Dinge ans Licht heben (11): „große Worte – leere Worte“ (mit Musik von Xarhakos)

Was ist das für ein Büchlein, das ich da ans Licht hebe, fragst du? Frag nicht, es ist gleichgültig.  Was kritzele ich da aufs Blatt? Es braucht dich nicht zu interessieren.

Dies war die erste Fassung, auf die ich, als dreidimensionalen Kontrast, einen Schlumpf stellte. Der stand hier noch herum. Er war es dann auch, der mir den Gedanken zuflüsterte: „Was willst denn damit? Geh lieber schlafen!“

Ich aber hörte nicht auf ihn, sondern auf die Musik von Stavros Xarhakos und auf die Worte von Nikos Gatsos, die ich nun schon so lange kenne: Τα ψεύτικα τα λόγια τα μεγάλα μου τα ‚πες με το πρώτο σου το γάλα. (Die verlogenen großen Worte hast du mir mit deiner ersten Milch eingeflößt….), und mein Gemüt wurde schwer.

Viele Interpretationen dieses großartigen Liedes gibt es, oft zusammen mit Videos, die es illustrieren. Immer hat es mit Vertreibung und Heimatverlust zu tun. Heimat wird hier angerufen als „Mama Hellas“, die ihre Kinder mit großen Worten füttert, sich mit dem Schmuck der Antike bekleidet und die, ohne Tränen zu vergießen, ihre Kinder in die Sklaverei verkauft. Die Klage ist echt – denn die, die sie singen, sind selbst Opfer der großen Worte, immer wieder.  Es ist eine Selbstanklage.

Ich lernte es 1967, zu Beginn der Militär-Diktatur 1967-74 kennen, dann hörte ich es oft während der laufenden Krise, durch die über eine halbe Million junger  Griechinnen und Griechen das Land verlassen mussten, um anderswo Arbeit zu finden.

eine Interpretation mit Bildern der „kleinasiatischen Katastrophe“ von 1923

eine Interpretation von Wassilis Lekkas während einer beliebten Fernsehshow.

Δεν έχω σπίτι πίσω για να `ρθώ                  ich habe kein Zuhause, um zurückzugehen
ούτε κρεβάτι για να κοιμηθώ                       kein Bett um zu schlafen
δεν έχω δρόμο ούτε γειτονιά                        habe keine Straße, keine Nachbarschaft
να περπατήσω μια Πρωτομαγιά.                 um dort am 1. Mai spazierenzugehen.

Τα ψεύτικα τα λόγια τα μεγάλα                   die verlogenen die großen Worte
μου τα ‘πες με το πρώτο σου το γάλα.        hast du mir mit der ersten Milch eingeflößt.

Μα τώρα που ξυπνήσανε τα φίδια              aber jetzt, wo die Schlangen aufgewacht sind
εσύ φοράς τα αρχαία σου στολίδια             trägst du deine antiken Schmuckstücke
και δε δακρύζεις ποτέ σου μάνα μου Ελλάς  und vergießt niemals Tränen, Mama Hellas
που τα παιδιά σου σκλάβους ξεπουλάς.     wenn du deine Kinder als Sklaven verkaufst.

Τα ψεύτικα τα λόγια τα μεγάλα                   die verlogenen die großen Worte
μου τα ‘πες με το πρώτο σου το γάλα.        hast du mir mit der ersten Milch eingeflößt.

Μα τότε που στη μοίρα μου μιλούσα          doch dann, als das Schicksal mit mir redete
είχες ντυθεί τα αρχαία σου τα λούσα          hast du deine alte antike Pracht angezogen
και στο παζάρι με πήρες γύφτισσα μαϊμού und führtest mich auf den Basar,
Ελλάδα Ελλάδα μάνα του καημού.              Griechenland, Mutter der Klage.

Τα ψεύτικα τα λόγια τα μεγάλα                   die verlogenen die großen Worte
μου τα ‘πες με το πρώτο σου το γάλα.         hast du mir mit der ersten Milch eingeflößt.

Μα τώρα που η φωτιά φουντώνει πάλι      doch jetzt, wo das Feuer wieder hoch aufflackert
εσύ κοιτάς τα αρχαία σου τα κάλλη            betrachtest du deine antiken Herrlichkeiten
και στις αρένες του κόσμου μάνα μου Ελλάς und die Arenen der Welt, meine Mama Hellas
το ίδιο ψέμα πάντα κουβαλάς.                      die gleiche Lüge schleppst du immer mit dir.

