Münder (und Augen) als Ausdrucksträger von Portraits

Gerhard von KopfundGestalt kommentierte zu meinem vorigen Eintrag (Ich-Selbst im Fremdportrait): „Mir scheint, daß dein Mund sozusagen das Zentrum ist …. Der Mund wurde von einigen als besonders bedeutsam angesehen, so meine Beobachtung.“

Ich betrachtete daraufhin noch einmal die Zeichnungen, insbesondere die Münder. Und ich gebe Gerhard nach anfänglichem Zögern recht: Zwar halte ich normalerweise die Augen für den wichtigsten Ausdrucksträger eines Portraits,  doch wenn die Augen gesenkt sind, „bleibt der Mund als Hauptträger von Ausdruck. Und da sieht man dann auch besonders gut das Bemühen der Zeichnerinnen, den Ausdruck zu präzisieren“.

Der Mund ist ein vom Unbewussten weit mehr beherrschtes Organ als die Augen. Er besteht ja hauptsächlich aus Innenraum, und nur die weichen beweglichen Lippen sind für die Welt sichtbar. Viele Menschen haben gelernt, ihren Augenausdruck zu beherrschen (pokerface), aber der Ausdruck ihres Mundes entgleitet ihnen bisweilen. Daher ermöglicht das Beobachten von Mündern oft tiefere Einblicke in die Psyche eines Menschen.

Mein Interesse war geweckt. Und so präsentiere ich euch heute alle Münder, die in unserer Gruppe gezeichnet wurden. Ich habe sie weder nach den Zeichnerinnen noch nach den Abgebildeten geordnet. Es geht mir nicht um Zuordnung, nicht um „besser und schlechter“, sondern um die vielerlei Arten, wie dieses weiche Organ durch ein paar Linien zum Ausdrucksträger wird.

Wer möchte, kann eine Reihe von Augen vergleichsweise heranziehen, die ich im Anschluss zeige. (Durch Anklicken öffnet sich die Galerie)

zum Vergleich: Augen  (Auswahl)

Über gkazakou

Humanwissenschaftlerin (Dr. phil). Schwerpunkte Bildende Kunst und Kreative Therapien. In diesem Blog stelle ich meine "Legearbeiten" (seit Dezember 2015) vor und erläutere, hoffentlich kurzweilig, die Bezüge zum laufenden griechischen Drama und zur Mythologie.
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34 Antworten zu Münder (und Augen) als Ausdrucksträger von Portraits

  1. wildgans schreibt:

    Feine natürliche Gesichtspunkte. Münder und Augen. Mir fallen diese grausligen aufgespritzten Lippen ein, sooo entstellend, dabei meinen die Damen, das sei attraktiv. Die Ärmsten.
    Diese Münder hier, die sind es wahrlich!

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  2. afrikafrau schreibt:

    ein Gesicht, ein Portrait, besteht nicht nur aus Mund und Augen, Den Gesamtausdruck irgendwie auf Papier oder Leinwand zubringen, eine sehr schwierige Aufgabe, wird sich auch immer wieder ändern. Gesichtsfarbe, Hautfarbe , Augenfarbe Haarfarbe, spielen eine große Rolle.
    Was soll in einem gezeichneten Portrait ausgedrückt werden, welche Vorschriften, was wird propagiert oder vorgegeben, was gelernt. Ist die Person, das Gesicht einer Person, fremd oder bekannt oder gar ein Selbstportrait, ein Wunsch Portrait, mit welcher Intension wird es erstellt. Dieser Hintergrund sind für mich sehr wichtig, auch die jeweilige Stimmungslage, das Alter, usw. Wer möchte heute noch ein Portrait in Zeiten der „selfies“ . Sorry viele Gedanken hierzu. Ein an sich spannendes Thema………………………………………………………

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    • gerda kazakou schreibt:

      Liebe Afrikafrau, ich habe eben schon bei Serap von newperspective ein wenig kommentiert. Ich weiß nicht, ob ich deine Fragen,für die ich danke, alle verstehe. Also erstmal: natürlich handelt es sich bei den oberen Reihen nicht um Portraits, sondern darum, mir das Ausdruckspotentials, das in den Mündern und Augen quasi durch ein paar Linien „eingespeichert“ wurde, bewusst zu machen.
      Du sagst, die Farben seien von großer Bedeutung. Sicher. ZB habe ich sehr helle Farben (blasses Gesicht, weißes Haar), was auf den Kohlezeichnungen fast zwangsläufig anders rauskommt und für Verfremdung sorgt. Aber es geht ja nicht um Fotorealismus, und solche Differenzen, die durch das Medium entstehen, kann man innerlich abgleichen. .
      Zur Frage des Portraitierens im Allgemeinen: all die Fragen, die du da stellst, können von Bedeutung sein, wenn ich ein bestimmtes Portrait betrachte: War es eine Auftragsarbeit? In welcher Stimmungslage, in welcher Beziehung zum Zeichner etc befand sich die Person? Ob heutzutage Portraits noch verlangt werden, weil die Welt voll von Selfies ist? Ich meine, die große Zahl von Selfies zeigt das verzweifelte Bemühen der Menschen, sich ein Bild von sich selbst zu machen. Sie kennen sich ja nicht, können sich selbst nicht sehen, suchen in den Fotos nach irgendetwas, was ihre Existenz bestätigt: die bin ich, die war ich, dort war ich mit XY. Das Portraitieren ist eine ganz andere Tätigkeit.
      Den Satz „Was soll in einem gezeichneten Portrait ausgedrückt werden, welche Vorschriften, was wird propagiert oder vorgegeben, was gelernt“ verstehe ich nicht. .
      Liebe Grüße dir!

