Reiner hat ein „Mitmachding“ initiiert. Es geht darum, jeden Tag einen Text zu einem Wort zu posten, das sich auf der Holsteiner Treppe in Wuppertal, verteilt auf 9 Absätze befindet. Es reizt mich, da mitzumachen, allerdings eher nicht mit eigenen Textproduktionen, sondern mit literarischen Assoziationen und Gedichten anderer. Ich bin gespannt, welche Texte, Gedichte, Geschichten jedes dieser Wörter in meiner Erinnerung aufleuchten lässt. All diese Erinnerungen an Gelesenes und im Gedächtnis Aufgehobenes sollen mir einen nachklingenden Teppich weben, den ich über die Stufen lege, um noch einmal hinaufzusteigen.
In seinem fin-de-siecle-Roman Le lys rouge (Die rote Lilie), 1894 als Fortsetzungsroman in der Revue de Paris erschienen, führt der französische Philosoph und Romancier Anatole France (1844 – 1924)* die elegante und gelangweilte Pariser Gesellschaft vor, wie sie sich mit ästhetischen Finessen, politischem Small-talk, Kunstgenuss und Liebes- und Eifersuchtsdramen den Anschein von Lebendigkeit gibt.
Was geht uns das heute noch an? Nun, so manches hat sich seither nicht geändert. Aus diesem Roman stammt ein auch im Deutschen sehr bekanntes Aperçu, das an Zynismus schwer zu übertreffen ist.
Cela consiste pour les pauvres à soutenir et à conserver les riches dans leur puissance et leur oisiveté. Ils y doivent travailler devant la majestueuse égalité des lois, qui interdit au riche comme au pauvre de coucher sous les ponts, de mendier dans les rues et de voler du pain.
(Für die Armen handelt es sich darum, die Reichen in ihrer Macht und Muße zu erhalten. Sie müssen arbeiten angesichts der majestätischen Gleichheit vor dem Gesetz, die es Reichen wie Armen verbietet, unter den Brücken zu schlafen, in den Straßen zu betteln und Brot zu stehlen)
Meist wird der Satz verkürzt zitiert als:
Das Gesetz in seiner majestätischen Gleichheit verbietet es Reichen wie Armen, unter Brücken zu schlafen, auf Straßen zu betteln und Brot zu stehlen.
Mich erinnert das an eine Passage aus der Biografie Heinrich Heines, von Ludwig Marcuse, die ich kürzlich las (hier). Die Forderung nach „Egalité„, also nach Gleichbehandlung vor dem Gesetz, stand während der Napoleonischen Zeit und den nachfolgenden Feiheitskämpfen im Zentrum, da es darum ging, dem Bürgertum gleiche Rechte wie dem Adel zu verschaffen. Die Forderung nach sozialer Gerechtigkeit spielte dagegen kaum eine Rolle. Zwar gab es ein paar rhetorische Attacken gegen die Entwurzelung, Verarmung und Ausbeutung der Massen, aber erst gegen Mitte des Jahrhunderts, als die Industrialisierung große Fortschritte machte, begann auch die „soziale Frage“ die Gemüter ernsthaft zu beschäftigen.
Nun, heute interessiert man sich in politischen, akademischen und literarischen Kreisen kaum noch dafür. „Alle Räder stehen still, wenn dein starker Arm es will“ („Bundeslied“ von Georg Herwegh, ich zitierte es gestern) – einst Kampflied der SPD – wirkt heute total überholt. Der „Kommunismus“ ist sowieso erledigt, und vergessen ist die soziale Frage….
***
Anatole France (1844 – 1924), eigentlich François Anatole Thibault, französischer Erzähler, Lyriker, Kritiker und Historiker, Nobelpreisträger für Literatur 1921
Für die Legebilder verwendete ich Schnipsel, die mir Bruni, Ule, Ulli, Susanne B und Jürgen Küster zukommen ließen, sowie ein paar eigene.


Politisches Schattenspiel
Wenn ’soziale VERNUNFT‘ schwächelt.
dann dominiert das ’scheindemokratische SCHATTENSPIEL‘.
____
© PachT 2012
SSW 316 / 95
LikeGefällt 1 Person
Himmlisch, Deine Schnipsel-Collage, liebe Gerda, und ein Name, den ich bisher nicht kannte. Anatole France
Dein Blog ist eine Schatztruhe, gespickt mit Edelsteinen
LikeLike