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Über gkazakou

Humanwissenschaftlerin (Dr. phil). Schwerpunkte Bildende Kunst und Kreative Therapien. In diesem Blog stelle ich meine "Legearbeiten" (seit Dezember 2015) vor und erläutere, hoffentlich kurzweilig, die Bezüge zum laufenden griechischen Drama und zur Mythologie.
Dieser Beitrag wurde unter Allgemein, die griechische Krise, Feiern, Flüchtlinge, Katastrophe, Krieg, Leben, Meine Kunst, Musik, Psyche, Zeichnung abgelegt und mit , , , , , , , , , verschlagwortet. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.

31 Antworten zu Dinge ans Licht heben (11): „große Worte – leere Worte“ (mit Musik von Xarhakos)

  1. TeggyTiggs schreibt:

    …große Worte, wahre Worte, die mich an all die Migranten, Einwanderer und Flüchtlinge denken lässt, die ihre Heimat und damit ihre Wurzeln zurücklassen…

    …und ich weiß keine (Er-) Lösung…

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    • gkazakou schreibt:

      Danke, TeggyTiggs. An diesen Tagen zwischen „Volkstrauertag“, „Buß- und Bettag“ und „Totengedenktag“ schwirren mir die „großen Worte“ von Heldentum, Opfer, Ehre, Vaterland im Kopf rum, die immer am Anfang und Ende der großen Katastrophen stehen. Der Amanes (Klagegesang), der sich hier in den Tanz aufllöst, ist eine Form der Erlösung.

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    • gkazakou schreibt:

      versklavt heißt es zwar, aber die, die singen und tanzen, sind freiere Menschen als die Sklavenhalter.

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  2. wildgans schreibt:

    Der Schlumpf und die großen Worte, welch sonderbare Kombination!
    Gerade das führt weiter …
    Gruß von Sonja

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  3. Gisela Benseler schreibt:

    Gerda, Deine Zeichnungen beeindrucken mich immer aufs Neue !! Unglaublich ausdrucksstark umd aussagekräftig, mehr als alle Worte!! Sie überwinden ja auch den Klagegesang und die Traurigkeit, zeigen herrliche Wege der inneren Befreiung auf, die uns Menschen neu eröffnet worden sind durch himmlische Hilfen. Und diese „Gehörten Hilfen“, an denen Du jetzt auch beteiligt bist mit Deinen wu derbaren Zeichnungen, kehren manches Verkehrte um, zeigen Wege auf, um aus dem Karussel,des Verderbens wieder herauszufinden. Es liegt an uns selbst , jedem Einzelnen, wie wir uns entscbeiden: Ob wir uns diesem Trauermarsch der Klage und Anklage anschließen und uns im nie endenden Kreise weiterdrehen…, oder ob wir uns mal kurz herauslösen aus diesem Kreise, einfach mal loslassen, mal für ein paar Augenblicke ganz einsam und allein dastehen…., einfach nur stehenbleiben, allein.

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    • gkazakou schreibt:

      Liebe Gisela, da hast du offenbar etwas missverstanden. Ich habe dir erlaubt, meine Bilder in deinem Blog zu veröffentlichen, als Illustration, weil du mich darum gebeten hast. Das habe ich auch sonst schon getan, auch für Bücher und Zeitschriften habe ich Illustrationen geliefert. Deshalb bin ich aber NICHT an deinen sonstigen Inhalten „beteiligt“, die du allein zu verantworten hast. Die „Gehörten Hilfen“, die dir so wichtig sind, weil sie deiner Ansicht nach „herrliche Wege der inneren Befreiung aufzeigen, die uns Menschen neu eröffnet worden sind durch himmlische Hilfen“, sind mir fremd, die ganze Denkungsart ist mir fremd. Ich würde mich nie auf „Botschaften“ berufen, die jemand anderer „empfangen“ hat, sie mögen ansonsten so erfreulich oder nützlich sein, wie sie wollen. Dir wünsche ich alles Gute für deine Mission, aber es ist ausschließlich deine.
      Wenn du dies nicht respektierst , möchte ich nicht, dass du die Bilder weiter veröffentlichst.

