Tagebuch der Lustbarkeiten: Olivenernte beendet

Da stehen sie nun, die dicken Säcke, und warten darauf, in die Mühle gefahren zu werden. Die Ernte ist nach drei Tagen beendet. 680 kg bringen die Säcke auf die Waage, wie ich dann später in der Mühle sehe.

Es ist die Ernte von 38 Bäumen.

Die Bauern haben in diesem Jahr recht früh mit dem Ernten begonnen, denn viele Früchte sind vom Dakos, zu deutsch Olivenbaumfliege, befallen. Bringt man die Oliven nicht rechtzeitig ein, fallen sie zu Boden und taugen nichts mehr.

Wir sind gespannt, wieviel Öl wir auspressen werden. Es war ja lange sehr trocken und heiß, da bleiben die Früchte recht klein und hart und haben wenig Saft.

Es ist schon dunkel, als der Laster der Ölmühle kommt und die Säcke mitnimmt. Wir fahren mit dem PKW hinterher. Es fährt sich angenehm, wenn man nachts auf der engen kurvenreichen Bergstraße hinter einem so kräftigen Gefährt hertrödeln kann.

In der Mühle ist zwar kein Hochbetrieb, aber ununterbrochen rollen neue Säcke an, ununterbrochen werden sie in die Waschanlage gekippt, wo die Blätter von den Früchten getrennt werden, verschwinden die Früchte in unsichtbaren Rohren, um im hellerleuchteten Saal mit der modernen italienischen Pressanlage wieder aufzutauchen und in Becken zu graugrünem Mus zerhackselt, gerührt und umgewälzt zu werden… Drei Stunden wird es dauern, bis wir die Kanister und Flaschen mit unserem „grünen Gold“ ins Auto laden können.

Die Wartezeit verkürzen uns die Mühlenbetreiber, man erzählt, lacht, nimmt Anteil. Wir kommen seit zwanzig Jahren hierher, obgleich der Weg weiter als zur nächstgelegenen Mühle ist. Inzwischen ist der Vater gestorben und die beiden Söhne haben übernommen. Der eine hatte einen Schlaganfall und ist halbseitig gelähmt. Die alte lebensstarke Mutter hilft im Büro. Die Mühle ist schon seit Mitte des 19. Jahrhunderts im Familienbesitz, und sie kämpfen bisher erfolgreich ums Überleben.

Zwischendurch drehen wir auch eine Runde durchs nächtliche Dorf Stavropygio. Nach den dröhnenden Maschinen tut mir die  Stille gut. Auch das gehört zu den Momenten, deretwegen ich die Ölernte als Fest erlebe.

Wieviel Öl es geworden ist, willst du wissen? Nun, 19 Kanister a 5 Liter sowie 10 l in 750gr Flaschen. Macht, wenn ich mich nicht verrechnet habe, 105 l Öl. Die Kosten der Ernte? 400 E für die Erntearbeiter, 150 E fürs Pressen und die Mehrwertsteuer, 65 E für die Kanister und Flaschen. Macht 615 E, dazu noch Trinkgelder für die Fahrer sowie das eigene Benzin. Naja, ich will es gar nicht so genau wissen, im Überschlag sind es 6 E Erntekosten pro Liter. Natürlich gibt es noch weitere Kosten: Beschneiden und gelegentliches Düngen, evtl die Stämme weißen, wässern (machen wir nicht). Olivenbäume sind anspruchslos, aber das eine und andere fällt doch an. 

In den vorangegangenen Jahren lag der Produzentenpreis um die 3 E, also nicht mal bei der Hälfte der Herstellungskosten. Das funktioniert nur wegen der staatlichen Subventionen und wenn sämtliche Familienangehörigen bei der Ernte helfen, so dass keine Arbeitskosten entstehen.  In diesem Jahr hat sich der den Produzenten gezahlte Preis sprunghaft erhöht, zeitweise verdreifacht. Der Grund: Das Angebot hängt hinter der Nachfrage her. In den Hauptanbaugebieten rund ums Mittelmeer haben Brände, Trockenheit, Unruhen und Kriege zu einem starken Einbruch bei den produzierten Mengen führte. Und die Konsumenten stöhnen wegen der Teuerung.

