin ich doch, dass sie mir für heute Nachmittag einen Termin eingeräumt hat. Gestern abend nämlich meldete sich einer meiner noch lebendigen Zähne und rumorte dann die ganze Nacht. Schlafen konnte ich erst gegen Morgen, als ich mich davon überzeugt hatte, dass der Zahn eh keine Ruhe gibt und ich mich werde abfinden müssen (nach dem Spruch für Gelassenheit: ändere das, was du kannst, finde dich ab mit dem, was du nicht ändern kannst). Ich sprach also zum Zahn: ist gut, hab verstanden und akzeptiert, du musst raus, ich befasse mich nicht weiter mit dir, sondern schlafe ein. Denn ohne Schlaf ist Zahnweh noch unangenehmer als mit Schlaf.

Ich bekam dann einen Termin für morgen und gute Ratschläge. Wenig später rief die Zahnärztin noch einmal an, um mir mitzuteilen, dass sie nach einer Absage schon am heutigen Nachmittag eine Vakanz habe. Na also! Geht doch!

Beim Zahnarzt (a) gerda kazakou

Wilhelm Busch

Das Zahnweh

Das Zahnweh, subjektiv genommen,
ist ohne Zweifel unwillkommen;
doch hat’s die gute Eigenschaft,
dass sich dabei die Lebenskraft,
die man nach außen oft verschwendet,
auf einen Punkt nach innen wendet
und hier energisch konzentriert.

Kaum wird der erste Stich verspürt,
kaum fühlt man das bekannte Bohren,
das Zucken, Rucken und Rumoren,
und aus ist’s mit der Weltgeschichte,
vergessen sind die Kursberichte,
die Steuern und das Einmaleins,
kurz, jede Form gewohnten Seins,
die sonst real erscheint und wichtig,
wird plötzlich wesenlos und nichtig.

Ja, selbst die alte Liebe rostet,
man weiß nicht, was die Butter kostet,
denn einzig in der engen Höhle
des Backenzahnes weilt die Seele,
und unter Toben und Gesaus
reift der Entschluss: Er muss heraus!

Soweit kenne ich das Gedicht auswendig und dachte, es ende hier. Nun aber sehe ich: es gibt eine Fortsetzung, und die lautet so:

Die Backe schwillt. – Die Träne quillt.
Ein Tuch umrahmt das Jammerbild.
Verhaßt ist ihm die Ländlichkeit
Mit Rieken ihrer Schändlichkeit,
Mit Doktor Schmurzels Chirurgie,
Mit Bäumen, Kräutern, Mensch und Vieh,
Und schmerzlich dringend mahnt die Backe:
Oh, kehre heim! Doch vorher packe!
[…]

Mit dicker Backe, wehem Zahn,
Rollt er dahin per Eisenbahn
Der Heimat zu und trifft um neun
Präzise auf dem Bahnhof ein.
[…]

Sofort legt Bählamm sich zur Ruh.
Die Hand der Gattin deckt in zu.
Der Backe Schwulst verdünnert sich;
Sanft naht der Schlaf, der Schmerz entwich,
Und vor dem innern Seelenraum
Erscheint ein lockend süßer Traum.

Balduin Bählamm, der verhinderte Dichter; Neuntes Kapitel

(zitiert nach Gedichte-lyrik-poesie.de)

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About gkazakou

Humanwissenschaftlerin (Dr. phil). Schwerpunkte Bildende Kunst und Kreative Therapien. In diesem Blog stelle ich meine "Legearbeiten" (seit Dezember 2015) vor und erläutere, hoffentlich kurzweilig, die Bezüge zum laufenden griechischen Drama und zur Mythologie.
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7 Responses to Tagebuch der Unlustbarkeiten: Zahnweh

  1. Bis auf einen künstlichen habe ich noch alle meine Zähne samt einem abgebrochenen, der aber schon abgeschliffen wurde. Toi, toi. toi, ich hoffe, dass sie noch alle gesund bleiben und gehe alle halbe Jahr zum Nachschauen. Zahnweh ist sehr schlimm!!!

    Liebe Grüße von Gerel!

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  2. Avatar von Ulli Ulli sagt:

    Ich war heute auch mal wieder bei meiner Zahnärztin – auch ein Notfall. Jetzt geht es am 10.02. weiter.

    Alles Gute dir, liebe Gerda 🍀🕊🍀

    Gefällt 1 Person

  3. Dir alles Gute, Gerda!🫰

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