Alphabet der Materialien: B wie Baumwolle, Blech, Blei, Beton, Borste, Bimsstein, Bernstein …

Eigentlich hatte ich es mir einfacher vorgestellt. Ich dachte: schau dich mal in deinem Haushalt um, damit du dir bewusst wirst, von welchen Materialien du umgeben bist. Was erzählen dir die stummen Dinge deiner Umwelt? Und mach ein Alphabet daraus.

Bei A fielen mir Aluminium und Asche ein. Das wars. Bei B aber? Da fand ich auf meinem Rundgang:

B wie Bleikristall, Bleistift, Baumwolle, Borstenpinsel, Batterien, Bindfaden, Butter, Blech, Bernstein, Brenn- und Bauholz, Bimsstein, Butangas und Brennnessel. (Bitte anklicken)

 

Doch vielleicht sollen als „Material“ nur die Grundsubstanzen gelten? Dann wäre bei Baumwolle*, Blei, Bimsstein**, Bernstein, Butter, Butangas, Borste, Brennnessel Schluss.  Andererseits sind nicht „Blei“ und „Borste“ das Material, mit dem ich arbeite, sondern Bleistift und Borstenpinsel. Brennnessel verwendete zwar das Schwesterchen als Material fürs Hemdchenweben, um die in Schwäne verwandelten Brüdern zu entzaubern – aber ich weiß nichts damit anzufangen (außer vielleicht für einen Tee). Butterfett ist eine Spezialität von Beuys, insofern durchaus ein gestalterisches Material. Das Bau- oder Brennholz lagert auf meinem Balkon, wer weiß, für welchen Gebrauch. Die Bernstein-Anhänger haben keinen materiellen, sondern nur nostalgischen Wert für mich – sie erinnern mich an die ferne Ostsee. Woraus sind die Bindfäden? Aus Baumwolle? Oder sind da Plastikfäden mit hineingearbeitet? Blech ist auch ein schwer eingrenzbares Material:  alle dünn ausgewalzten Metalle sind Bleche – ob nun aus Eisen, Kupfer oder Zink.

Und was hat es mit den Namen auf sich? Ist im Bleistift überhaupt Blei? Wohl kaum. Vielleicht Graphit, vielleicht eine mir unbekannte Mixtur. Oder Borstenpinsel: was sind das für Borsten, aus denen sie gemacht sind? Borsten von Schweinen, wie anno dazumal? Sicher nicht. Ist der Bimsstein tatsächlich aus Bims**? Woraus sonst? Die Bestickung auf den Baumwoll-Gardinen: sind sie aus Baumwollfäden? Ich vermute es, denn es handelt sich um ein Gewebe, das im Epirus in Heimarbeit hergestellt wurde. Und Baumwolle wird in Zentral-Griechenland in großen Mengen angebaut*.

Und das Bleikristall? Früher wurde zu seiner Herstellung tatsächlich Blei verwendet, aber ist das heute noch so? Meine Bleikristallschale ist allerdings alt, 18. oder 19. Jahrhundert und enthält vermutlich Bleimennige. Ob sie wohl aus dem Böhmerwald stammt, wo das Bleiglas vor allem produziert wurde? Sie passt so gar nicht zu meinem übrigen Haushalts-Inventar, ist eine Prinzessin unter dem Plebs.

Und so kam ich an die Schale: Eines Tages – ich trieb mich in einem Trödelladen auf der Insel Syros herum – holte  die dünne, kränkliche Inhaberin, mit der ich mich plaudernd angefreundet hatte, dies glänzende Kristallwunder unter dem Ladentisch hervor. Und erzählte mir eine Geschichte von einer reichen Dame, die, als sie die Untreue ihres Mannes entdeckte, kurzerhand ihren Haushalt auflöste und verschwand. Als er von einer kurzen Reise heimkam, fand er nichts mehr vor als leere Wände. Ich selbst sehe mich als Treuhänderin der Schale bis zu einem fernen Tag, wenn, vielleicht, die Dame sich besänne und sie zurückverlangte. Bis es so weit ist, benutze ich sie als Ablage für allerlei Krimskrams.

Gerne würde ich auch die Geschichten zu den anderen Dingen erzählen …. doch das wäre schon fast ein Roman.