 

 

 

 

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About gkazakou

Humanwissenschaftlerin (Dr. phil). Schwerpunkte Bildende Kunst und Kreative Therapien. In diesem Blog stelle ich meine "Legearbeiten" (seit Dezember 2015) vor und erläutere, hoffentlich kurzweilig, die Bezüge zum laufenden griechischen Drama und zur Mythologie.
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39 Responses to Tagebuch der Lustbarkeiten: Olivenernte beendet

  1. Glückwunsch zu dieser reichen Ernte! 🖐️🌿🫒

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  2. Neulich noch stand ich vor dem Supermarktregal und fand Olivenöl teuer. Dank deines Berichtes ist mir nochmal klar geworden, dass es vermutlich noch viel zu billig angeboten wird.

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    • Avatar von gkazakou gkazakou sagt:

      Ja, Produzent und Konsument stehen halt an zwei entgegengesetzten Enden des Prozesses. Dazwischen gibt es mehr oder weniger große Gewinnabschöpfung durch Dritte. Wieviel der Teuerung auf den Produzenten entfällt, wieviel auf den Handel, weiß ich nicht. Beim Supermakrt-Öl hast du es ja meist mit Verschnitt zu tun. „Extra-Virgin“ und „kaltgepresst“ ist noch kein Qualitätssiegel. Ich habe mal ne Recherche gemacht, wo unser Öl bester Qualität eigentlich bleibt. Es dient in großen Teilen der Verbesserung des „italienischen“ Öls, das mit diversen Importen, insbesondere aus Spanien und Marokko, zusammengeschnitten wird. Italien verkauft doppelt so viel „italienisches“ Öl als es produziert.

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  3. Eine wunderbare, doch auch sehr traurige Geschichte. Als Endverbraucher sieht man kaum den Tellerrand, aber ich hatte schon Vermutungen über die Preissteigerung, die ebenfalls nicht an Italien spurlos vorbei gegangen ist. Meine Olivia wird hoffentlich im nächsten Jahr Früchte tragen, auch wenn es dann nur um ein paar Oliven geht und nicht um feinsten Öl. Ich wünsche euch wunderbare Momente mit eurem Olivenöl liebe Gerda ❤

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  4. Gerne gelesen.
    Nur ein einzelnet aspekt dazu:
    Einen keramiker in diessen fragte ich einst nach seinem stundenlohn: 2 euro meinte er.

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  5. Avatar von Weymann , Elsbeth Weymann , Elsbeth sagt:

    Danke für den wiederum so lebendigen Bericht !!! Ich kaufe mein Olivenöl immer auf dem Markt, bei einem griechischen Bauern und seiner Familie, die zwischen dem Hof in Griechenland ( auf der Peloponnes) und Berlin pendelt. Olivenbäume verbinde ich innerlich immer, fast andächtig mit „Leben“ !! Umso erschreckender die tödlichen Praxis, schon aus der Antike überliefert, dem „Feind“ alle Olivenbäume zu zerstören. (s. jetzt Israel-Libanon ). Dein Bericht und die eindrucksvollen Fotos von Olivenernte und Verarbeitung zeigen die “ gute Seite“…das Leben ! DANKE !!

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    • Avatar von gkazakou gkazakou sagt:

      Mich packt solche Wut, solche Verzweiflung, Elsbeth, wenn ich sehe, dass Olivenbäume vernichtet werden, dass ich versuche, gar nicht dran zu denken. Wenig macht mich so böse. Ich wünsche den Tätern dann jede Pest an den Hals. Ich weiß, dass mein Zorn die Welt nicht besser, sondern sogar noch schlechter macht, aber es gelingt mir nicht, cool zu bleiben.
      Ja, der Olivenbaum ist Frieden, seine mühsam aus dem steinigen Boden hervorwachsende Gestalt ein großes Geschenk, seine Früchte vollkommene Nahrung in guten und schlimmen Zeiten. Das Öl zu ernten und im Keller zu bergen gibt ein Gefühl von Sicherheit und Schutz. Mein Mann, der im Hungerwinter 1941 ein halbes Jahr alt war, überlebte Dank der Oliven, die die Familie bewirtschaften konnte.

