Das Treppenhaus nach Escher, Wikipedia und Duchamp.

Angeregt durch http://juttareichelt.com/2016/03/11/9-geschichtengenerator-in-aktion/ habe ich meine Abneigung gegen Treppenhäuser zugunsten einer eher philosophisch-stoischen Betrachtung aufgegeben. Die Treppe, so wissen wir aus der Traumdeutung, ist ein Symbol für den Aufstieg zu höheren Einsichten. Dass sie nicht immer nach oben, sondern bisweilen auch in den Keller führt, braucht mich nicht zu beunruhigen.

Escher's_Relativity

Was aber, wenn sie sowohl nach oben als auch nach unten führt, und zwar gleichzeitig, wie auf Eschers Bild? Wenn das Aufsteigen und das Absteigen eine ganz und gar relative Angelegenheit ist, geradezu eine Demonstration von Einsteins Relativitätstheorie? Was, wenn man ständig an Verzweigungen gerät und die Orientierung verliert? Wenn einen der Schwindel packt angesichts des Schachtes, der sich beim Höhersteigen immer tiefer absenkt, während der Blick nach oben in den „Spiegel“ (ja, so heißt die Decke des Treppenschachtes) nicht minder erschreckend ist?

Wie gut, dass es Wikipedia gibt, dachte ich bei mir: wer hat nicht schon mal dort Halt gesucht, wenn er verunsichert war? Und so begab ich mich also zum Ausgangspunkt (keine Ahnung, wo der sich auf Eschers Bild befindet) und zu Wikis Definition des Treppenhauses:

Wiki: Das Treppenhaus dient der vertikalen Erschließung aller angeschlossenen Ebenen eines mehrgeschossigen Gebäudes und ist dessen funktionaler Bestandteil.

Aha, das Treppenhaus dient der Erschließung. Gut für mich. Ich folge zuversichtlich dem Stichwort „Erschließung“ und erfahre:

Wiki: Unter der Erschließung eines Gebäudes versteht man im Allgemeinen Zugangswege, Bauteile und Räume, über die die Nutzer in horizontaler oder vertikaler Richtung die einzelnen Nutzungseinheiten…..

Eine Gabelung zwischen horizontal und vertikal, nicht gut für mich. Soll ich nach unten wandern oder erst mal Umschau halten?

Wiki: Der Horizont (altgriechisch ὁρίζων horízōn, Genitiv ὁρίζοντος horízontos) ist die Grenzlinie zwischen der sichtbaren Erde und dem Himmel. Mit dem griechischen Wort horízōn ist eigentlich horízōn kýklos gemeint, der „begrenzende Kreis“ (zu ὁρίζειν horízein „begrenzen“).[1]#

Begrenzender Kreis. Das gefällt mir denn doch besser als das schwindelerregende Hinabschauen in …

Wiki: Die Lotrichtung, auch Vertikale, ist die örtliche Richtung der Schwerebeschleunigung, sie zeigt also nach „unten“.

Nee, wirklich nicht! Ich ziehe meinen Blick von dem Schacht zurück, der sich im Treppenhaus öffnet, und schaue in die angebotene Richtung nach oben:

Wiki: Als Himmel wird die Ansicht bezeichnet, die sich einem Betrachter von der Erdoberfläche aus bietet, wenn er in Richtung Weltall blickt.

Ein wenig mulmig wird mir nun doch: das ganze Weltall breitet sich da oben, das ist ja irgendwie erhabener als die „Schwerebeschleunigung“, aber dennoch! Man stelle sich vor: das ganze Weltall ist da oben! Damit mich nicht Vertikus (der Schwindel) an den Haaren packt und hinaufsaugt ins Unbegrenzte, schaue ich erneut bei Wiki nach und erfahre, dass ich vor dem Weltall eigentlich keine Angst zu haben brauche. Es handelt sich um etwas Wohlbekanntes und gut Geordnetes:

Wiki: Das Universum (von lateinisch universus „gesamt“, von unus und versus „in eins gekehrt“), auch: der Kosmos oder das Weltall, ist die vorgefundene Anordnung aller Materie und Energie

Dumm nur, dass ich nun wieder eine Entscheidung treffen muss. Energie oder Materie?