——-

*Letztes Mal setzte ich einen Link über die Bedeutung von Aluminium- und Tabak-Produktion in Griechenland. Möchtest du auch etwas über die Bedeutung und die Probleme des Baumwoll-Anbaus für Griechenland erfahren? Hier ein link, der beschreibt, wie auch dieser uralte griechische Produktionszweig der EU-Zollpolitik und der Globalisierung zum Opfer fällt.

** Auch die Verwendung von Bimsstein hat ihren Ursprung in Griechenland, wie ich bei Wikipedia nachlas: „Stark ausgeprägt war die Nutzung von Bims seit frühester Zeit in Kreta, wo das Meer ständig Bimssteine von den vulkanischen Nachbarinseln, seit der zweiten Hälfte des 16. Jahrhunderts v. Chr. vor allem von Santorin her anschwemmt. Paul Faure berichtet, dass 15 Verwendungsarten existierten. Die Küstenbewohner sammelten unter anderem die angeschwemmten Bimssteine als Baumaterial, Reinigungsmittel, Entfetter in der Töpferei, als Heilmittel bei Geschwüren und Trunkenheit und um die Gärung aufzuhalten. In kleinen Schälchen wurde er auch den Göttern geopfert, so den Göttern des Hafens Nirou Chani, denen von Arkalochori im Bereich der großen Kulthöhle des Ortes und den Göttern von Stadt und Hafen Kydonia. Den grauen Bims betrachteten die Kreter als männlich, den weißen als weiblich.

In der Antike wurde der Bimsstein zur Körperpflege, zur Behandlung von Kranken, zum Schärfen der Schreibfeder und zum Glätten von Pergament-Leder für Bücher verwendet.“

 

Über gkazakou

Humanwissenschaftlerin (Dr. phil). Schwerpunkte Bildende Kunst und Kreative Therapien. In diesem Blog stelle ich meine "Legearbeiten" (seit Dezember 2015) vor und erläutere, hoffentlich kurzweilig, die Bezüge zum laufenden griechischen Drama und zur Mythologie.
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22 Antworten zu Alphabet der Materialien: B wie Baumwolle, Blech, Blei, Beton, Borste, Bimsstein, Bernstein …

  1. Ulli schreibt:

    Seit gestern überlege ich was Material ist, im Sinne von „Rohstoff“ und was Weiterverarbeitung bzw. Gebrauchsgegenstand, wie z.B. beim Bleistift, der eine Mischung aus Holz und Graphit ist, aber zum Zeichen- und Schreibmaterial wurde.
    Borsten können von Tieren stammen oder sie sind aus Kunststoff gefertigt, bei ersteren ist es für mich Material, das weiterverarbeitet wurde, während dem Kunststoff ja viele Arbeitsschritte vorausgehen.
    Bims ist für mich das reinste Material in deiner Aufzählung, von der Brennnessel einmal abgesehen, die ich aber anders zuordnen würde.
    Insgesamt finde ich, dass du dir ein nicht einfaches Feld gesucht hast. Was ist Material und was ist schon Gegenstand? Was ist zwar Material, wurde aber vorher schon bearbeitet, um es zu dem zu machen, wie es dann im Haushalt auftaucht – so Fragen halt…
    herzlichst, Ulli

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    • kopfundgestalt schreibt:

      Man könnte eine Reihung anfertigen: Von völlig rein bis am wenigsten rein. Das gäbe eine interessante Kette.

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      • gkazakou schreibt:

        Schau mal in meinen Kommi zu Ulli, Gerhard. Ich selbst will das jetzt nicht machen. Aber wenn es dich reizt, kannst du ja mal versuchen, solche Reihungen zu erstellen. Liebe Grüße.

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    • gkazakou schreibt:

