Bilder bewerten und ausrangieren: Kohlezeichnungen 181-195

Gestern machte ich mich an die letzten drei Rollen aus dem Regalfach, das nun leer ist.

Sehr neugierig war ich, was wohl darin steckte. Aber schließlich war nur eine für meine Werkschau interessant. Die dickste Rolle enthielt unbemalte große farbige Pappen – keine Ahnung, warum ich sie mal gekauft hatte. Die habe ich nun mit schweren Gegenständen an den Fußboden geheftet und mit einem Brett bedeckt, damit sie sich begradigen. War eine schweißtreibende Arbeit, denn die Pappen wollten ihre gewohnte Rollenform nicht aufgeben. Erstaunlich, welche Kraft in ihnen steckte. Sie rollten auch die Bücherständer mit ein, die ich auf ihre Kanten stellte. Es mussten schwere Rahmen und Stühle her. um sie zu bändigen.

Die gelbe Rolle bestand aus Plakaten anderer Künstler. Auch die brauche ich gerade nicht.

Die weißgraue Rolle aber lohnte sich: noch mehr Studienblätter aus den Jahren, als ich noch viel mit Modellen arbeiten konnte. Die Zeichnungen sind kleiner als die vorigen. Das Papier ist wieder von der billigen Art – grau und/oder angegilbt -, und die lange Lagerung als Rolle machte auch diese Blätter widerspenstig, als ich sie zum Fotografieren auf dem Fußboden ausbreiten wollte. Ich benutzte wieder provisorische Gewichte, um sie festzuhalten – zuerst Kerzen- und Buchständer, dann Holzleisten –  aber gerade und glatt wurden sie nicht.  Die Fotos sind daher nicht besonders. Aber die Zeichnungen sind trotzdem sehenswert, finde ich.

Zwei habe ich heute schon gezeigt – anlässlich meines Beitrags zu Myriades Impulswerkstatt.

Sie sind sehr verschieden im Stil, aber ich mag sie beide, drücken sie doch den Charakter der abgebildeten Frauen sehr gut aus.

Es gefiel mir, nicht viele, sondern nur zwei Menschenbilder auf einmal zu präsentieren.  Und so will ich auch hier Einzelportraits vorstellen. Jede ist ja eine Persönlichkeit, die ernst genommen werden will. Jede hat einen Namen, eine Geschichte.

Diese hier ist Maria, die mit mir zusammen im Atelier malte und mir hier Modell saß. Eine Farbmalerin.  Ihre große Liebe galt Matisse, ihm strebte sie nach.

Diese war Jana, Kunststudentin und für mich Lehrerin und Modell zugleich. Jana, noch sehr jung, malte spontan, heftig, oft wild-expressiv, ermutigte uns zum Selbstausdruck. (Sie starb mit 32 an Leukämie.)

Diese ist Alkyste, Assistentin an der Kunsthochschule, die uns Modell saß und in ihre Zeichentechnik einführte, die der von Jana ganz entgegengesetzt war: Alles wurde durch winzige, exakte Linien ermittelt und fügte sich allmählich zu dem „Objekt“ auf dem Papier oder der Leinwand.

Diesen „konstruierenden“ Zeichenstil zu beherrschen, war damals Voraussetzung, um an der Kunsthochschule angenommen zu werden. Er verlangt viel Disziplin, die Ergebnisse sind oft ästhetisch sehr ansprechend, aber es geht der persönliche Ausdruck weitgehend verloren.

Am besten eignet er sich für die Wiedergabe von Gegenständen, insbesondere Skulpturen, an denen das Zeichnen wieder und wieder geübt wurde. Den Kopf der Hygeia korrekt wiederzugeben, galt als Goldstandard.

An der folgenden Studie von Hand und Bein sieht man, dass ich mit dieser Zeichenmethode schon ganz gut zurechtkam.

Ich fand diese Art zu zeichnen zwar hoch interessant, aber sie entsprach meinem Temperament nicht. Und so entwickelte ich sie in eine kubistisch anmutende Richtung weiter (Aphrodite und Hygeia – Liebe und Gesundheit)…

oder aber ich überließ mich frei meinem Strich. Der wollte den Impulsen folgen, die vom Modell auf meine Seele und meine Hand wirkten. Nicht konstruieren wollte ich, sondern fühlen.

Hier nun noch sechs Zeichnungen aus dieser Rolle: Die erste nenne ich eine „konstruierte“ Zeichnung, die zweite ist zwar ähnlich angelegt, löst sich aber davon, die restlichen sind „freie“ Zeichnungen, in denen der seelische Ausdruck leitend ist. Welche Zeichnungen „besser“ oder „schlechter“ sind, ist damit überhaupt nicht angesprochen. Beide Richtungen haben ihre Vorzüge.

Morgen geht΄s weiter.

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About gkazakou

Humanwissenschaftlerin (Dr. phil). Schwerpunkte Bildende Kunst und Kreative Therapien. In diesem Blog stelle ich meine "Legearbeiten" (seit Dezember 2015) vor und erläutere, hoffentlich kurzweilig, die Bezüge zum laufenden griechischen Drama und zur Mythologie.
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11 Responses to Bilder bewerten und ausrangieren: Kohlezeichnungen 181-195

  1. Avatar von alphachamber alphachamber sagt:

    Hallo! Alles wert gezeigt zu werden… aus welcher Zeit stammen diese Skizzen?

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  2. Daraus spricht nicht nur angelerntes Wissen und viel Übung im Zeichnen aller Stilgattungen an einer Kunsthochschule,
    sondern die Entdeckung Deines persönlichen Stiles, der sich ja auch stets weiterentwickelt, Gerda.
    und lernen kann man aus Deinen Kommentaren auch sehr viel.
    Jedenfalls werden diese Zeichnungen wohl zur „Meisterklasse“ gehören.

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  3. Avatar von Mitzi Irsaj Mitzi Irsaj sagt:

    Interessant die verschienden Zeichenstile anhand der gezeigten Personen und Bilder zu beschreiben. Die Portraits finde ich alle sehr spannend.
    Und ich muss es noch mal schreiben – mittlerweile habe ich für alle drei Bilder Plätze gefunden und freue mich wirklich jeden Tag an ihnen. Ich mal dir bei Gelegenheit mal ein Foto.

    Viele Grüße

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  4. Was für eine Fülle von Kunst und alles von Gerda… !
    Toll, ich mag Deine Art des Herangehens an ein Motiv.
    Jedesmal ist es wieder spannend, was Du gefunden hast *lächel*

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  5. Und wenn Du sie flach lagertest? Ohne Luft dazwischen wie bei der Rolle? Oder sie versteigertest für einen guten Zweck?

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    • Avatar von gkazakou gkazakou sagt:

      Danke, ja, ans Versteigern habe ich auch schon gedacht, liebe Sabine. Meine Idee war, sie umsonst „gegen eine Spende“ abzugeben, wobei ich überlege, einen Mindestbetrag festzulegen.
      Nun muss ich erst mal mit den Vorbereitzungen fertig werden. Ob ich dann auch die Interessenten finde, wird sich zeigen.

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