Verbunden – unverbunden (tägliche Zeichnung)

Unser Auge sucht auf einer 2-dimensionalen Fläche, auf der sich viele Linien kreuzen, dadurch Sinn zu schaffen, dass es die Alltagserfahrung zur Hilfe nimmt. Beispiel: der Bouzouki-Spieler kann doch nicht zwei Arme in dieser Position haben? Ein paar der Linien, die einen Arm vorzutäuschen scheinen, gehören gar nicht zum Spieler, sondern zum Hintergrund. – Fazit: Bei einem zwei-dimensionalen Bild sortieren wir entsprechend unserer Erfahrung auseinander, was zusammen erscheint, aber nicht zusammen gehört.

Am Abend schaue ich hinauf zum Sternenhimmel und freue mich am Bild des Orion. Ich sehe es quasi mit Verbindungslinien und vergesse dabei, dass zwischen den Einzelsternen unauslotbare Entfernungen existieren.  Die leuchtenden Punkte gehören nur für uns Erdenbewohner zusammen, „in Wirklichkeit“ haben sie nicht das geringste miteinander zu tun. Fazit: Beim Himmel, dessen Dimensionen zu groß für unsere Erfahrung sind,  sortieren wir zusammen, was zusammen erscheint, auch wenn es nicht zusammen gehört.

Und was tust du bei dieser 2-dimensionalen Zeichnung der 3-dimensionalen Gegenstands-Welt, deren Sinn sich dir nicht sogleich erschließt?

„verbunden – unverbunden“, Kugelschreiber, 2019-12-20

Hier noch eine Variante, die das Zuordnen des Zusammengehörigen erleichtert.

„verbunden – unverbunden“, Kugelschreiber, digital bearbeitet, 2019-12-20

Gezeichnet mit schwarzem Kugelschreiber nach eigenem Foto. Fotografiert unter der Schreibtischlampe.

ps. Ich habe übrigens dieses Motiv gewählt, weil es mich formal an die beiden dickbäuchigen Boote erinnert, zwischen denen ein kleines steckt. Aufgebockt I

Über gkazakou

Humanwissenschaftlerin (Dr. phil). Schwerpunkte Bildende Kunst und Kreative Therapien. In diesem Blog stelle ich meine "Legearbeiten" (seit Dezember 2015) vor und erläutere, hoffentlich kurzweilig, die Bezüge zum laufenden griechischen Drama und zur Mythologie.
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14 Antworten zu Verbunden – unverbunden (tägliche Zeichnung)

  1. castorpblog schreibt:

    Faszinierend, Text und Bild

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  2. Ulli schreibt:

    Für mich ist es einfach, deswegen sage ich jetzt nix, mögen andere das Geheimnis lüften, das dir so wunderbar gelungen ist!
    Und ja, das Auge ist ein seltsames Tier: https://cafeweltenall.wordpress.com/2017/09/11/bahnhof-rolandseck-arp-museum-03/

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  3. Gisela Benseler schreibt:

    Der kleine Kreis in der Mitte hält die beiden großen Gebilde auseinander, auf Abstand. Hat also doch in seiner Kleinheit Kraft. In der farbigen Bearbeitung wird dies vordergründig Sichtbare am deutlichsten.

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  4. Ule Rolff schreibt:

    Die Entsprechung zu den Bootsbäuchen erkenne ich auch sofort, Gerda. Ist so eine Analogie schon der Versuch einer Konkretisierung? Konkret ist diese Zeichnung ja schon in höchstem Maße, gerade das schafft ein Erkennensproblem „am anderen Ende“ der Skala konkret – abstrakt.

    Ich versuche mal, dir meinen Denkprozess bei der Begegnung mit dieser Zeichnung zu skizzieren:
    Wenn ich eine solche Abbildung sehe, beginne ich sehr bald mich zu fragen, was es IST, was ich hier sehe. Ich beginne Elemente einander zuzuordnen, die in der Abstraktion getrennt erscheinen und umgekehrt. Ich versuche, Gegenstände zu benennen, deren typische Identifikationsmerkmale mir das Bild verweigert, auf die ich aber Hinweise finde.
    Was also hier?
    Der örtliche Rahmen zuerst: sowas wie ein Natursteinhintergrund, Mauer oder Fußboden? Eher Fußboden, denn oben rechts befindet sich eine Mauerecke. Etwas vielleicht gusseisernes, Gitterwerk im Vordergrund (diese „Bootsleiber“ mit dem Kreis)? Im Hintergrund vier angeschnittene Möbelbeine in typisch gleichmäßigem Winkel zueinander fluchtend, Tisch oder Stuhl?
    Geschwungene Linien, von dene ich nicht entscheiden kann, ob Schatten, ob Ding. Ein Dreieck im Vordergrund das eine Art gebogenen Fuß zu haben scheint, aber ich finde keine weiteren Hinweise auf die Tischplatte, die ich vermutete. Hmm …
    Nun der Punkt, an dem ich aufhören möchte zu rätseln, es einfach ein reizvolles Netzwerk sein lassen möchte.
    Übrigens hilft mir hier die farbige Bearbeitung nicht bei der Deutung, deine Zeichensprache (schöner Doppelsinn!) hilft mir hier mehr, nachdem ich sie inzwischen so weit kennengelernt habe, dass eine Erfahrung da ist, wie du etwas dazustellen pflegst. Eine zusätzliche Erfahrungsebene also hier.
    Ich höre jetzt mal auf, zu protokollieren und bedanke mich für die wunderbar erfrischende Denksportaufgabe am Morgen, liebe Gerda, und wünsche dir einen guten solchen.