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  6. Avatar von Mitzi Irsaj Mitzi Irsaj sagt:

    Grünes Gold trifft es bei der Farbe auf dem Foto sehr gut. Interessant mitzuerleben wieviel Arbeit in nur einem Liter steckt. Freunde in Italien produzieren auch und berichteten ähnliches. Mein Öl kommt von ihnen und ich bin mir sicher darin so viel mehr zu schmecken, als in einer Supermarktflasche. Gut, ich bin natürlich nicht objektiv und kenne die Hände und Gesichter derer, die ernten.
    Welche Göttin war es noch, die den Menschen im Wettstreit mit anderen Göttern Olivenbäume und damit Öl, Nahrung und Holz als Geschenk gab? Athene glaube ich.

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    • Avatar von gkazakou gkazakou sagt:

      Ja, das war Athene. Sie gewann gegen Poseidon die Herrschaft über Athen. „Am bekanntesten ist wohl der Mythos vom Wettstreit zwischen den griechischen Göttern Athene und Poseidon. Beide wetteiferten um die Gunst der größten und einflussreichsten Stadt der damaligen Zeit. Doch nur wer den Einwohnern das beste und nützlichste Geschenk machte, sollte von Zeus zum Namenspatron der Stadt erkoren werden.

      Poseidon, der mächtige Gott der Meere, schenkte der trockenen Region einen Brunnen. Doch aus ihm floss nur Salzwasser. Athene aber, die Göttin der Weisheit, stieß ihre Lanze in den Boden und es wuchs ein Olivenbaum. Dieser spendete Nahrung, Olivenöl und Holz. Damit gewann sie das Duell und die Stadt Athen wurde nach ihr benannt. Jener Baum, so der Glaube, war der erste Olivenbaum der Welt. Von ihm sollen noch heute die ältesten Olivenbäume der Akropolis abstammen.Die Bewohner der Stadt entschieden, dass dieser Olivenbaum die Quelle des großen Reichtums und der Fruchtbarkeit ist. Zu Ehren Athenas gab man der Stadt den Namen „Athen„. An dem Ort an dem sich diese Legende ereignet haben soll befindet sich dort sogar heute noch ein Olivenbaum. Es wird gesagt, dass alle Olivenbäume sich von diesem Olivenbaum die von Athena erschaffen wurde vermehrt haben.“ (Text bei Skarvelis, Extra-Natives Olivenöl aus der Mani)
      Mir gefällt die Vorstellung, dass die Götter sich bei den Menschen bewarben und Geschenke bringen mussten, um die Verehrung der Menschen zu gewinnen. >)

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      • Avatar von Mitzi Irsaj Mitzi Irsaj sagt:

        Danke für die Zusammenfassung, Gerda. Der Text bzw die Sage passt wunderbar zum Olivernöl.
        Auch mir gefällt die Vorstellung, dass sich die Götter in diesem Fall bei den Menschen bewarben. Ein gutes Geschenk der Göttin.

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      • Avatar von gkazakou gkazakou sagt:

        Ja. Athene ist mir zwar nicht immer sympathisch, aber in diesem Fall stimme ich dem Rat der Athener zu. Wozu soll auch ein salziger Brunnen auf der Akropolis gut sein? Poseidon war allerdings ziemlich erzürnt, und da er ein äußerst nachtragender Gott ist, hat er den Athenern eigentlich nie verziehen.

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      • Avatar von Mitzi Irsaj Mitzi Irsaj sagt:

        Wirklich sympathisch ist mir keiner der Götter. Ein einziges Hauen und Stechen mit wenigen Ausnahmen. Trotzdem mag ich die Sagen und seit ich wieder einiges gelesen habe sind sie mir auch wieder vertrauter. Ich hatte in den letzten Jahren viel zu viel vergessen.