      Liebe Grüße Gerda

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      • Anonymous schreibt:

        Gerda, wie sollte ich denn Deiner Meinung nach Deine Zeichnungen in meinem Blog verwenden? Du hattest doch zugestimmt und mir die Zeichnungen geschickt, und Du
        kanntest doch auch zuvor den zusammenhang, in dem sie erscheinen würden. Ich hatte
        auch angeboten, Deine Zeichnungen einzeln zu bringen, ganz ohne Worte. Aber diese
        LEIT-Sätze waren nun der Grund, weshalb ich überhaupt im Internet auftauche.Ich
        denkemal, daß ich sie hier auch bringen sollte, unbekümmert darüber, ob sie angenommen oder abgelehnt werden. Ich will Dich natürlich nicht hineinziehen in meine
        Art. Aber es war so eine große Bereicherumg, daß ich die Bilder bekam. Eigentlich weiß ich nicht, was ich falsch gemacht habe.

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      • gkazakou schreibt:

        Ganz herzlichen Dank für deine richtigstellende Antwort, Gisela. Bei der Veröffentlichung hast du gar nichts falsch gemacht. du kannst so weitermachen wenn du möchtest. Es war das Wort „beteiligt“ im Kommentar, da gingen bei mir die Alarmglocken an. Vielleicht bin ich überempfindlich geworden. Mir war wichtig zu betonen, dass die Veröffentlichung meiner Bilder sie nicht zu einem Teil deiner Bemühungen macht. Ich stehe halt gern auf meinen eigenen Füßen, genauso wie du. Ich denke, wir verstehen uns. Deine Eintragungen lese ich übrigens sehr gern, und sie begeiten mich so manches Mal auf meinen Spaziergängen. Herzliche Grüße Gerda

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  4. Myriade schreibt:

    Hmmm, ich schaue auf die gezeichnete Hand, drehe und wende meine eigene und finde die Position nicht ….
    Schrecklich, erschreckend und doch so hohl sind sie die großen Worte ….

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    • gkazakou schreibt:

      Zu sehen sind kleiner Finger und Daumen, Myriade. rechts vom Daumen siehst du, jenseits des schweren Schattens , ein helles Eckchen, das gehört zur Handfläche unterhalb vom der Ansatz des Zeigefingers.

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  5. Myriade schreibt:

    Ah, ja,ja. Was mich irritiert hat, war, dass ich den Eindruck hatte, dass man auf dem kleinen Finger vorne einen Nagel sieht und dass ist ja nun nicht möglich. Andererseits dachte ich, dass es ja nicht sein kann, dass Gerda eine Hand so zeichnet …… Entschuldige

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  6. Ulli schreibt:

    Ein Lied, da unter die Haut geht, das bestimmt (in abgewandelter Form) auf viele Länder passt. Ruhm und Ehre, für wen, für was? Und jetzt, wo in D wieder vieles so rückwärts gewandt erscheint und es scheint als ob einige so gar nichts aus der Geschichte gelernt haben, die Lügen wieder größer werden und mit ihnen der Nationalismus, ist es die Frage, ob D zu einem Land der Flüchtenden wird oder ein Ort, der Zuflucht schenkt.

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  7. felsenquell schreibt:

    Liebe Gerda, ich lese diesen Klagegesang zuerst als einen spezifisch griechischen, und da geht er mir scharf in die Seele. Er ist ja nicht nur Klage sondern auch Anklage an Mama Hellas.
    Ach, kann man eigentlich von „griechischer Seele“ sprechen (so wie von russischer Seele)? Wie ist es mit der Identität jener Millionen entwurzelter Griechen bestellt, die in den letzten hundert Jahren ihre Heimat verlassen mußten?

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    • gkazakou schreibt:

      Die Entwurzelten, Vertriebenen, liebe Hella, sind wohl weit mehr mit dem verbunden, was man vielleicht die Seele eines Volks nennen könnte, als die, die sicher im „Land ihrer Väter“ leben. Ihnen wird daher oft „Nationalismus“ vorgeworfen, sie gelten als „zurückgeblieben“ und als überholten nationalen Mythen, Sitten und Gebräuchen verhaftet. Im Land, in das sie schließlich aufgenommen wurden, fühlen sie sich selten heimisch. Ihnen fehlt die spezielle Kultur desLandes, aus dem sie kommen. Bei den Russischdeutschen zB ist diese Kultur im langen, meist sehr problematischen Zusammenleben mit der russischen Kultur entstanden. Bei den kleinasiatischen Griechen gibt es eine spezielle Sehnsucht nach dem orientalischen „Mix“, also Vermischungen mit dem Türkischen und Arabischen. Das Wort „amanes“ (Klagegesang) ist selbst aus dem türkischen „aman“ gebildet, das in etwa „Gnade“ bedeutet und in den Klagegesängen langgezogen immer und immer wiederholt wird.