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      • afrikafrau schreibt:

        Die Frage war falsch gestellt, werden noch Portrait-Malereien heute gelehrt, ( selfie -wahn) ? oder aus der Zeit gefallen???? hast du ja bereits beantwortet, danke.

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  3. kunstschaffende schreibt:

    Das sind interessante Studien!👍

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  4. pflanzwas schreibt:

    Ich hätte ursprünglich sicher auch auf die Augen getippt, stelle aber fest, daß auch ich die Münder aussagekräftiger finde. Vielleicht liegt es auch in der Schwierigkeit, Augen so wiederzugeben. Das Spiel der Augen ist ein sehr feines. Der Mund hingegen kommt viel ausdrucksstärker rüber. Ein paar Striche, schon hat man einen Eindruck in die eine oder die andere Richtung. Tatsächlich sehr spannend – und überraschend!

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  5. gerda kazakou schreibt:

    Herzlichen Dank! Eigentlich kennt man es ja von den imogies: die Augen sind zwei Punkte, die Laune wird über den Mund ausgedrückt. 🙂 oder 😦 …..

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  6. mynewperspective schreibt:

    Afrikafrau und ich scheinen es auch diesmal ähnlich zu sehen, wie zuvor. Wir beide waren die einzigen, die auf den Mund Bezug nahmen. Die Fokussierung in diesem Beitrag auf die Münder und Augen sind für mich äußerst spannend, die Verlinkung zum vorherigen Beitrag sehe ich jedoch nur bedingt. Das von mir hervorgehobene Porträt stach für mich aus allen anderen heraus, weil es vor allem eine gewisse Naivität transportierte. In der Kombination der lächelnd wirkenden Lippen mit den geschlossenen Augen wirkte alles als Gesamtbild. Heraus kam eine genießend wirkende Gerda. Die Wirkung der Lippen in diesem Beitrag zeigt mir weder im Vergleich, noch in der Einzelbetrachtung, dass, was mich im vorherigen Beitrag anzog. Vielleicht auch, weil der Fokus gar nicht darauf lag, die Augen oder die Münder ausdrucksstark wiederzugeben, sondern sich gegenseitig als gesamtes zu portraitieren. Die Frage nach dem Kern, die Gerhard gestellte, stellte sich mir nicht und deshalb kann ich mich damit nicht verbinden, dass daraus jedoch ein neuer Beitrag mit differenzierter Betrachtung und Diskussion erstanden ist, erachte ich für sehr wertvoll.

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    • gerda kazakou schreibt:

      Danke für deinen Kommentar. Die Beziehung zum vorigen Beitrag ist tatsächlich nur locker. Hier geht es mir ja nicht um Portraits, sondern um die Frage, welche Informationen die Münder (und im Vergleich dazu die Augen) dem Betrachter liefern, und wie es dazu kommt, dass ein paar Striche so viele Informationen enthalten. Den Bezug zur dargestelllten Person habe ich absichtlich nicht hergestellt.
      Natürlich kann man an solchen Fragen uninteressiert sein – ich verstehe das durchaus. Für mich aber ist es eine Spur (unter vielen), der nachzugehen mir als Zeichnerin und Psychologin Einsichten bringt.

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  7. Susanne Haun schreibt:

    Eine tolle Galerie, liebe Gerda. Die Augen, das Tor zur Seele?
    Liebe Grüße von Susanne

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  8. kowkla123 schreibt:

    liebe Gerda, ich sag nur, echt stark, ich wünsche eine gute Woche ohne Kummer und Sorgen

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  9. puzzleblume schreibt:

    Zwei beachtliche Galerien sind da zusammengekommen mit erstaunlichen Gestaltungsunterschieden, interessant finde ich aber, dass sich etliche Darstellungen doch trotz der Verschiedenheiten zu den gleichen Gesichtern zusammenfinden lassen, zumindest Augen zu Augen, Mund zu Mund, also haben die Zeichnerinnen auf ihre Weise alle „recht“.

