112 Stufen, 8: Angst (Mascha Kaléko)

Reiner hat ein „Mitmachding“ initiiert. Es geht darum, jeden Tag einen Text zu einem Wort zu posten, das sich auf der Holsteiner Treppe in Wuppertal, verteilt auf 9 Absätze befindet. Es reizt mich, da mitzumachen, allerdings eher nicht mit eigenen Textproduktionen, sondern mit literarischen Assoziationen und Gedichten anderer. Ich bin gespannt, welche Texte, Gedichte, Geschichten jedes dieser Wörter in meiner Erinnerung aufleuchten lässt. All diese Erinnerungen an Gelesenes und im Gedächtnis Aufgehobenes sollen mir einen nachklingenden Teppich weben, den ich über die Stufen lege, um noch einmal hinaufzusteigen.

 „German Angst (englisch, etwa: „typisch deutsche Zögerlichkeit“) und German assertiveness (etwa: „typisch deutsches Hereinreden“) sind zwei komplementäre Stereotypen, die als charakteristisch empfundene, gesellschaftliche und politische, kollektive Verhaltensweisen der Deutschen bezeichnen.“ (Wikipedia). Mag sein, dass da was dran ist. Schon als kleines Kind wurde mir klar, dass ich die Angst, die ich auch in mir entdeckte, überwinden musste, um meiner Freiheit willen. Ich beschloss daher, mir die Angst abzutrainieren: In finsterer Nacht wanderte ich die unbeleuchtete Straße hinauf in die Felder. Wenn die Angst unerträglich wurde, drehte ich mich um und rannte zurück und rettete mich zur Mutter und in den warmen Lampenschein. Jeden Abend schaffte ich es ein bisschen weiter. Ich jagte die Angst fort. Manchmal kommt sie wieder, aber ich gestatte ihr nicht, mein Verhalten zu bestimmen. 

Als ich gestern über einen geeigneten Text nachdachte, fiel mir in Sandras Blog „Denkzeiten“ das wunderbare Gedicht von Mascha Kaléko ins Auge: „Und halte dich an Wunder! Sie sind lang schon verzeichnet
 im großen Plan.
 Jage die Ängste fort und die Angst vor den Ängsten!“

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Mascha Kaléko

Jage deine Ängste fort
Und die Angst vor den Ängsten.
Für die paar Jahre
Wird wohl alles noch reichen.
Das Brot im Kasten
Und der Anzug im Schrank.

Sage nicht mein.
Es ist dir alles geliehen.
Lebe auf Zeit und sieh,
Wie wenig du brauchst.
Richte dich ein.
Und halte den Koffer bereit.

Es ist wahr, was sie sagen:
Was kommen muss, kommt.
Geh dem Leid nicht entgegen.
Und ist es da,
Sieh ihm still ins Gesicht.
Es ist vergänglich wie Glück.

Erwarte nichts.
Und hüte besorgt dein Geheimnis.
Auch der Bruder verrät,
Geht es um dich oder ihn.
Den eignen Schatten nimm
Zum Weggefährten.

Feg deine Stube wohl.
Und tausche den Gruß mit dem Nachbarn.
Flicke heiter den Zaun
Und auch die Glocke am Tor.
Die Wunde in dir halte wach
Unter dem Dach im Einstweilen.

Zerreiß deine Pläne. Sei klug
Und halte dich an Wunder.
Sie sind lang schon verzeichnet
Im großen Plan.
Jage die Ängste fort
Und die Angst vor den Ängsten.“

Avatar von Unbekannt

About gkazakou

Humanwissenschaftlerin (Dr. phil). Schwerpunkte Bildende Kunst und Kreative Therapien. In diesem Blog stelle ich meine "Legearbeiten" (seit Dezember 2015) vor und erläutere, hoffentlich kurzweilig, die Bezüge zum laufenden griechischen Drama und zur Mythologie.
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10 Responses to 112 Stufen, 8: Angst (Mascha Kaléko)

  1. Avatar von Ulli Ulli sagt:

    Danke für die Verse von Mascha Kaleko.

