Philippe oder Erklär mir Liebe: Eine Annäherung (plus ein wenig Impulswerkstatt)

Was hat mir Dora mit dem kleinen Prinzen Philippe, ihrem Fast-Bruder, nur für ein Ei ins Nest gelegt! Ich werde es bebrüten müssen und abwarten, was da am Ende herausschlüpft. So viel habe ich schon verstanden: Philippe = Viel-Liebe. Also geht es wohl um Liebe in all ihren Ausfaltungen und Erscheinungsformen?

„Warum fragst du ihn nicht einfach?“ fragst du mich vielleicht. Ich habe ihn gefragt, aber er antwortet ja nie auf Fragen. Er ist ein kleiner Prinz.

Ich habe ihn gefragt: „Um was für eine Art von Liebe handelt es sich eigentlich bei deiner Liebe zu der Rose? Ist es Fürsorge? Zärtlichkeit, weil sie so zart ist? Bist du einfach nur verliebt in ihre Schönheit? Bist du ihr Liebhaber oder ihr Papa oder ihr Freund? Alles zusammen? Und wieso bist du geflohen, weil sie stolz auf ihre Dornen und zuversichtlich war, dass sie damit selbst Tiger in die Flucht schlagen könnte? Magst du nur schwache hilflose Rosen und keine, die auf ihre Dornen vertrauen? Kannst du mir das bitte mal erklären?“

Er hat mich erst lange stumm von der Seite angesehen und dann gemurmelt: „Du fragst wie eine Erwachsene“.

Um von ihm Antworten zu bekommen, muss man Geduld haben. Vielleicht bekommt man nie eine Antwort, sondern muss ihn einfach in seinem Tun beobachten. Er ist halt ein Prinz.

Ich aber bin eine Bloggerin und erwachsen und sogar schon alt und habe keine Zeit, ewig zu warten. Also gehe ich vor, wie es unsereins halt tut: philologisch (wörtlich: „den Logos liebend“)

Im Deutschen gibt es die LIEBE – und basta.  Dazu kommen die abgeleiteten Verben  lieben und verlieben.

Im Griechischen ist die LIEBE vierfältig, man benennt sie je nachdem als: ΕΡΟΤΑΣ  / ΦΙΛΙΑ / ΣΤΟΡΓΗ / ΑΓΑΠΗ, dazu kommen die Verben  αγαπώ (lieben), ερωτεύομαι (verlieben).

‚ΕΡΟΤΑΣ (Erotas) ist göttlich, schlägt wie der Blitz ein und entzündet möglichst gleichzeitig zwei Menschen, die sich dann heftig zueinander gezogen fühlen. Erotas hat unbedingt eine körperliche Komponente, ist ein Streben, das sich in der Berührung und schließlich Vereinigung von zwei Körpern erfüllt. Davon abgeleitet ist das Verb ερωτεύομαι  (erotevome) – verlieben.

Vielleicht bereitete sich auch die Rose darauf vor, diese göttliche Kraft durch ihre Schönheit wirken zu lassen?

„Der kleine Prinz spürte, während er die Entwicklung einer riesigen Knospe beobachtete, dass eine wunderbare Erscheinung aus ihr hervorgehen müsse….“ 

ΕΡΟΤΑΣ

ΦΙΛΙΑ (Philia) ist die Liebe zwischen Freunden. Davon abgeleitet ist das Verb φιλώ (filo) – küssen. Es handelt sich um eine interessenfreie Liebes-Beziehung, charakterisiert von gegenseitigem Vertrauen, Ehrlichkeit und Unterstützung, in der Regel zwischen gleichgeschlechtlichen, nichtverwandten Personen bzw Lebewesen, zB zwischen dem kleinen Prinzen und dem Fuchs.

«Man versteht nur die Dinge, die man zähmt», sagte der Fuchs. «Die Menschen haben keine Zeit mehr, um etwas kennen zu lernen. Sie kaufen sich alles fertig in den Geschäften. Da es aber keine Läden für Freunde gibt, haben die Menschen keine Freunde mehr. Wenn du einen Freund willst, dann zähme mich!»

Auch zwischen Saint-Exupery und dem kleinen Prinzen entstand diese Philia:  „Du wirst immer mein Freund sein. Du wirst mit mir lachen. Und du wirst manchmal dein Fenster öffnen, einfach so, zum Vergnügen … 

ΦΙΛΙΑ

Mit der Rose aber ist es etwas anderes. Der Prinz und die Rose sind keine Freunde. Was aber? Da bin ich auch schon bei einer Rätselfrage. Denn wie sagt der Prinz? «Man sollte den Blumen nie zuhören. Wir müssen sie betrachten und ihren Duft einatmen. Meine Blume erfüllte meinen ganzen Planeten mit ihrem Duft, aber ich wurde nicht glücklich darüber. Diese Geschichte von den Krallen, die mich so sehr reizte, hätte mich mehr berühren sollen …»

ΣΤΟΡΓΗ (Storji) ist die zärtliche, fürsorgliche und hingebende Liebe von Vater und Mutter, auch von Großeltern zu ihren Kindern und Enkeln oder auch zu anderen schutzbedürftigen Wesen, wie zum Beispiel einer Rose.

