112 Stufen, 5: Liebkosen (Tolstoi)

Reiner hat ein „Mitmachding“ initiiert. Es geht darum, jeden Tag einen Text zu einem Wort zu posten, das sich auf der Holsteiner Treppe in Wuppertal, verteilt auf 9 Absätze befindet. Es reizt mich, da mitzumachen, allerdings eher nicht mit eigenen Textproduktionen, sondern mit literarischen Assoziationen und Gedichten anderer. Ich bin gespannt, welche Texte, Gedichte, Geschichten jedes dieser Wörter in meiner Erinnerung aufleuchten lässt. All diese Erinnerungen an Gelesenes und im Gedächtnis Aufgehobenes sollen mir einen nachklingenden Teppich weben, den ich über die Stufen lege, um noch einmal hinaufzusteigen.

Altertümlich klingt das Wort „liebkosen“, und so suchte ich in meiner Erinnerung nach einem Gedicht der Romantiker, sei es Heine, sei es Eichendorff oder Möricke. Aber mir wollte keins einfallen. Etwas frustriert griff ich zu meiner aktuellen Lektüre „Anna Karenina“ von Leonid Tolstoi, das in den Jahren 1873 bis 1878 entstand. Und schon auf der zweiten Seite sprang mir das Wort entgegen. Und es scheint mir passend, um das Altertümliche dieses Wortes besonders zu unterstreichen.

Tolstois „Gesammelte Werke“ habe ich für knapp 3 E für mein Lesegerät erworben. Wer der Übersetzer ist, verrät mir die Ausgabe nicht, und auch nicht, von wann sie stammt. Aber einige Eigentümlichkeiten der Wortwahl und Orthographie lassen mich auf Ende 19. Jahrhundert tippen. Sicher gibt es inzwischen bessere Übersetzungen. Und ob das Wort „liebkosen“ in deiner Übersetzung vorkommt, kann ich nicht wissen. Es passt dem Gefühl nach aber auch zu vielen anderen Passagen. Falls du das Buch nicht kennst: Schau doch mal in diese sehr schöne Besprechung hinein: https://youtu.be/85WnHRuc-Ks

Das große Haus mit den altertümlichen Familienmeubles; keine geschniegeltenoder unsauberen, sondern ehrerbietige alte Diener, offenbarnoch aus der Zeit der ehemaligen Leibeigenschaft stammend, die ihren Herrn nicht geändert hatten; eine wohlbeleibte, ;gutmütige Hausfrau im Häubchen mit Spitzen und einem türkischen Spitzenshawl, welches ihr liebes Enkelchen, die Tochter ihrer Tochter liebkoste;  ein jugendlicher Sohn, Gymnasiast der sechsten Klasse, welcher von der Schule gekommen war und den Vater begrüßte, indem er ihm die große Hand küsste;  die ermahnenden freundlichen Reden und Gebährden des Hausherrn;  alles dies hatte in Lewin gestern unwillkürlich Hochachtung und Sympathie erweckt. Jetzt schien ihm dieser alte Herr rührend und beklagenswert und er wünschte, ihm einige angenehme Worte zu sagen.

„Ihr werdet vielleicht wieder unser Vorsteher werden“, sprach er. 

„Kaum“, versetzte jener, erschreckt aufblickend, „ich bin abgespannt, schon alt;  es giebt würdigere und jüngere als ich, mögen die nun dienen“, und der Vorsteher verschwandt durch eine Seitentür.

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About gkazakou

Humanwissenschaftlerin (Dr. phil). Schwerpunkte Bildende Kunst und Kreative Therapien. In diesem Blog stelle ich meine "Legearbeiten" (seit Dezember 2015) vor und erläutere, hoffentlich kurzweilig, die Bezüge zum laufenden griechischen Drama und zur Mythologie.
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1 Response to 112 Stufen, 5: Liebkosen (Tolstoi)

  1. Herzen und küssen, fällt mir ein, und dazu passt doch ganz vorzüglich das schöne alte Wörtchen – liebkosen

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