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    • gkazakou schreibt:

      Eine schöne Beobachtung. Heute war ich mit zwei der Zeichnerinnen-Modellen unterwegs und es machte ihnen Spaß, ihre Augen und ihren eigenen Mund auf dem Handybild ausfindig zu machen. Sie erkannten die Augen leicht „Das sind meine Augen…“, mit den Mündern war es schwieriger.

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    • gkazakou schreibt:

      Ich weiß es nicht,aber ich kann mir vorstellen, dass die Augen vom Menschen als das ganz Persönliche wahrgenommen werden, durch die der „höhere Mensch“ – Geist, Bewusstsein – mit der Welt und seinesgleichen in Kontakt tritt. Der Mund gehört wohl mehr zum Bereich des Unbewussten, der Instinkte, des „Es“ und wirkt entsprechend unpersönlicher, anonymer. Aber, wie gesagt, sind das bloß tastende Gedanken.

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  10. Peter Klopp schreibt:

    Deine Münder-Ausschnitte zeigen deutlich, was Gerhard mit seinem Kommentar als Künstler andeuten wollte.

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  11. Ulli schreibt:

    Ich habe ja als erstes gedacht, dass ich über die Augen die Porträtierten eher wiedererkennen würde, verfolge ich doch schon von Anfang an eure Gruppe und durfte ich auch im letzten Jahr zwei der Porträtiernden und Porträtierten kennenlernen – interessanter Weise konnte ich aber tatsächlich die Münder schnell zuordnen. Das ist eine Überraschung für mich.
    Deine Antwort an Susanne:“… Vielleicht ist der unbewachte Mund sogar noch mehr „Tor zur Seele“ als die Augen, die eher ein „Tor zum Geist“ sind?“ – ist für mich eine sehr stimmige Antwort, für die ich dir danke,
    herzlichst, Ulli

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  12. wechselweib schreibt:

    Sehr beeindruckend und erhellend. Ich finde auch die Münder besonders faszinierend.

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  13. kopfundgestalt schreibt:

    Augen und Mund, das sind die wichtigsten Partien . Und natürlich das Haar.
    Letzteres vernachlässige ich manchmal, aber das ist ein Fehler, definitiv.

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    • gerda kazakou schreibt:

      das Haar ist nicht unbedingt wichtig, denn das ist ja variabel. Man kann es färben, schneiden, abrasieren. Vielleicht der Haaransatz. Da gibt es denn doch Wichtigeres, wie zB die Form des Kopfes, der Wangenknochen, der Stirn, der Nase, des Kinns, der Ohren, der Augenbrauen… die Abstände zwischen diesen, .

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      • kopfundgestalt schreibt:

        Man kann aber ein Portrait „versauen“, wenn man das Haar nicht würdigt und richtig darstellt.
        Die anderen Charakteristika wie Wangenknochen, Kinn, der Augenbrauen… die Abstände zwischen diesen…da gebe ich Dir recht.

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  14. www.wortbehagen.de.index.php schreibt:

    Wirklich hochinteresant, Deine Münder- und Augengalerien, liebe Gerda.
    Es muß sehr schwierig sein, ein Gesicht so zu zeichnen, daß Mund (Tor zur Seele) und die Augen (Tor zum Geist) so gelingen, daß sie den gezeichneten Menschen tatsächlich zeigen und daß ihm beides gerecht wird. Die Münder scheinen eher zu gelingen oder irre ich mich?
    Erstens, den Ausdruck und zweitens, die Form der Augen zeichnend zu erfassen, muss mit Sicherheit sehr schwierig sein.
    Beim dritten Augenbild von links meine ich, einen sehr freundlichen Ausdruck zu erkennen. Aber stimmt das überhaupt? Ich bin jetzt ganz unsicher geworden nach dem vielen Prüfen und immer wieder nachsehen.
    Bei meinen Collagen war ich immer erst zufrieden, wenn ich den Eindruck hatte, sie sieht mich an, z.B. das Mädchen Orchidee, s. Gravatar meistens, blickt sehr anders als die alte mißtrauische Vettel. Verpaßte ich diesen einen Moment, dann bekam ich es nie mehr richtig hin. Aber ich zeichnete ja nicht, ich klebte und zog in Form.

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    • gerda kazakou schreibt:

      ob nun inForm ziehen oder zeichnen – den richtigen Augenblick erfassen ist immer wichtig, um ein gutes Ergebnis zu erhalten. Kleinste Veränderungen können einen ganz anderen Gesamteindruck zur Folge haben. Wie auch beim lebendigen Gesicht: das winzige Heben einer Augenbraue, ein Zucken im Mundwinkel, ein Schatten, der über die Augen läuft….

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