«Weißt du … meine Blume … Ich bin für sie verantwortlich! Und sie ist so schwach! Und sie ist so einfältig. Sie hat vier Dornen, die sie nicht gegen die Welt schützen können …»  (Der kleine Prinz, S.37)

ΣΤΟΡΓΗ

Agape ist die göttliche Liebeskraft, die die Welt durchwaltet und an der alle Lebewesen jeglicher Gestalt teilhaben. Fühlen kann sie, wer sein Herz dafür öffnet. Dieses rote blutdurchströmte Organ ist es, das die göttliche Liebeskraft am deutlichsten wahrnehmen kann. Das ist auch der Grund, warum es stimmt: „Nur mit dem Herzen sieht man gut“.

ΑΓΑΠΗ

Agape ist der Lebenshauch, der das kalte All zum Leben erweckt und es am Leben erhält. Liebe Myriade, diesen Satz habe ich geschrieben, um damit auch die Impulswerkstatt und das Mosaik-Wort „Kälte“ in meine Überlegungen einzuschließen. Ich schaue hinaus ins Weltall und erschauere vor der Eiseskälte des leeren Raums und der toten Materie. Dann betrachte ich eine Blume und empfinde sogleich die Wärme der Liebe und des Lebens. Sowie ich diese Wärme spüre, belebt sich mir auch das All. Nun werden auch die toten Sterne lebendig, ihr Pulsieren ist nun wie Atem und ihr Funkeln wie Lächeln, Gesang und Glockengeläut. Oder, mit den Worten Saint-Exuperys: „Schaut den Himmel an. Fragt euch: Hat das Schaf die Blume gefressen oder nicht? Ja oder nein? Und ihr werdet sehen, wie sich alles verwandelt…“

Auf Agape berufen sich alle wahrhaft Liebenden, wenn sie flüstern: „Ich liebe dich“. Da spüren sie diesen warmen Strom in sich wie etwas Heiliges. Sie scheuen sich fast, es zu sagen, zu groß ist das Wort, zu heiß und heftig die Bewegung im Herzen. Und die Angesprochenen können aus diesen geflüsterten Worten, aus diesem „ich-liebe-dich“ die ganze himmlische Seligkeit empfangen.

Doch warum ist es dem kleinen Prinzen so wichtig zu betonen, dass diese seine Rose einzigartig und ganz anders als alle anderen ist?

Das ist eine zweite Rätselfrage…

Wenn jemand eine Blume liebt, die es nur ein einziges Mal gibt auf all den Millionen und Millionen Sternen, dann macht es ihn glücklich, nur wenn er sie ansieht… 

Und als er auf den Rosengarten stößt, verzweifelt er:  «Ich dachte, ich wäre reich mit einer einzigen Blume, doch ich habe nur eine gewöhnliche Rose. Sie und meine drei Vulkane, die mir kaum bis zu meinem Knie reichen, von denen einer vielleicht für
immer erloschen ist, das macht aus mir keinen großen Fürsten …» Er legte sich ins Gras und weinte.

Ist Liebe denn ausschließlich und ausschließend? Ist der-die-das Geliebte nicht mehr als eine Zierat, ein Plus an Bedeutung? Vielleicht gar ein Besitz?

Rätsel über Rätsel.

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About gkazakou

Humanwissenschaftlerin (Dr. phil). Schwerpunkte Bildende Kunst und Kreative Therapien. In diesem Blog stelle ich meine "Legearbeiten" (seit Dezember 2015) vor und erläutere, hoffentlich kurzweilig, die Bezüge zum laufenden griechischen Drama und zur Mythologie.
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3 Responses to Philippe oder Erklär mir Liebe: Eine Annäherung (plus ein wenig Impulswerkstatt)

  1. Avatar von Ulli Ulli sagt:

    Liebe Gerda, ein schönes Projekt hast du ins Leben gebracht. Bestimmt werde ich mich auch einmal daran beteiligen.
    Liebe ist nicht Liebe? Ist das so? Nun zumindest unterscheiden die Griechen klug, wie sie waren, in den verschiedenen Weisen, wie sie sich zeigt.
    Herzliche Grüße, Ulli

    Gefällt 2 Personen

    • Avatar von gkazakou gkazakou sagt:

      Ich würde mich sehr freuen, wenn du dich manchmal zu dem Thema zu Wort meldest, liebe Ulli. Es ist ein so verwickeltes Thema. Wir meinen ja alle irgendwie zu wissen, was Liebe sei, aber wenn ich dann ehrlich in mich schaue, finde ich so viel Untermischtes, dass es gar nicht so leicht ist, die Liebes-Ingredienz herauszufiltern. Ich fühle nur sicher, wann sie fehlt. Solche Reden und Handlungen sind dann wie „tönendes Erz und eine hohle Glocke“, wie Paulus sagt.

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  2. Avatar von Myriade Myriade sagt:

    Kälte als Gegensatz zu Liebe ist einer der vielen Aspekte der Liebe. Ich mag den kleinen Prinzen sehr, aber sämtliche körperliche Arten der Liebe kommen da nicht vor. Du wirst deinen kleinen Jahresbegleiter auch in für ihn neue Gefilde führen müssen 🙂

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