In der Silvesternacht – die Feuerwerke über Kalamata waren verlöscht und Mann und Besucher hatten sich schlafen gelegt – blieb ich noch auf, um nachzudenken. Mir fehlte eine zündende Idee, ein Leitgedanke, eine Figur vielleicht, fürs gerade geborene Jahr.
Die Idee einer Jahres-Leitfigur kam mir 2021, und so wurde Willi geboren. Sein Name verwies auf das Thema der Jahres: Wille, Wollen, Willensstärke. Willi wuchs und wandelte sich, wurde jeden Tag drei Monate älter und wäre am Jahresende 100 gewesen. Doch er – bzw sie, denn Willi war nun zu Willie geworden – verschwand im August irgendwo in den Tiefen Afrikas, vermutlich in der Sahelzone… Wollen ist wichtig, es gibt dem Handeln eine Richtung. Aber wenn die Umstände dem Wollen entgegenstehen – nützt es etwas, sich den Kopf einzurennen? Nein. Vor allem aber: Macht es glücklich?Hier siehst du Willi am 3.1.2021 als Dreimontagkind.

Im nächsten Jahr, 2022, sprang Dora* voller Übermut und Witz ins offene Tor des Jahres. Das Thema des Jahres war, wie ihr Name („Geschenke“) sagt: lass dich vom Leben beschenken, nimm das Leben mit Freuden an, empfange!

2023 ließ ich eine ganze Theatertruppe aufmarschieren und ein „kleines Welttheater“ aufführen. Die Figuren hattet ihr, liebe Mitlesende, in eine Prioritätenliste gebracht. Die erste Rolle fiel der blinden Dichterin Domna zu, die zweite der Dame Diaphania, sprich: Transparenz. Hier seht ihr sie im Abschlussbild des Jahres 2023.

2024 rief ich in meiner Verzweiflung – denn ich fand kein Thema – Dora an, die inzwischen längst in anderen Welten ihr Wesen trieb. Denn Transparenz ist zwar ein wichtiges Thema – aber wird man damit glücklich? Hier der Text vom 1. Januar 2024:
Dora, hilf! Auf der Suche nach einer Idee.
Lamento (ich)
Das Neue Jahr hat zwar erst grade angefangen
Doch habe ich bereits begonnen sehr zu bangen.
Warum? Die Dora fehlt, um mir, wie sonst geschehen,
beim Finden von Geschichten beizustehen.
Mir fällt nichts ein! Und niemand gibt mir Tipps.
Soll ich denn ganz allein jetzt quälen meinen Grips?
Lass dir mal Zeit, so rät der liebe Jürgen mir
Der hat gut reden, denn er kennt ja sein Revier.
Ich aber nicht! Soll ich den dunklen schweren Dingen
mit denen heutzutage viele Menschen ringen
mich ernsthaft widmen und sie transparent beschreiben?
Nein, lieber nicht! es würde mich zum Wahnsinn treiben.
Ich liebe es viel mehr, den schönen Schein zu wahren
Die Transparenz ist herrlich, wenn im Meer, dem klaren,
die Steine dir vom Grunde weiß entgegenfunkeln.
Doch manche Dinge bleiben besser ganz im Dunkeln.
Die Wahrheit ist nur schön, wenn schön ist, was sie zeigt.
In vielen Fällen ist man gut beraten, wenn man schweigt.
Wie wärs mit Katzen? wie mit Blumen, Bäumen?
Wie wärs mit Wetter, wie mit Träumen?
Mit Einkaufsbummeln, Essen und Berichten
von Kummer, Freuden, Alltagspflichten?
Wie wärs mit Reisen, Künsten und Genuss?
mit Unglück, Trauer und Verdruss?
Gewiss, die Themen sind ja alle noch vorhanden!
wenngleich inzwischen schon ein bisschen abgestanden.
Ich tät gern wirklich Neues, Ungesagtes mir ausdenken
und nicht auf Altbekanntes oft Gesagtes mich beschränken.
Was soll ich tun,
ich armes Huhn!
Mir fällt so gar nichts ein, ist alles schon gesagt.
Ich hätte allzu gern die Dora mal gefragt.
Aus dem Off (Dora)
Was ist denn das für ein Gejammer!
Grad wie aus einer Folterkammer!
Wo fehlt es, Frau, was hast du bloß!
