112 Stufen, 37: beleidigt sein (Niccolò Macchiavelli)

Reiner hat ein „Mitmachding“ initiiert. Es geht darum, jeden Tag einen Text zu einem Wort zu posten, das sich auf der Holsteiner Treppe in Wuppertal, verteilt auf 9 Absätze befindet. Es reizt mich, da mitzumachen, allerdings eher nicht mit eigenen Textproduktionen, sondern mit literarischen Assoziationen und Gedichten anderer. Ich bin gespannt, welche Texte, Gedichte, Geschichten jedes dieser Wörter in meiner Erinnerung aufleuchten lässt. All diese Erinnerungen an Gelesenes und im Gedächtnis Aufgehobenes sollen mir einen nachklingenden Teppich weben, den ich über die Stufen lege, um noch einmal hinaufzusteigen.

Drunter und Drüber (Schnipsel von Marie Mandarin)

Dieser Treppenabschnitt geht mir grad ziemlich gegen den Strich: lauter negative Gefühle wollen da bedient sein, bisher schon „bösartig – Drohung – beschimpfen – Wut – Neid – Vorwurf“.  Und nun also „beleidigt sein“. In meinem privaten Bereich spielen alle diese Emotionen eine geringe bis gar keine Rolle, im literarischen Gedächtnis zu graben, bringt auch nichts zum Vorschein. Also wende ich mich der politischen Gegenwart zu, in der all das leider böse grassiert.

Ich weiß nicht, ob ich es mir nur einbilde, aber mir scheint, dass die politische Sprache sich arg vergröbert hat, und zwar ausgehend von der Spitze der Pyramide („der Fisch stinkt vom Kopf“). Drohungen wechseln ab mit Beleidigungen, Beschimpfungen mit Lobhudeleien. Von den Drohungen und Beleidigungen wird dann auch schon mal übergegangen zu Bombenabwürfen und persönlichen Morden, wodurch sich die Atmosphäre nicht etwa bereinigt. Kaum schweigen die Waffen, gleich beginnt der Reigen von Beleidigungen und Drohungen von vorn.

Ist das klug? Der sonst durchaus nicht zimperliche italienische Staatstheoretiker Niccolò Macchiavelli (1469 – 1527) sagt: Nein. Klug ist, wer seinem Feind weder droht noch ihn beleidigt. Daran gemessen sind der heutige US-Präsident und die meisten der europäischen Politiker tatsächlich sehr dumm. Denn unablässig reizen sie ihre Gegner durch Drohungen und Beleidigungen, ohne sie schwächen zu können.

Ich halte es für einen der größten Beweise menschlicher Klugheit, sich in seinen Worten jeder Drohung oder Beleidigung zu enthalten. Weder das eine noch das andere schwächt den Feind, vielmehr machen ihn Drohungen nur vorsichtiger, und Beleidigungen steigern seinen Haß gegen dich und beflügeln ihn, nachhaltiger auf dein Verderben zu sinnen.

(zitiert nach Aphorismen.de)

Wie war das doch gleich? Der geistliche Führer der Iran wurde durch den US-Präsidenten beleidigt (fühlte sich beleidigt), und umgehend wurden zwei Fatwas aufgelegt, die jedem Gläubigen erlauben, den Beleidiger zu ermorden.

Und wie war das in Bezug auf den russischen Präsidenten? Haben die gegen ihn ausgestoßenen Drohungen und Beleidigungen ihn etwa eingeschüchtert? Ganz im Gegenteil: sie haben ihn gewarnt und haben ihn beflügelt…

Der chinesische Präsident …. dito.

Wenn man mich beleidigt – ja, das ist auch schon mal vorgekommen -, wie ist dann meine Reaktion? Bin ich beleidigt? Nein, ich bin wütend und denke darüber nach, wie ich es dem Beleidiger heimzahlen kann. Oder ich zucke die Achseln und sage: was geht es mich an. Das ist übrigens die einfachste Lösung im privaten Bereich, im beruflichen und politischen aber wohl eher nicht. Denn lässt man sich da eine Beleidigung gefallen, finden andere den Mut, es ebenso zu halten. Der erfahrene Macchiavelli stellt fest:

Wer zu Unrecht jemand beleidigt, gibt anderen Anlaß, ihn zu Recht zu beleidigen.

(zitiert nach Aphorismen.de)

Die christliche Ermahnung ist freilich die, die am weitesten führt, wenn man sie denn beherzigen könnte. Denn dann würde Frieden auf Erden möglich sein.

Liebt eure Feinde; tut wohl denen, die euch hassen; segnet, die euch verfluchen; bittet für die, die euch beleidigen.