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    • gkazakou schreibt:

      Danke Ule! War interessant, deinen Kommentar zu lesen und dabei ein wenig in deinen Kopf zu gucken. Ich dachte mir schon, dass du zuerst versuchen würdest, die Gegenstände zu identifizieren – was dir auch sehr gut gelungen ist. (Abgebildet ist das gusseiserne Untergestell des Gartentischchens auf unregelmäßig verlegten Naturstein-Platten, rechts hinten ein Stück Natursteinmauer und zwei abgeschnittene Stuhlbeine. Im Hintergrund ein Gartenschlauch, der seinen Schatten mit sich führt. Die Tischplatte ist aus dieser Perspektive nicht zu sehen. Die gebogenen Streben und das Dreieck mit dem Fuß liegen auf verschiedenen Ebenen.)
      Im zweiten Schritt urteilst du dann ästhetisch: „ein reizvolles Netzwerk“. Du enthältst dich jeder darüber hinausgehenden Deutung etwa symbolischer Art (Beispiel einer solchen Deutung in Giselas Kommentar über deinem: Der kleine Kreis „hat in seiner Kleinheit Kraft“ ).

      Dein Eingangssatz gibt die Richtung deines Interesses vor: „Ist so eine Analogie schon der Versuch einer Konkretisierung?“ Diese Frage versuche ich zu verstehen.

      „Konkret ist diese Zeichnung in höchstem Maße“ – ja. „Das schafft ein Erkennensproblem „am anderen Ende“ der Skala konkret – abstrakt“. Aha, ja. Das Erkennen wird herausgefordert, weil etwas offenbar „Konkretes“ dargestellt ist. Das gilt es zu identifizieren. Ist es identifiziert, wurde die Aufgabe gelöst…. Wenn ich das Bild „am anderen Ende der Skala“ angesiedelt hätte – nämlich indem ich Schwünge und Kreise ohne materiell zurechenbare Eigenschaften gezeichnet hätte, dann wäre es abstrakt, Wie läuft dann der Prozess des Wahrnehmens ab? Würdest du dann auch nach Analogien im Konkreten suchen? oder nun doch auch nach symbolische Deutungen? oder reicht dir das ästhetische Urteil?

      All diese Fragen interessieren mich sehr. Hab Dank!

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      • Ule Rolff schreibt:

        Liebe Gerda, danke sehr für die Auflösung, Gerda. Die anderen Fragen bewegen mich allerdings deutlich mehr. Die Frage nach der Analogiebildung („x sieht aus wie y“) und ihr Verhältnis zur Konkretisierung meine ich so: Ist das Bedürfnis, beim Anschauen von etwas Unverständlichem einen Vergleich zu formulieren, der Versuch, scheinbar Abstraktes in Konkretes zu überführen – ist das sowas wie ein menschliches ästhetisches Grundbedürfnis? Oder ist das etwas je Individuelles, ob man erst nach Erklärungen fragt, und erst dann nach Symbolischem? Ich weiß von mir aus Erfahrung, dass meine Neigung, mich mit Symbolischem zu befassen, nicht sehr groß ist, wenn mich ein Werk ästhetisch nicht erreicht. Das wiederum ist unabängig davon, ob ich den Inhalt in konkret benennbar Gegenständliches überführen kann (ich meine da jetzt nicht Linien, Formen, Farben und ihre An-oder Abwesenheit).
        Ob ich nach symbolischen Bedeutungen suche oder sie sehe hängt UNTER ANDEREM ganz banal von meiner „Tagesform“ ab: manchmal bin ich einfach nicht symbolisch gestimmt.

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    • gkazakou schreibt:

      Danke, Ule! Ich lache über die Abhängigkeit von der Tagesform, . 🙂 Ich würde für mich hinzusetzen: die allgemeine Gestimmtheit meiner Umwelt. Wenn da grad zu viel Symbolisches umgeht wie zur Weihnachtszeit, drängt es mich hin zum Banal-Konkreten. da kommt mir ein Tisch-Untergestell grad recht. ich willl dich auch nicht länger mit meinen Überlegungen traktieren, sondern monologisiere jetzt einfach mal für mich weiter, angeregt durch deins.

      Ich denke (wie du), dass es individuelle Unterschiede gibt, ob jemand etwas Abstraktes in handfest-Erkennbares überführen will oder nicht. Es gibt Mitmenschen, die mit Abstraktem „nichts anfangen können“ und andere, die „Gegenständliches“ vor allem in ihrer abstrakten Farb-Form-Gestalt wahrnehmen. Zu letzteren gehöre ich. Das Abgebildete ist mir sekundär. Ob Holzkreuz, Taue oder Arm mit Bouzouki – ob Dickboote oder Eisengestell – immer ist es die Kreuzform, die mich fasziniert, oder es sind die angeschnittenen Kreise oder das Dreieck etc.
      Warum male ich dann nicht abstrakt? Offenbar interessiert es mich, die „Ideen“ (in diesem Fall die geometrischen Urbilder) im Konkreten zu entdecken und in diesem Kontext auf mich wirken zu lassen. Das abstrakte Dreieck interessiert mich nicht so sehr, wohl aber das Dreieck, das sich für mich im Geäst eines Baumes oder im angewinkelten Arm offenbart.

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      • Ule Rolff schreibt:

        😀 Das empfinde ich nicht als Traktiertwerden, Gerda, sondern sehr anregend. Dennoch begebe ich mich nun in die Konkretheit und traktiere einen riesigen Rotkohl mit meinem großen Kochmesser, in der Hoffnung, dass meine Finger nachher nicht allzu abstrakt wirken.

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  5. Ich bewundere deine Aktivität: Jeden Tag etwas Neues und nicht nur irgend etwas, sondern eindrucksvolle Kunst in unterschiedlichen Facetten.

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  6. … und du verstehst es, die Striche genau da zu machen, wo sie hingehören 🙂

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