      Eine strenge Abgrenzung, liebe Ulli, ist wohl nicht möglich, denn alles, was sich im Haushalt befindet, ist bereits in einer Verarbeitungsform vorhanden. Reine Substanzen gibt es hier nicht. Der Bims ist sicher keiner, er nennt sich nur so, ist aber wohl ein Kunstprodukt, dem Naturbims nachgebildet. Die Nessel ist in ihrer Urform da, die Baumwolle aber nicht – dennoch sind sie beide Materialien, die erst zum Weben geeignet, sind, wenn sie vorbereitet wurden. Im Baumwollstoff hat dann eine weitere Verarbeitung stattgefunden. Und was ist mit der Butter? Milch ist etwas Zusammengesetztes, aus dem die Butter – ein viel reineres Produkt als die Milch – gewonnen wird. Beim Eisen fürs Blech ist es ähnlich: es kommt in reiner Form nicht vor, ist gebunden, muss erst herausgeschmolzen werden aus dem Gestein. usw usf.
      Mir geht es jetzt auch nicht um eine Katalogisierung oder „Reihung“, wie Gerhard schreibt, sondern darum, mir über meine stumme dingliche Umwelt mehr Rechenschaft abzulegen und vielleicht auch etwas in Wissen hinzuzugewinnen.
      Mit herzlichem Gruß Gerda

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  2. kowkla123 schreibt:

    wünsche viel Erfolg für alles, was du dir für die Woche vorgenommen hast, Klaus

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  3. kopfundgestalt schreibt:

    Wenn die Dame eine gute Erinnerung an ihre Schale hat, wird sie sie zurückhaben wollen! Doch müsste sie dafür auf eine längliche Spurensuche gehen.
    Und was wäre, wenn diese Schale dann doch noch behaftet wäre mit der Untreue? Dies würde sie erst merken, wenn sie sie wieder um sich hätte. Dann müsste sie sie wohl erneut abstossen.
    Aber letztlich kann eine Schale nichts dafür, daß sie dieses Attribut mit sich herumträgt.
    Wie dem auch sei: Eine solche geräumige Schale verträgt sehr viel Krimskrams, ist höchst praktisch.

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  4. wildgans schreibt:

    Eine hervorragende Idee – nun wandle ich ganz anders durch den Tag, den viel versprechenden mit lauen leisen feinen ersten Frühlingslüften! Danke!

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  5. www.wortbehagen.de schreibt:

    Viel zu gedankenlos gehen wir mit den uns umgebenden Dingen um und um so aufmerksamer las ich Deinen tollen Artikel , liebe Gerda.
    Das B gab so viel her und ich bin gespannt, wie es bei den anderen Buchstaben aussieht.
    Da ich ein ewiger Sammler bin, begucke ich mir das, was mir auffällt, aus diesem oder jenem Grunde gefällt und als Sammelgut mit nachhause getragen wird, ziemlich genau.
    Ich liebe Flohmärkte und durchforste sie immer, ohne genau zu wissen, was ich finden werde.
    So kam ich auch zu einer kleinen Sammlung Bürsten und Pinseln, die ich sehr mag. Ihre Formen und Borsten sind so unterschiedlich, weich und zart oder auch borstig und rauh vom Material, daß ich sie mir immer mal wieder besehe und erstaunt bin über die Findigkeit der alten Handwerker.
    Der zarteste Pinsel, keine Bürste in diesem Fall, ist ein Ziegenhaarpinsel, den ich selten benutze, aber oft in die Hand nehme, um das weiche Haar zu spüren.
    So gelangen die Dinge des Alltags in unsere Gedanken und sie sprechen mit uns. Ich liebe die Gespräche mit den Dingen. Ihre Geheimnisse geben sie sowieso nicht alle preis. Also bleiben sie spannend. Deine Fotos vm Materiial der Dinge, die mit B beginnen sind wunderschön, weil sie zeigen, auch hier ist Kunst, die Kunst der Präsentation.
    Deine Bleikristallschale hast Du mit Recht als Prinzessin bezeichnet. Sie ist ein altes wertvolles Schmuckstück, das bei Dir in ausgespochen guten Händen ist, liebe Geda.

    Wenn Du Dein Alphabet der Materialien zu Ende schreiben möchtest, hast Du noch eine gigantische Arbeit vor Dir. Aber ich weiß, daß jeder Buchstabe eine Offenbarung sein wird.

    Liebe Grüße von Bruni

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    • gkazakou schreibt:

      Liebe Bruni, ich freu mich ganz besonders über deinen langen schönen Kommentar, denn wie du siehst, hat dieser Beitrag wenig Interesse gefunden. Ob das Zufall ist? Ich finde diesen Ansatz, mir die unmittelbare Umgebung neu ins Bewusstsein zu bringen, für mich sehr wichtig und lehrreich. Jeder einzelne Gegenstand ist ja eine Welt für sich, in den natürliche Materialien, Arbeitskraft, Energie, Erfindungsgeist, menschliches Wollen, Erinnerungen an Schenkende oder an Situationen, in denen ich ihn fand, Gebrauch, Emotionen, Erfahrungen, und ich weiß nicht noch alles eingegangen sind. So ein Pinsel; man nimmt ihn in die Hand und Welten öffnen sich – oder man merkt, wie unaufmerksam man ist, wie gleichgültig und oberflächlich.
      Ich bin froh, dass du mit mir mitgehst, liebe Bruni. Das feuert mich an, bis zum Z nicht aufzugeben.