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  7. Avatar von finbarsgift finbarsgift sagt:

    Wow, das ist aber imponierend 😇
    Was da alles dahinter steckt, hinter dem grünen Gold, meine Hochachtung! 👍
    TOLLER BEITRAG VON DIR …
    Dankeschön, liebe Grüße vom Lu

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  8. Eine eigene Olivenernte muß sehrr besonders sein, liebe Gerda.
    Ich kann es mir so gut vorstellen.
    Ich war ja schon happy mit unseren Feigen vom eigenen Baum 🙂

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  9. Avatar von bluebrightly bluebrightly sagt:

    Fascinating, Gerda, thank you for explaining the process. You never know what the weather is going to do or what other things might affect the harvest but there must be great satisfaction in seeing the entire process, from the first blossom to the oil in the bottle – or on the table!

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    • Avatar von gkazakou gkazakou sagt:

      Thats right, dear Lynn. Even the harvest is an adventure. You do not know if the weather will be stable in the days when the harvest workers have agreed to come. In this year the first day was rainy, the second marvelous, in the night we ran outdoors to cover the sacks because the rain had come back together with storm, and the third day was again sunshine. Then you must hope that the car that is taking the sacks is free when you need it. The olives must go as fast as possible to the mill,at best the same day of harvesting. … There are lots of incertainties and the joy when everything is ending well is really great.
      We do not depend of the production, but this experience helps me to understand the life of farmers a little bit more.

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  10. Magisch wirkt das, wie du uns den Prozess beschreibst – und es klingt nach sehr viel harter Arbeit. Es ist wahrlich das grüne Gold. Wir zahlen 13,40€/0,75l italienisches Olivenöl, direkt vom Produzenten und inkl. Versand. Wir finden und fanden es fair. Wenn ich deinen Artikel lese, finde ich es noch viel fairer als eh schon. Eine Frage brennt mir noch unter den Fingernägeln, liebe Gerda: Warum weißt man die Stämme von Olivenbäumen?

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    • Avatar von gkazakou gkazakou sagt:

      Kalkanstriche schützen Baumstämme vor dem Rissigwerden durch zu starke Sonneneinstrahlung. In die Risse dringen Schädlinge ein. Löschkalk kühlt, deshalb streicht man in südlichen Ländern Wände und Terrassen damit. Heute mischt man oft noch Insektenvertilgungsmittel in den Anstrich.

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      • Danke, liebe Gerda. Jetzt bin ich deutlich schlauer und weiß endlich, warum gekalkt wird. 🤩 Ich kannte nur die Version „Das Weiß wirft das Sonnenlicht wieder zurück, deswegen sind alle Häuser gekalkt.“, aber so macht es viel mehr Sinn!

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      • Avatar von gkazakou gkazakou sagt:

        „Das Weiß wirft das Sonnenlicht wieder zurück“ ist zwar eine etwas volkstümliche, aber nicht falsche Erklärung für den Kühlungseffekt des Weiß und insofern auch der Grund fürs Weißen.

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  11. Der Olivenbaum ist wohl in südlichen Ländern das, was das im Garten gehaltene, eigene Schwein, das im Herbst geschlachtet wurde und Fleisch, Wurst, Schinken und Speck für den Winter gab, in nördlichen Ländern war.

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    • Avatar von gkazakou gkazakou sagt:

      Ja und nein, liebe Federflüsterin. Es stimmt hinsichtlich der Ernährungssicherheit, es stimmt nicht hinsichtlich der Dauerhaftigkeit. Das Schwein stirbt, der Olivenbaum gibt seine Früchte jedes Jahr von Neuem ab. Wohl dem, der jedenfalls Ferkel hat, um sie erneut aufzuziehen. 😉

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  12. Avatar von Angela Angela sagt:

    Nutzt ihr die alle selbst oder verkaufst du das Öl auch nach Deutschland? Liebe Grüße Angela

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