Impulswerkstatt, Bild 3. Geisterbahn

Ein paar Gedanken zum dritten Bild deiner laufenden Impulswerkstatt, liebe Myriade.

 

Geisterbahn

Ich seh das hier

und denk bei mir:

Wen kann denn das noch schrecken?

Ein Krokodil und noch ein Mann, die ihre Zähne blecken?

Sind wir nicht grad in diesen Tagen

geschreckt durch sehr viel schlimmre Plagen?

 

Und auch die Kinder, Mannomann

was so ein Kind nicht alles kann!

Mit seinen drei vier Jahren

ist es schon sehr erfahren

im spielerischen Morden

von ekeligen Horden

entseelter Monster, Automaten,

und wär es nicht mit seinen Taten,

die diesem Spuk ein Ende setzen,

so ginge gar die Welt in Fetzen.

 

Das also und noch dies und das dachte ich bei dieser altmodischen Grusel-Geisterbahn. Dann fiel mir noch auf, dass die menschenähnliche Maske sehr viel Ähnlichkeit mit dem „Islamisten“ hat, der sich in der angstbesetzten Welt so manchen Europäers herumtreibt. Und ich wunderte mich, dass noch niemand auf die Idee gekommen ist, sie als „Hass und Hetze“ anzuprangern und verbieten zu lassen.

Der „schwarze Mann“ und der „kindermordende Jude“ haben jahrhundertelang als Gräuelbilder gedient und nun hoffentlich für immer ausgedient. Für einen Jahrmarktbetreiber wird es immer schwerer, ein niemanden diskriminierendes Konterfei aufzustellen. Denn ehrlich: soll man den Kindern Angst vor Islamisten und Krokodilen einflößen? Brauchen nicht auch Krokodile unsere Empathie?

 

 

 

 

 

 

 

 

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About gkazakou

Humanwissenschaftlerin (Dr. phil). Schwerpunkte Bildende Kunst und Kreative Therapien. In diesem Blog stelle ich meine "Legearbeiten" (seit Dezember 2015) vor und erläutere, hoffentlich kurzweilig, die Bezüge zum laufenden griechischen Drama und zur Mythologie.
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16 Responses to Impulswerkstatt, Bild 3. Geisterbahn

  1. Und, von fern betrachtet, fährt das Riesenrad die Schreckensopfer in die Geisterbahn. Immer, immer wieder. Immer dieselbe Bahn – warum bloß, warum steigt keiner aus, sagt, ich mach da nicht mehr mit?

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    • Avatar von gkazakou gkazakou sagt:

      Warum ruft niemand das HALT in die Manege?

      Franz Kafka: Auf der Galerie

      Wenn irgendeine hinfällige, lungensüchtige Kunstreiterin in der Manege auf schwankendem Pferd vor einem unermüdlichen Publikum vom peitschenschwingenden erbarmungslosen Chef monatelang ohne Unterbrechung im Kreise rundum getrieben würde, auf dem Pferde schwirrend, Küsse werfend, in der Taille sich wiegend, und wenn dieses Spiel unter dem nichtaussetzenden Brausen des Orchesters und der Ventilatoren in die immerfort weiter sich öffnende graue Zukunft sich fortsetzte, begleitet vom vergehenden und neu anschwellenden Beifallsklatschen der Hände, die eigentlich Dampfhämmer sind – vielleicht eilte dann ein junger Galeriebesucher die lange Treppe durch alle Ränge hinab, stürzte in die Manege, rief das – Halt! durch die Fanfaren des immer sich anpassenden Orchesters.

      Da es aber nicht so ist; eine schöne Dame, weiß und rot, hereinfliegt, zwischen den Vorhängen, welche die stolzen Livrierten vor ihr öffnen; der Direktor, hingebungsvoll ihre Augen suchend, in Tierhaltung ihr entgegenatmet; vorsorglich sie auf den Apfelschimmel hebt, als wäre sie seine über alles geliebte Enkelin, die sich auf gefährliche Fahrt begibt; sich nicht entschließen kann, das Peitschenzeichen zu geben; schließlich in Selbstüberwindung es knallend gibt; neben dem Pferde mit offenem Munde einherläuft; die Sprünge der Reiterin scharfen Blickes verfolgt; ihre Kunstfertigkeit kaum begreifen kann; mit englischen Ausrufen zu warnen versucht; die reifenhaltenden Reitknechte wütend zu peinlichster Achtsamkeit ermahnt; vor dem großen Salto mortale das Orchester mit aufgehobenen Händen beschwört, es möge schweigen; schließlich die Kleine vom zitternden Pferde hebt, auf beide Backen küßt und keine Huldigung des Publikums für genügend erachtet; während sie selbst, von ihm gestützt, hoch auf den Fußspitzen, vom Staub umweht, mit ausgebreiteten Armen, zurückgelehntem Köpfchen ihr Glück mit dem ganzen Zirkus teilen will – da dies so ist, legt der Galeriebesucher das Gesicht auf die Brüstung und, im Schlußmarsch wie in einem schweren Traum versinkend, weint er, ohne es zu wissen.

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      • Das Problem ist, dass wir meist nicht Zuschauer am Rande einer Manege sind, sondern Beteiligte, Mitspieler, und sei es wider Willen wie in einem Mitmachtheater. Stünde einer auf und riefe, so würde sein Zuruf alsogleich ins Spiel eingebaut, und sei es vom Raubkatzendompteur oder vom Messerwerfer, die noch Freiwillige suchen.

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  2. Avatar von Myriade Myriade sagt:

    Uiiiii, ich bitte vielmals um Entschuldigung, diesen Beitrag habe ich doch glatt übersehen. Wäre schade, es ist schon eine bedenkenswerte Frage wovor man sich heutzutage so fürchtet. Dass du in dieser alten Pappmaché-Figur, die schon fast unter Denkmalschutz steht, einen Islamisten siehst, erstaunt mich. Klar, ich kenne diese Geisterbahn auch schon mein Leben lang und es wundert mich auch, dass sich jemand noch davor fürchten kann, aber offensichtlich ist sie noch nicht in Konkurs gegangen. Und danke für das Kafka-Zitat. Die frage warum niemand HALT ruft, war wohl zu allen Zeiten aktuell und ist es immer noch oder schon wieder.

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