Wiki: Energie (altgr. ἐν en „innen“ und ἔργον ergon „Wirken“) ist eine fundamentale physikalische Größe, die in allen Teilgebieten der Physik sowie in der Technik, Chemie, Biologie und der Wirtschaft eine zentrale Rolle spielt.

Wiki: Materie (von lateinisch materia = Stoff, Thema, Bauholz, Ursache) ist eine Bezeichnung für die Substanz, aus der alle Dinge der Welt bestehen, unabhängig von ihrer Erscheinungsform.

Bauholz ist schon mal nicht schlecht. Das Weltall  ist, so viel wird mir klar, eine Erscheinungsform …. nicht anders das Treppenhaus. Beide – Weltall und Treppenhaus, sind ein bisschen relativ, ein Je-nachdem, es gibt ein Oben, ein Unten und ein Rundherum.  Ich stehe auf sicherem Boden. Oder steckt der Teufel in der  „Erscheinungsform“?

Wiki: Unter Erscheinung versteht man im allgemeinen Sprachgebrauch verschiedene Arten des Auftauchens bzw. „Daseins“ eines Objektes oder das Sichtbarwerden oder Sichzeigen von zuvor nicht zu sehenden oder erkennbaren Gegenständen oder Vorgängen in der Umwelt… (eine lose Holzleiste, über die ich stolpern könnte? Ein Kinderball, der die Stufen herunterspringt?? )

oder aber ein unwillkürliches inneres Erleben von plastisch deutlichen visuellen Vorstellungen, die dabei auch andere Sinnesqualitäten, besonders häufig solche akustischer Art, einschließen können…. (ich höre das Knarren einer Tür, schwere Schritte, schon sehe ich vor meinem inneren Auge einen Mörder, der mit einem Beil die Treppe heraufsteigt, Schweiß bricht mir aus allen Poren, ich renne, stolpere über die lose Holzleiste und rolle mitsamt dem Kinderball hinunter, breche mir sämtliche Knochen)

Auch das „Auftreten“ als Phänomen im abstrakten Sinn oder als Auftritt in theatralischem Verständnis kann so benannt werden. Meist wird damit dann ein (plötzlicher) Auftritt im Sinn einer Veränderung in der betrachteten Szene gemeint.

Damit diene ich gern! Schluss mit den losen Leisten und rollenden Bällen! Die Szene verändert sich (plötzlich) und die Treppe herab steigt, selbstbewusst und elegant : Duchamps Nackte.

Duchamp_-_Nude_Descending_a_Staircase

Über gkazakou

Humanwissenschaftlerin (Dr. phil). Schwerpunkte Bildende Kunst und Kreative Therapien. In diesem Blog stelle ich meine "Legearbeiten" (seit Dezember 2015) vor und erläutere, hoffentlich kurzweilig, die Bezüge zum laufenden griechischen Drama und zur Mythologie.
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18 Antworten zu Das Treppenhaus nach Escher, Wikipedia und Duchamp.

  1. Beat Company schreibt:

    Unter „verschlagwortet mit“ fehlt: Wikipedia.

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  2. Susanne Haun schreibt:

    Ich kann dir dazu noch das Buch „Die Frau auf der Treppe“ von Bernhard Schlink empfehlen.🙂
    Danke für deine Ausführungen.

    Gefällt 1 Person

  3. Maren Wulf schreibt:

    Vor meinem geistigen Auge M.C.Escher’t gerade Duchamps Nackte in alle Richtungen durch den begrenzenden Kreis. Beschwingt-schwindlige Grüße in den heiteren Süden!

    Gefällt 3 Personen

  4. einfachsein schreibt:

    Eine spannende Reise, auf die Du uns da mitgenommen hast. Zwischen Verunsicherung und vermeintlicher Sicherheit durch Wissen (Wikipedia als Ersatz für den allwissenden Gott?) schwankend, an Mördern und Abgründen vorbei, über Kinderbälle stolpernd, ins endlose All schauend, mit Schwindel kämpfend – mir ist als habest Du mir ein Bild des modernen Menschen gemalt.

    Gefällt 2 Personen

  5. gkazakou schreibt:

    😉 und danke, einfachsein!

    Gefällt 1 Person

  6. teggytiggs schreibt:

    …großartig!

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  7. finbarsgift schreibt:

    Was für ein toller, zauberhaft schöner Post!!

    Liebe Morgengrüße vom Lu

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