Seit wann bist du denn einfallslos?
Nimm doch zur Hand ein Stück Papier
Komm her zu mir, ich reich es dir,
reiß es in viele Stücke nun
und schon hast du genug zu tun.
Du kannst, du weißt es, Welten bauen
mit dummen Menschen und mit schlauen
kannst Flügel geben den Kaninchen
und Flossen auch den Honigbienchen.
Was geht dich an die Wirklichkeit!
Was wichtig ist, ist Heiterkeit.
Ich
Lass sehn, gib her mir das Papier
wer weiß, vielleicht, gefällt es mir,
vielleicht kommt meine Fantasie zurück
und mir fällt ein ein neues Schelmenstück…
Doch was für eins? wie sollen die Figuren sein?
Dora
Egal, machs wie du willst, ich lass dich jetzt allein.
Ich
Ich weiß nicht recht, denn ist das wirklich neu?
Und reicht es aus, dass es den Mensch erfreu?
Ich schau mal, was ich schon an Typen habe,
wenn ich ein bisschen im Archive grabe.
Jetzt erstmal zehn, und morgen seh ich weiter.
Vielleicht bin ich bis dann auch schon gescheiter.
Ich bat euch, liebe Mitlesende, erneut um Hilfe, um eine von mehreren vorgeschlagenen Figuren zur Jahresrepräsentantin zu machen. Eure Wahl fiel auf Diaphania/Transparenz (hier).
Im Jahr 2025 hatte ich keine Leitfigur, dafür aber die Raunächte und Tarotkarten, die mir monatliche Themen vorgaben.
Nun aber, zu Silvester 2025/6, stand ich erneut auf dem Schlauch. Tarotkarten hatte ich gezogen, aber mir gefiel die Idee nicht, das Schema von 2025 zu wiederholen. Etwas Neues brauchte ich. Doch was? Woher einen Einfall nehmen? Und ich seufzte:
„Wo bist du, süße Dora? Braucht unsereins etwa keine Geschenke mehr?“
Da hörte ich ihr geliebtes Stimmchen ganz nah an meinem Ohr.
„Ich hab dir doch ein Geschenk geschickt!“
Offenbar hatte sich beim Jahreswechsel ein Spalt im Zeitenlauf aufgetan und sie war, wenngleich unsichtbar, hindurchgeschlüpft. Wie freute ich mich!
„Du hast ein Geschenk für mich, kleine Dora?“ fragte ich verzückt in die Nacht hinein. „Ja, ja, den Philipp“, krähte sie vergnügt. „Der ist fast mein Bruder!“ – „Wen?“ fragte ich begriffsstutzig. „Philipp„, kam die Antwort, es klang ganz weich und mit gelängtem ii, wie Fielliebe. „Und wo ist er?“ – „Den musst du schon selbst finden„, kam die schnippische Antwort. „Schau dich mal um! Er ist ja schon bei dir und will das ganze Jahr bei dir bleiben, damit ihr zusammen Spaß habt. Ich versorge solange seine Rose und seine Vulkane, das macht mir nichts aus.“
Vulkane? Rose? Der kleine Prinz! Ein Fast-Bruder von Dora? „Na klar, sieht man doch!“ „Und er heißt Philipp?“ fragte ich erstaunt. „Genau! Vielliebe„.
Mir fiel es wie Schuppen von den Augen: Die Ähnlichkeit mit Dora war ja unverkennbar. Ich hatte das Geschenk gesehen, aber zwischen all dem Krimskrams fast vergessen.

Da stand er ein wenig schüchtern, mit hängenden Armen und glänzte still vor sich hin. „Philipp, verzeih!“ murmelte ich beschämt. „Ich habe mich so an Dora gewöhnt. Ihr seht euch ja sehr ähnlich, aber ….“ Mehr fiel mir nicht zu sagen ein. Und er schaute mit blassem Gesicht vor sich hin, ohne zu antworten.
Nun, es wird schon werden. Wir müssen uns nur erst kennenlernen, müssen Zeit miteinander verbringen. Philipp heißt er, und es klingt wie Viel-Liebe.
Ja, ein Liebender der besonderen Art ist der kleine Prinz. Er liebt eine Rose und ist bereit zu sterben, um zu ihr zu kommen. Denn, so meint er, sie sei so zerbrechlich und habe seine Fürsorge nötig.
