112 Stufen, 82: Würde (Schiller, Brecht, Lassalle, Kant, Aristoteles und ich selbst)

Reiner hat ein „Mitmachding“ initiiert. Es geht darum, jeden Tag einen Text zu einem Wort zu posten, das sich auf der Holsteiner Treppe in Wuppertal, verteilt auf 9 Absätze befindet. Es reizt mich, da mitzumachen, allerdings eher nicht mit eigenen Textproduktionen, sondern mit literarischen Assoziationen und Gedichten anderer. Ich bin gespannt, welche Texte, Gedichte, Geschichten jedes dieser Wörter in meiner Erinnerung aufleuchten lässt. All diese Erinnerungen an Gelesenes und im Gedächtnis Aufgehobenes sollen mir einen nachklingenden Teppich weben, den ich über die Stufen lege, um noch einmal hinaufzusteigen.

Der als unverbesserlicher Idealist verschrieene Friedrich Schiller hat etwas zur Würde des Menschen gesagt, das eines Bertold Brecht würdig gewesen wäre. Er sagte es nicht in langatmigen Ergüssen, sondern kurz und bündig, in einem berühmten Distichon (Musen-Almanach für das Jahr 1797):

Nichts mehr davon, ich bitt euch. Zu essen gebt ihm, zu wohnen
Habt ihr die Blöße bedeckt, gibt sich die Würde von selbst.

Eine Verwandtschaft mit Brechts Diktum aus dem Schlussgesang der Dreigroschenoper ist unverkennbar:

„Erst kommt das Fressen, dann kommt die Moral“*

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Seit Beginn der abendländischen Philosophie wird dem Menschen eine besondere „Würde“ zugesprochen, weil er ein vernunftbegabtes Wesen sei. Diese Auffassung ist unterschwellig bis heute vorhanden, und auch dazu hat Brecht einen deutlichen Ausspruch getan:

Ein Mensch ist kein Tier!**

Und er ist auch kein „Objekt“ – wie Kant formulierte. Wegen der NS-Geschichte heißt es im Grundgesetz „Die Würde des Menschen ist unantastbar“, sie ist also als Abwehrrecht gegen die Übergriffigkeit des Staates garantiert. Insbesondere ist es nicht gestattet, Menschen als Objekte des staatlichen Handelns zu instrumentalisieren.

Die Weimarer Verfassung hatte noch den sozialen Aspekt („menschenwürdiges Dasein“) deutlicher im Blick:

Die Ordnung des Wirtschaftslebens muss den Grundsätzen der Gerechtigkeit mit dem Ziele der Gewährleistung eines menschenwürdigen Daseins für alle entsprechen“ – eine Formulierung, die auf Ferdinand Lassalle (1825-1864) zurückging.

Schon die erste Verfassung des neugriechischen Staates, die aus der Revolution 1821-29 hervorging, bestimmte übrigens:

„Der Respekt und Schutz der Würde (des Wertes) des Menschen ist die erste Pflicht des Gemeinwesens.“ 

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Doch daneben gab es immer schon einen anderen Aspekt der „Würde“, der nicht von einem Geburtsrecht auf Würde ausging, sondern sie an das Verdienst für die Gemeinschaft band. Beginnend mit Aristoteles konnte man sich Würde (αξία = Wert/ αξιοπρέπια = Würde) verdienen und man konnte sie bei verächtlichem oder verräterischem Verhalten auch wieder verlieren. Dieser Würde-Begriff klingt bis heute im Ausdruck „in Amt und Würden“ nach.

Dass Würdenträger ihre Würde manchmal auch als Bürde erleben, habe ich mal im Kontext der abc-etüden bereimt:

Klage eines Würdenträgers

„Ich ahnt es nicht, dass meine Würde
Mir einmal würd zur schweren Bürde!“
Der Würdenträger seufzte
Und in sein Taschentuch sich schnäufzte.

„Als ich noch jung und lustig war,
so zwischen zehn und zwanzig Jahr
da nahm ich jede Hürde
ganz ohne jede Bürde.

