Nachgetragen am 13.4.
Jeden Sonntag steige ich hinunter ins Archiv, um zu sehen, was mich an einem Tag wie diesem in früheren Jahren beschäftigt hat. Heute landete ich im Jahr 2017 bei einem Eintrag mit einer Kohlezeichnung. Im Hinterkopf hatte ich Klees Gemälde „Aufstand des Aquädukts“ – und genau diese Arbeit von Klee spukt auch aktuell in meinem Kopf herum, wenn ich meine April-Kalenderbilder „Emanzipation der geometrischen Elemente“ zeichne. Ich freue mich dabei über die neu gewonnene Freiheit der Elemente: sie dürfen tun und lassen, was ihnen am meisten gefällt.
Was geschieht aber auf Klees Bild, das er 1937 malte? Lobt er die Emanzipation der Pfeiler oder sieht er etwas Bedrohliches darin, wenn sich sich aus ihrer Dienerrolle „emanzipieren“ und den Aufstand üben? Sie werden sich, nach anfänglicher Konfusion, in Marschordnung begeben: Vorne weg die Anführer, dahinter, bereit sich erneut in eine dienende Rolle zu begeben, die Schwächeren. Denn immer bilden sich, wenn Elemente frei werden, nach chaotischen Zwischenzuständen neue dominante Strukturen.
Als ich am 12. April 2017 Bögen zeichnete, wollte ich dieses Bild keineswegs nachahmen, sondern irgendwie „überwinden“. Dabei rannte ich mich immer wieder fest, löschte aus, überzeichnete, ohne genau zu wissen, wohin ich wollte.
Die letzte Version zeigt eine Struktur mit zerbrochenen eisernen Bögen und Hindernissen, durch die man hinaus gelangen kann. Am Ausgang zeichnet sich ein feiner Bogen ab. Licht flutet hindurch. Ein symbolisches Bild, das aus meinem damaligen Unterbewusstsein mir eine Hoffnung für den heutigen Tag transportiert.
Ich halte an der Möglichkeit der Selbstbestimmung des Individuums fest, auch wenn ich durchaus sehe, dass das Zerbrechen der alten organischen Verbindungen (Familie, Nation, Glaubensgemeinschaft, Sitten und Gebräuche) zur Vereinzelung und damit zur Gefahr führt, dass sich neue „Führer“ der herumirrenden Einzelnen bemächtigen, um sie neuen kollektiven Strukturen einzugliedern. Der Weg der Freiheit ist schwierig, hindernisreich, es gibt da keinen einfachen Weg, denn man trifft auf Torhüter, wie sie Franz Kafka in seiner Parabel „Vor dem Gesetz“ beschreibt (1917). Der Mann vom Lande lässt sich einschüchtern, traut sich nicht, am Türhüter vorbeizugehen, stirbt schließlich, ohne einen Schritt weitergekommen zu sein. „Dieser Eingang war nur für dich bestimmt“, sagt der Torhüter. „Ich gehe jetzt und schließe ihn“.