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      • www.wortbehagen.de schreibt:

        Ich glaube, es ist nicht Deine Art, aufzugeben, liebe Gerda *lächel*, und es wäre auch sehr schade. Du gehst die Dinge an und sammelst noch Informationen dazu, das ist aufschlußreich und hoch interessant. Ich wußte z.B. nicht, aus was Bims besteht, klar doch, Bimsstein, aber hier stand ich feste auf meiner Leitung, bis Du mich heruntergeschubst hast *g*
        Ich mag die Geschichten hinter den Dingen. Ich merke aber oft, wenn ich erzähle, wie ich zu dem einen oder anderen Ding/Objekt kam, wie ich die Menschen damit langweile und ich lasse es schnell wieder.
        Deshalb hat mich die Geschichte, wie Du zu Deiner Kristallschale kamst, so sehr angesprochen.
        Wie oft habe ich Dinge aus dem Abfall oder vom Bürgersteig gefischt, als ich noch Collagen machen konnte und manch einer wird sich gewundert haben 🙂

        Ich werde mich sehr freuen, wenn Du weitermachst mit dem materialienalphabet.
        Sieh Dir wortbehagen an, da ist es viel stiller als bei Dir, aber ich denke nicht daran, aufzuhören.

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      • gkazakou schreibt:

        Klar, liebe Bruni, der Weg ist begehbar. Offenbar begehen ihn ja auch viele Menschen. Dass ich so selten vorbeischaue, wollte ich begründen. Wenn ich aber komme, genieße ich es sehr.

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      • www.wortbehagen.de schreibt:

        Es ist völlig i. O., wie Du es machst, liebe Gerda. Ich kenne ja die Problematik und hab keine Ahnung, wann und wie es sich ändert… Es ist schwierig, aus sehr vielen Gründen.
        Liebe Morgengrüße von Bruni

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    • gkazakou schreibt:

      Liebe Bruni, so hab ich es nicht gemeint. Natürlich höre ich nicht auf. Ob viele oder wenige lesen, ist für mich nur ein Hinweis darauf, was so ankommt und die Leute interessiert. Bei dir ist es wieder was anderes: Du bist nicht bei wp und es ist immer eine Unternehmung, bis man bei dir landet. Ich kann auch nicht so viel Lyrik auf einmal verkraften, lese gern nur ein Gedicht. Aber immer wenn ich bei dir war, nehme ich mir vor, regelmäßiger zu gucken.

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      • www.wortbehagen.de schreibt:

        ich vertrage auch nicht sehr viel Lyrik auf einmal, liebe Gerda *g*

        Der Weg zu mir geht langsamer, das ist klar, aber er ist begehbar. Ich frage mich oft, wie die vielen (mehr als 4 Mio) Seitenaufrufe zustande kommen, die mir mein System anzeigt. Wenn ich die Suchmaschinen abziehe, bleiben immer noch mindestens 3 Mio. Aufrufe. Tja, komisch mit der Lyrik, eine Nische, aber ich mag sie halt, doch ohne Deine interessanten Beiträge in Deinem Blog würde mir viel fehlen

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  6. Pega Mund schreibt:

    liebe gerda, dieses alphabet finde ich (wie bereits beim „a“ geäußert) eine ganz wunderbare idee. ich freue mich, dass nun das „b“ erschienen ist, und bin gespannt, wie es weitergeht mit den buchstaben! nebenher überlege ich auch, wie wohl „mein“ alphabet aussehen würde. das bedeutet auch, dass du mit diesem deinem projekt meine aufmerksamkeit geschärft hast, ich sehe mich um in meinem lebensraum, betrachte die dinge, die da sind, mit wacherem blick – und bemerke, wie wenig ich doch weiß …
    hab vielen dank für dein schaffen!
    herzlich: pega

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