Kunstbuch No 20: Steinabreibungen in Schiefergrau

Joachim meinte in einem Kommentar zu meinem „Zwergenvolk“ scherzhaft, er verstehe jetzt, woher ich meine Schnipsel-Figurenwelt habe: aus der Steinzeit. Da erinnerte ich mich an den Mythos, dass wir neuen Menschen nach der Deukalischen Flut (altgriechische Version der Sintflut-Erzählung) aus Steinen entstanden sind.

Darüber habe ich schon öfter nachgesonnen, und zB dies hier geschrieben:

Im griechischen Mythos steht der Stein am Anfang unseres gegenwärtigen Menschenalters: Wir leben in einem steinernen Äon, dem ein höher entwickeltes Äon vorausgegangen ist.

Der Mythos geht in Kürze so:

Prometheus brachte den Menschen, die „Träumer und stumpfen Sinns“ waren, das Feuer. Es war vermutlich nicht das reale Feuer, sondern das des Verstandes. Und damit die Beherrschung der Natur, die Technologie. Prometheus war so etwas  wie Luzifer (Lichtbringer) – ein Empörer gegen den herrschenden Gott (Zeus), den er einen Usurpator nannte. Dafür wurde er dann aufs Übelste bestraft. Aber das ist eine andere Geschichte.

Die Menschheit entwickelte sich mithilfe des Feuers der Intelligenz vorzüglich und fühlte sich bald so stark, dass sie begann, den Gott um das beste Teil des Opferstiers zu betrügen. Das Beste behielt sie für sich, und dem Gott gab sie den Abfall. Diese Schlauberger meinten, damit durchzukommen.   

Der Gott wurde zornig und beschloss, der Menschheit den Garaus zu machen. Schluss mit den Menschen! Und schickte eine große Flut, um sie zu ersäufen. Im Griechischen heißt sie die „deukalische Flut“, weil nicht Noah, sondern Prometheus‘ Sohn Deukaleon die Flut überlebte. Der „vorhersehende“ Prometheus hatte seinem Sohn verraten, was bevorstand, und ihn geheißen, eine Arche zu bauen und sie mit seiner Frau Pyrrha zu besteigen. Pyrrha war die Tochter von Prometheus’ Bruder Epimetheus und von Pandora – einer von Hephaistos geschmiedeten Kunstfrau. Ja, ja, die erste Kunstfrau gab es schon vor der Sintflut! Und auch der Bau der Arche zeugt von hoch entwickelter Technologie.

Diese beiden also überlebten die Sintflut. Sie fanden sich wieder in einer Einöde und waren grässlich allein. In einem Traum wurde ihnen befohlen, die Knochen von Mutter Erde hinter sich zu werfen. Sie diskutierten hin und her und fürchteten sich, denn sie wollten Gaia keineswegs beleidigen. Wir wären nie entstanden, hätte Deukaleon nicht irgendwann frustriert einen Stein genommen und hinter sich geworfen. Und siehe da! Aus dem Stein entstand sogleich ein Mann. Mit „Knochen von Mutter Erde“ waren Steine gemeint. Da warf auch Pyrrha einen Stein hinter sich, und es wurde eine Frau. Sie warfen und warfen Steine hinter sich:  So entstand ein steinernes Geschlecht. Steinzeitmänner und Steinzeitfrauen – wohnhaft in Steinen, Verehrer von Steinen, begraben unter Steinen. Die Steinzeit der Menschheit hatte begonnen.

Ich lebe in einem Haus, das aus Naturstein geschichtet und gemauert wurde. Ein paar dieser schönen Steine beschloss ich, in einem Mini-Zine „abzureiben“, dh die Unebenheiten mit einem weichen Bleistift durch ein Papier zu reiben („Frottage“-Methode). Sichtbar wurden feinste Strukturen – die, so will mir scheinen, eine heimliche Notenschrift darstellen. Wer sie entziffert, wird den Gesang der Steine vernehmen.

 

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About gkazakou

Humanwissenschaftlerin (Dr. phil). Schwerpunkte Bildende Kunst und Kreative Therapien. In diesem Blog stelle ich meine "Legearbeiten" (seit Dezember 2015) vor und erläutere, hoffentlich kurzweilig, die Bezüge zum laufenden griechischen Drama und zur Mythologie.
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2 Responses to Kunstbuch No 20: Steinabreibungen in Schiefergrau

  1. Avatar von ele21 ele21 sagt:

    hat was von der Blindenschrift -hm?
    Die Geschichte ist spannend – die kannte ich nicht. Danke für‘s Erzählen❣️

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  2. Avatar von Ulli Ulli sagt:

    Ich liebe alles an diesem Beitrag! Danke, liebe Gerda. ❤

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