    Aus meiner Sicht gibt es nicht DIE Angst, es gibt sie in und vor bestimmten Situation und sie darf auch sein, ist sie doch auch Warnerin. Freilich, lähmen lassen sollte mensch sich nicht von ihr.

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    • Avatar von gkazakou gkazakou sagt:

      Lieben Dank. Sicher ist Angst auch nötig, wenn sie warnt. Obgleich Aufmerksamkeit und Nachdenken und eine Ausstrahlung von Mut und Gelassenheit wirkungsvoller sind als Angst. Angst macht schwach und kopflos und stärkt mögliche Angreifer (zB Hunde). Das Problem bei Angst ist vor allem, dass sie sich oft verallgemeinert und alle Lebensfelder besetzt. Der ängstliche Mensch traut sich nichts und ergreift tausend Sicherungsmaßnahmen, die ihn aber auch nicht beruhigen und ihn nicht vor dem schützen, was er am meisten fürchtet: Verletzung und Tod.

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  2. In der Tat ist die Angst vor den Ängsten wohl die Schlimmste. Konkrete Angst darf man wohl empfinden, muß sich freilich fragen lassen, ob sie begründet ist. Ist sie das, so ist es gut, wegzurennen! Wenn es noch geht.
    Erlaube mir eine Frage: Wer seine Schwäche, hier die Angst an sich, bekämpft, läßt der sein Verhalten dann nicht von eben diesem bestimmen? Ja, ich weiß, das mutet recht sophistisch an. Aber stimmt es denn nicht? Ich frage ausdrücklich nicht für einen Freund, denn als Kind sollte ich in den Keller. Kohlen, Kartoffeln holen. Meine Angst wurde gesehen, der große Bruder half aus. Später erkannte ich den Fehler und ging in den dunklen Keller. Nichts zu holen als eine große Portion Angst vor der Dunkelheit. Ich spreche also durchaus von mir, aber ebenso von Dir.

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    • Avatar von gkazakou gkazakou sagt:

      Danke dir! Ich meine, wenn man sich selbst entschließt, der Angst nicht nachzugeben, ist es etwas anderes, als wenn es von anderen verlangt wird („sei kein Angsthase!“). Wenn ich eine angstvolle Spannung fühle, die mich hindern will, einen Weg zu gehen, den ich an sich gehen möchte, schaue ich dieser Angst bewusst ins Auge. Ich gehe dann los und gebe mir das Recht umzukehren, wenn es mir zu viel wird. So komme ich voran, und langsam wird mein Gang sicherer, die Angst löst sich auf, ich atme durch und fühle mich befreit. Im Grunde ist es dasselbe Verfahren, das ich schon als kleines Kind erfand, damit die Angst, die die Neigung hat, sich zu verallgemeinern und immer größere Stücke der Freiheit abzuschneiden, keine Chance über mein Leben habe.

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    • Als Kind sollte ich Milch vom Krämer holen.
      Die Flasche zerbrach mir kurz vor Erreichen der elterlichen Hauses. Ich hätte sie ja kurzfristig abstellen können, aber dazu hatte ich nicht den Mut bzw. das Können.

      Meine Mutter bat mich, erneut zum Krämer zu gehen, aber das war für mich keine Lösung gewesen, denn das konnte das Geschehen nicht wieder gut machen.
      Also ging der ältere Bruder.

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  3. Ich habe hier schon seit langem „Das lyrische Stenogrammheft“ liegen, und will es lesen. Das Gedicht hat mich sehr beeindruckt, besonders: halte die Wunde offen, was wir ein Ruf zur Lebendigkeit und Verletzbarkeit klingt, auch das Dach unter dem Einstweilen … das klingt nach. Ich werde es bald lesen. Ich kenne viel zu wenig von Kaleko. Danke für den Weckruf!!

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