Das Evangelium nach Lukas (Lk 6,27f), Bergpredigt

Zerreiße die Beleidigungen, mache einen Friedensvogel draus (Schnipsel von Marie Mandarin)

 

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About gkazakou

Humanwissenschaftlerin (Dr. phil). Schwerpunkte Bildende Kunst und Kreative Therapien. In diesem Blog stelle ich meine "Legearbeiten" (seit Dezember 2015) vor und erläutere, hoffentlich kurzweilig, die Bezüge zum laufenden griechischen Drama und zur Mythologie.
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6 Responses to 112 Stufen, 37: beleidigt sein (Niccolò Macchiavelli)

  1. Macchiavelli hat es erkannt, und allen Machtabenden ist er bekannt mit seinen Worten. Jedenfalls geht man davon aus, daß sie ihnen bekannt sein müßten.
    Die Worte JESU sind ihnen und uns allen auch bekannt. Die einzuhalten, ist noch etwas schwieriger; denn damit gibt man jedes Machtstreben auf.
    Wer es aber dennoch tut, ist der Mächtigere.
    „Wer lächelt, statt zu toben, ist immer der Stärkere“ ist eine eine chinesische Weisheit. ☺️🐞🦋🧑‍🤝‍🧑🌅🧚🕊️💫🌈

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  2. Es gibt übrigens auch Politiker, die andere nicht beleidigen und keine Kriege vom Zaun brechen, die sich nicht nur an Verträge halten und das Einhalten ebenfalls einfordern, ohne in die Knie zu gehen,
    sonder es gibt noch andere, die sogar die Worte Christi vorleben im politischen Rahmen. Aber solche gelten als „Bösewichter“ und werden ausgegrenzt, vielleicht sogar ausgerottet, was ich nicht hoffe. Wer aber erkennt und unterstützt sie?
    Erst wenn auch sie härter werden, werden sie erkannt.

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  3. Wie recht Du hast, liebe Gerda. Die Sprache der Gegenwart ist nicht nur in der Politik grober geworden. Wenn ich an alle die schimpfenden und ständig hupenden Autofahrer denke, dann verstehe ich die Welt nicht mehr.
    In der Politik, in den Spitzen vorallem, sind Beleidigungen an der Tagesordnung und das ist schrecklich.

    Warum tun sich die Menschen das an?

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  4. Aber wir üben das doch schon im Kindergarten! Einander Schimpfworte und Beleidigungen an den Kopf zu werfen. Gerne auch schon solche, die tiefer zielen als auf den Kopf. Beleidigungen in Massen. Manche davon – die haben aber eher Seltenheitswert – sind sogar kreativ.
    So, und was sind Schule, Firmen, Parlamente anderes als Kindhorte für Größere? Sandkastenspiele mit echten Sahnetorten statt Sandkuchen, echten Panzern statt Spielzeugautos, echtem Geld statt Spielgeld. Und wie den Sandkuchen unserer eigenen Kinder sollen wir jetzt die versalzene Suppe jener auslöffeln, die sich als größte Rowdies auf dem Schulhof ausgewiesen haben.
    Das ist dumm, ja. Da hat der Niccolò schon recht. Ist sich mit dem späteren Albert einig. Einstein sagte, er wisse nur um zwei unendliche Dinge. Das Weltall – wobei er sich da nicht ganz sicher sei. Und die menschliche Dummheit.

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    • Avatar von gkazakou gkazakou sagt:

      So ist es. Immer wenn ich Politiker große, dicke oder böse Worte in den Mund nehmen höre, sehe ich sie als Schüler vor mir und frage mich: was war das wohl für einer? Ein Streber? ein Petzer? Ein Angeber? ein Rowdy? ein Inspirator übler Taten, ein Verräter? Ein Drückeberger? Ein Schlaumeier? Einer der die Schuld auf andere schob? Einer, der die Schuld auf sich nahm? Einer der abschreiben ließ? Einer der seine Arbeiten schreiben ließ? Ein guter Kumpel? Ein Gemobbter? ein rachsüchtiges Jüngelchen? Ein Verkloppter? Ein Dicker, Dünner, Magerer, Pickliger, Hübscher, Plattfüßiger, nach schweiß Riechender, Sauberer….? Alle diese Jungs im Schulhof und hinter den Bänken sehe ich vor mir und picke mir einen raus und sage mir: der wird Boss der NATO, der wird Staatssekretär im Innenministerium, der übernimmt die väterliche Bäckerei, der bringt es bis zum Unterstaatssekretär… Bei den Mädchen ist es schwieriger, die Zuordnung zu finden, denn deren Lebensweg gestaltet sich immer noch mehr durch ihr Liebesleben. Da verknallen sie sich in den künftigen Bäcker anstatt in den künftigen Unterstaatssekretär – und aus ist es mit der Karriere.

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      • Ganz recht. Dazu sollten wir aber noch die Eltern ansehen und den übrigen Clan, Vermögensverhältnisse, Einflüsse, bisherige Jobs. Ich kenne mehrere Arztsöhne (seltsam, Töchter weniger. Und die Tochter unserer Tierärztin sagte zu Muttern nur: „Wenn ich zu dumm für Informatik bin werde ich Tierärztin!“), die schon in Schulzeiten deshalb durch die Klassen kamen, weil Papa etwas springen ließ (Privatschule), dann Arzt wurden, etwa in Ungarn oder an anderen Hochschulen, die ich nicht weiter beurteilen mag und kann – weil der Weg eben schon vorgezeichnet ist. Ich denke, dass das keine großen Ausnahmen sind!

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