Alle Menschen lieben, jeder auf seine Art. Und das ist also das Jahresthema: Viel Liebe. Schwierig. Anspruchsvoll und spannend. Was ist Liebe? Wie liebt der Schildkrötenmann (siehe hier), wie lieben der Pfau und die Taube, der Käfer und der Skorpion? Wie liebe ich und wie liebst du? Ja, was ist Liebe? Und wieviele Arten von Liebe gibt es? So viele wie fühlende Herzen? Oder sogar noch viel mehr?
Ich bin gespannt, was sich daraus ergibt. Und wenn ihr Lust habt, schreibt doch im Laufe des Jahres auch etwas dazu:
„Viel-Liebe“ ist das Thema des Jahres.
Ingeborg Bachmann
Erklär mir, Liebe
Dein Hut lüftet sich leis, grüßt, schwebt im Wind,
dein unbedeckter Kopf hat’s Wolken angetan,
dein Herz hat anderswo zu tun,
dein Mund verleibt sich neue Sprachen ein,
das Zittergras im Land nimmt überhand,
Sternblumen bläst der Sommer an und aus,
von Flocken blind erhebst du dein Gesicht,
du lachst und weinst und gehst an dir zugrund,
was soll dir noch geschehen –
Erklär mir, Liebe!
Der Pfau, in feierlichem Staunen, schlägt sein Rad,
die Taube schlägt den Federkragen hoch,
vom Gurren überfüllt, dehnt sich die Luft,
der Entrich schreit, vom wilden Honig nimmt
das ganze Land, auch im gesetzten Park
hat jedes Beet ein goldner Staub umsäumt.
Der Fisch errötet, überholt den Schwarm
und stürzt durch Grotten ins Korallenbett.
Zur Silbersandmusik tanzt scheu der Skorpion.
Der Käfer riecht die Herrlichste von weit;
hätt ich nur seinen Sinn, ich fühlte auch,
daß Flügel unter ihrem Panzer schimmern,
und nähm den Weg zum fernen Erdbeerstrauch!
Erklär mir, Liebe!
Wasser weiß zu reden,
die Welle nimmt die Welle an der Hand,
im Weinberg schwillt die Traube, springt und fällt.
So arglos tritt die Schnecke aus dem Haus!
Ein Stein weiß einen andern zu erweichen!
Erklär mir, Liebe, was ich nicht erklären kann:
sollt ich die kurze schauerliche Zeit
nur mit Gedanken Umgang haben und allein
nichts Liebes kennen und nichts Liebes tun?
Muß einer denken? Wird er nicht vermißt?
Du sagst: es zählt ein andrer Geist auf ihn …
Erklär mir nichts. Ich seh den Salamander
durch jedes Feuer gehen.
Kein Schauer jagt ihn, und es schmerzt ihn nichts.
Aus: Anrufung des Großen Bären 1956.
—–
*Anmerkung für neuere Mitleser: Der Name des Jahres 2022 war Dora (ΔΩΡΑ). Dora ist griechisch. Es ist nicht nur ein schöner Frauenname, sondern hat auch eine schöne Bedeutung, nämlich „Geschenke, Gaben“. Als Name ist es eine Abkürzung von Theodora (Gottesgeschenk), männlich auch als Theodor, oder auch in umgekehrter Reihenfolge Dorothea (Geschenkgöttin).
Und da kommt nun das neue Jahr heraufgezogen und verkündet: „Ich heiße Dora. Hör auf zu wollen; empfange!“ Als ich das hörte, zog eine Seligkeit in mich ein. Wie schön! Alles wird sich von selbst schön richten. Ich muss nicht mehr wollen und mir den Kopf einrennen, ich darf empfangen. Ein Jahr des Segens. Aber schon kamen Zweifel auf: Geschenke – ist das nicht auch ein zweischneidiges Schwert? Ich bekomme zwar gern Geschenke, aber einfach so, unbesehen, in Empfang nehmen, was kommt? Was steckt im wohlverschnürten Päckchen drin? Wenn mir das Geschenk nicht zusagt – kann ich es zurückgeben? Und grundsätzlich: Ist Empfangen nicht entsetzlich passiv? Ich mag die Kontrolle über mein Leben und seine Umstände nicht an ein unbekanntes Wesen abgeben…. (So schrieb ich damals)
Das ist viel zum Lesen…Jetzt schlafe ich erst einmal..
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