Ja, ich weiß, ich hänge sehr hinterher mit den Kalenderblättern, und das wird auch so bleiben. Denn ich möchte nicht mehr als ein Blatt täglich vorstellen. Also habe ich mir folgendes ausgedacht:
Ich werde im Juli „ernten“, was ich im Juni „gesät“ habe, indem ich zu jeder Juni-Lektion ein freies Bild in den Juli-Kalender zeichne. Hoffentlich geht es mir da nicht so wie mit meinem Garten, wo selten das aufgeht, was ich gesät habe. Meistens ist es nur allerlei Unkraut, das es gut mit mir meint. Aber egal, Unkraut ist besser als Öde.
Heute ist die letzte Seite der von Klee so genannten „statischen Angelegenheit“ dran. Ich erinnere an den Eintrag vom 7.6., da steht der bedeutungsvolle Satz: Die Senkrechte bedeutet gerader Weg, aufrechte Haltung oder Stand des Animals. Die Waagrechte bedeutet seine Höhe, seinen Horizont. Beide sind ganz diesseitige, statische Angelegenheit.
Darüber habe ich ein bisschen gegrübelt. Wieso sind Lot/Stand und Waagrechte/Horizont „diesseitig„? Inzwischen ist mir aufgegangen, was Klee damit meint (hoffentlich): Sie sind für uns als Erdenbewohner gültig. Offenbar gibt es in der Kunst darüberhinaus noch anderes „Nicht-Statisches“ zu entdecken.
Der Turmbau ist ein eindringliches Beispiel für die „statische Angelegenheit“.

meine Tarotkarte „Turm“
Klee macht dazu ein paar elegante Zeichnungen, die ich in meinen Kalender vergöbert übertrage, um sie besser zu verstehen.
Das Prinzip dieses Turmbaus: auf einen Grundstein setzt man einen größeren Stein I, wobei die rechte Seite mit dem Grundstein abschließt, die linke diesen aber überragt. Natürlich droht der Stein I nach links zu kippen und zu fallen. Also setzt man fluggs einen gleichgroßen Stein II auf Stein I, der nun auf der linken Seite mit dem Grundstein abschließt, aber auf der rechten Seite herausragt. Das bedeutet: Ausgleich und neue Störung, diesmal nach rechts. So gehts immer weiter: Um das Kippen in die eine Richtung auszugleichen, setzt man einen gleichgroßen Stein drauf, doch leider ist es immer zu viel des Guten, die Konstruktion kippt dann in die andere Richtung. Stabilität kann man so nicht erreichen. Wie denn aber? Nun, durch einen Schlusstein, der auf der Achse des Grundsteins liegt.
Verbindet man alle Drehpunkt miteinander, ergibt sich eine gleichmäßige Zickzacklinie.
Ich hätte es gern ausprobiert, aber die „Steine“, die mir zur Verfügung stehen, sind Bücher, und die sind alle verschieden groß und schwer.
Ich verstehe aber das Prinzip: das Gewicht des Schlusssteins wirkt wie ein Nagel (Lot), der (ideal gedacht) alle Steine und den Grundstein durchbohrt und bis zum Erdmittelpunkt reicht. Dadurch werden die gleichmäßig überragenden Steine in der Waagrechten gehalten und das ganze Gebilde kippt nicht.
Lot und Waage sind „Symbole des statischen Gebiets“ – so fasst Klee dieses Kapitel zusammen und leitet zum nächsten über. „Das Lot richtet sich nach dem Erdmittelpunkt, wo das irdisch-gebundene Schicksal verknüpft ist.“ Womit nun auch klar wird, was er mit „diesseitig“ meint: das irdisch-gebundene Schicksal.
„Es gibt aber auch Regionen mit anderen Gesetzen und neuen Symbolen, gelösterer Bewegung und beweglicherer Örtlichkeit entsprechend“.
Aha! Man darf gespannt sein, wie er diese Wahrnehmung zeichnerisch umsetzt.

Tarotkarte „Turm“, zusammenbrechend