Doch nun, ihr Werten, Lieben,
müsst ihr mich vorwärts schieben,
und in dem speckigen Talar
steh ich gebeugt an dem Altar

und red von würde und von sollte,
weil sonst der liebe Herrgott grollte.
Viel lieber würd ich mit euch tanzen
Und nochmals schultern meinen Ranzen

Ganz ohne Pflicht und Amtstalar
Doch nie kommt wieder, was einst war.“

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*Der Liedtext (aus der Dreigroschenoper)

Ihr Herren, die ihr uns lehrt, wie man brav leben
Und Sünd‘ und Missetat vermeiden kann
Zuerst müsst ihr uns was zu fressen geben
Dann könnt ihr reden, damit fängt es an
Ihr, die ihr euren Wanst und uns’re Bravheit liebt
Das Eine wisset ein- für allemal
Wie ihr es immer dreht, und wie ihr’s immer schiebt
Erst kommt das Fressen, dann kommt die Moral
Erst muss es möglich sein, auch armen Leuten
Vom grossen Brotlaib sich ihr Teil zu schneiden

Denn wovon lebt der Mensch?

Denn wovon lebt der Mensch? Indem er stündlich
Den Menschen peinigt, auszieht, anfällt, abwürgt und frisst
Nur dadurch lebt der Mensch, dass er so gründlich
Vergessen kann, dass er ein Mensch doch ist

Chor:
Ihr Herren, bildet euch nur da nichts ein
Der Mensch lebt nur von Missetat allein

Ihr lehrt uns, wann ein Weib die Röcke heben
Und ihre Augen einwärts drehen kann
Zuerst müsst ihr uns was zu fressen geben
Dann könnt ihr reden, damit fängt es an
Ihr, die auf uns’rer Scham und eurer Lust besteht
Das Eine wisset ein- für allemal
Wie ihr es immer schiebt und wie ihr’s immer dreht
Erst kommt das Fressen, dann kommt die Moral
Erst muss es möglich sein, auch armen Leuten
Vom großen Brotlaib sich ihr Teil zu schneiden

Denn wovon lebt der Mensch?

Denn wovon lebt der Mensch? Indem er stündlich
Den Menschen peinigt, auszieht, anfällt, abwürgt und frisst
Nur dadurch lebt der Mensch, dass er so gründlich
Vergessen kann, dass er ein Mensch doch ist

Chor:
Ihr Herren, bildet euch nur da nichts ein
Der Mensch lebt nur von Missetat allein!

Text: Bertolt Brecht
Musik: Kurt Weill

** Der Liedtext (aus Aufstieg und Fall der Stadt Mahagonny, 1930)

Meine Herren, meine Mutter prägte Auf mich einst ein schlimmes Wort: Ich würde enden im Schauhaus Oder an einem noch schlimmern Ort. Ja, so ein Wort, das ist leicht gesagt, Aber ich sage euch: Daraus wird nichts! Das könnt ihr nicht machen mit mir! Was aus mir noch wird, das werdet ihr schon sehen! Ein Mensch ist kein Tier! Denn wie man sich bettet, so liegt man Es deckt einen da keiner zu Und wenn einer tritt, dann bin ich es Und wird einer getreten, dann bist’s du. Meine Herren, mein Freund, der sagte Mir damals ins Gesicht: „Das Größte auf Erden ist Liebe“ Und „An morgen denkt man da nicht.“ Ja, Liebe, das ist leicht gesagt: Aber wenn man täglich älter wird Da wird nicht nach Liebe gefragt Da muß man seine kurze Zeit benützen Ein Mensch ist kein Tier!

Text: Bertolt Brecht
Musik: Kurt Weill

 

 

 

 

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About gkazakou

Humanwissenschaftlerin (Dr. phil). Schwerpunkte Bildende Kunst und Kreative Therapien. In diesem Blog stelle ich meine "Legearbeiten" (seit Dezember 2015) vor und erläutere, hoffentlich kurzweilig, die Bezüge zum laufenden griechischen Drama und zur Mythologie.
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4 Responses to 112 Stufen, 82: Würde (Schiller, Brecht, Lassalle, Kant, Aristoteles und ich selbst)

  1. Für mich ist das – dialektisch – zu bunt gemischt… Aber Du bist natürlich in Deiner Art „spitze“.
    Ich lasse das „Werten“ und freue mich an Schillers Worten, dem Brecht natürlich „nicht das Wasser reichen“ kann.
    Und wahrscheinlich meinst Du das in Wirklichkeit auch andersherum. als Du es schreibst.
    Und Du schreibst selbst und erlaubst Dir eben Deine „künstlerische Freiheit.“

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  2. Toller, facettenreicher Beitrag!

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  3. Avatar von Lopadistory Lopadistory sagt:

    Doch nie kommt wieder, was einst war … LG

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