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  8. felsenquell schreibt:

    Ich habe mir das Video gerade angeschaut/angehört. Nun, das beantwortet meine Frage nach der griechischen Seele.

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  9. mmandarin schreibt:

    Bald wird auch hier wieder „Die Herbergsuche“ gesungen: …..“Wer klopfet an, oh zwei gar arme Leut“ …… es wird zelebriert, in Kirchen als Krippenspiel gespielt, eine Mutter die bald niederkommt und der schließlich ein Stall zugewiesen wird ….. es klopfen so viele an… und öffnen wir die Tür? Ach, es ist zum Verzweifeln und ich verstehe dich so gut Gerda. Maria

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    • gkazakou schreibt:

      danke, Marie. Ja, es sind viele. es müssten aber nicht so viele sein, wenn der Wohlstand nicht von wenigen Händen zusammengerafft würde. Die Kirche war und ist da nicht ganz unbeteiligt, fürchte ich.

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  10. felsenquell schreibt:

    Was Du den griechisch-türkisch-arabischen Kulturmix nennst, das wird so deutlich im Vortrag von Wassilis Lekkas. So ein ritualisierter und emotional aufgeladener Klagegesang mit dem lang gezogenen aman ist hier in unserer nordwestlichen Hemisphäre gar nicht vorstellbar.

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    • gkazakou schreibt:

      das stimmt, Hella. Vielleicht nicht ganz unähnlich sind die Klagegesänge bei Totenfeiern auf Korsika, von denen ich grad bei Sebald las . Er beschreibt in seiner Erzählung Campo Santo ganz hervorragend diese Mischung aus vollkommener Verzweiflung und Theater. „In Wahrheit aber besteht kein Widerspruch zwischen dieser Art der Berechnung und einer echten, tatsächlichbis an den Rand der Selbstauflösung gehenden Verzweifung,denn….“ (S.29) Falls du das Fischerbändchen hast, lies doch mal nach.

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  11. Anonymous schreibt:

    Liebe Gerda, ich bin Dir sehr, sehr dankbar für Diene 2. Antwort. Ach, da fällt mir ein ganz, ganz
    Schwerer Stein vom Herzen.. Im Moment muß ich nur eine Pause machen mit Deinen Bildern, da mein Helfer (Martin) gerade 1 Woche im Urlaub ist. Allein schaffe ich das noch nicht mit der Technik….So wirst Du Dich mit meinen Worten erst einmal begnügen müssen. Ob ich wohl die
    Richtigen Worte finde, die Dir auch etwas bedeuten? Ich finde, daß manche dieser schlichten „aufgenommenen Hilfen“ in wunderschöner Handschrift über Deine offenen Hände gehören, vor diesen Herbstwald zum Beispiel. Könntest Du Dir das vorstellen? Ich konnte es mir gerade sehr
    gut vorstellen.

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    • gkazakou schreibt:

      Liebe Gisela, einerseits freut und rührt mich, was du schreibst, andererseits möchte ich es nicht. Nein, ich möchte nicht, dass du deine Botschaften mit meinen Bildern verquickst. In keiner Weise, auch wenn es eine noch so schöne Schrift ist.
      Meine Art ist anders als deine, Gisela, und das weißt du ja auch. Mir ist Missionieren und Belehren fremd. Größere Freiheit zu finden, ist für mich das eigentliche Ziel. Offene Hände sind für mich offene Hände. Da darf jeder und jede hineinlegen oder hineindeuten, was ihr oder ihm an Gedanken und Gefühlen kommt. Ich will da nichts meinerseits hineindeuten. Also: Ich freue mich, dass du deine Sätze in meinen Händen gut aufgehoben fändest. Aber du sollst sie nicht für deine Zwecke verwenden. Liebe Grüße! Gerda

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  12. www.wortbehagen.de.index.php schreibt:

    oh, liebe Gerda. Dieser Text der Verlorenen, die ihre Heimat zeitlebens suchen…
    Wie herzlich froh bin ich, dort zu wohnen, wo ich mich zuhause fühle.
    Mein Vater, der seine Heimat nie mehr sah, sie auch nicht mehr in ihrer Veränderung sehen wollte, verkraftete es zeit seines Lebens nicht. Anfangs war es nicht so deutlich, da hatte er noch genügend Kraft, aber mit den Jahren merkte man es mehr und mehr.

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