Reiner hat ein „Mitmachding“ initiiert. Es geht darum, jeden Tag einen Text zu einem Wort zu posten, das sich auf der Holsteiner Treppe in Wuppertal, verteilt auf 9 Absätze befindet. Es reizt mich, da mitzumachen, allerdings eher nicht mit eigenen Textproduktionen, sondern mit literarischen Assoziationen und Gedichten anderer. Ich bin gespannt, welche Texte, Gedichte, Geschichten jedes dieser Wörter in meiner Erinnerung aufleuchten lässt. All diese Erinnerungen an Gelesenes und im Gedächtnis Aufgehobenes sollen mir einen nachklingenden Teppich weben, den ich über die Stufen lege, um noch einmal hinaufzusteigen.
Erklär mir, Liebe, was ich nicht erklären kann:
sollt ich die kurze schauerliche Zeit
nur mit Gedanken Umgang haben und allein
nichts Liebes kennen und nichts Liebes tun?
Muß einer denken? Wird er nicht vermißt?
Klärung ist etwas anderes als Erklärung, ich weiß. Erklärung kann Klarheit sogar verhindern, da sie immer Gründe kennt, um Gründe nie verlegen ist. Erklärungen klären nicht, sondern trüben die Klarheit des Seins, die den stillen Blick bis zum Grund der Dinge erlaubt. Und dieser Grund ist die Liebe.
Erklär mir nichts.
Das Gedicht von Ingeborg Bachman (1926-1973) lässt diesen Grund für alles und jedes fern aller Erklärungen und „neuer Sprachen“ in herrlichen lebendigen Bildern aufleuchten: im radschlagenden Pfau, im Gurren der Taube, im Überfluss des wilden Honigs und goldenen Blütenstaubs, im errötenden Fisch, in der Silbersandmusik des Skorpions, im Käfer, der die Liebste von Weitem riecht… Wasser und Welle, Trauben und Schnecken leben in der Liebe, und selbst der Stein, hinabsinkend zu diesem Seins-Grund der Liebe erweicht den anderen Stein. Nur Ich, nur Du sind ausgenommen, weil wir das Denken haben? „Muß einer denken? Wird er nicht vermißt?“ In einem letzten Bild ruft Bachmann den Salamander an, den nichts mehr berührt. Die Feuer können ihm nichts mehr anhaben, denn er ist durch alle Feuer gegangen. So ist der, der durch das Feuer des Denkens die Natur in sich und um sich überwunden hat. Aber die Liebe?
Ingeborg Bachmann
Erklär mir, Liebe
Dein Hut lüftet sich leis, grüßt, schwebt im Wind,
dein unbedeckter Kopf hat’s Wolken angetan,
dein Herz hat anderswo zu tun,
dein Mund verleibt sich neue Sprachen ein,
das Zittergras im Land nimmt überhand,
Sternblumen bläst der Sommer an und aus,
von Flocken blind erhebst du dein Gesicht,
du lachst und weinst und gehst an dir zugrund,
was soll dir noch geschehen –
Erklär mir, Liebe!
Der Pfau, in feierlichem Staunen, schlägt sein Rad,
die Taube schlägt den Federkragen hoch,
vom Gurren überfüllt, dehnt sich die Luft,
der Entrich schreit, vom wilden Honig nimmt
das ganze Land, auch im gesetzten Park
hat jedes Beet ein goldner Staub umsäumt.
Der Fisch errötet, überholt den Schwarm
und stürzt durch Grotten ins Korallenbett.
Zur Silbersandmusik tanzt scheu der Skorpion.
Der Käfer riecht die Herrlichste von weit;
hätt ich nur seinen Sinn, ich fühlte auch,
daß Flügel unter ihrem Panzer schimmern,
und nähm den Weg zum fernen Erdbeerstrauch!
Erklär mir, Liebe!
Wasser weiß zu reden,
die Welle nimmt die Welle an der Hand,
im Weinberg schwillt die Traube, springt und fällt.
So arglos tritt die Schnecke aus dem Haus!
Ein Stein weiß einen andern zu erweichen!
Erklär mir, Liebe, was ich nicht erklären kann:
sollt ich die kurze schauerliche Zeit
nur mit Gedanken Umgang haben und allein
nichts Liebes kennen und nichts Liebes tun?
Muß einer denken? Wird er nicht vermißt?
Du sagst: es zählt ein andrer Geist auf ihn …
Erklär mir nichts. Ich seh den Salamander
durch jedes Feuer gehen.
Kein Schauer jagt ihn, und es schmerzt ihn nichts.
Aus: Anrufung des Großen Bären 1956.

Deine Schnipselei dazu gefällt mir sehr, liebe Gerda!
Ingeborg Bachmann ist einfach eine Größe am Lyrikhimmel!
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