Erklär mir Liebe. Geschichten von und mit Philippe: Traumgesicht

– „Ich habe geträumt“, verkündet Philippe heute morgen.

– „Und was hast du geträumt?“

– „Ich habe vorher noch nie geträumt, glaube ich.“ Philippe sucht nach Worten.  „Es ist seltsam. Damals, als ich zu meiner Rose wollte, brauchte ich die Hilfe der Schlange. Ich hatte ziemliche Angst. Es war ja unwiderruflich. Mein Freund Antoine war sehr traurig. Aber es musste sein. Ich erklärte es ihm.

„‚Weißt du‘, sagte ich ‚… meine Blume … ich bin für sie verantwortlich! Und sie ist so schwach! Sie ist so leichtgläubig. Sie hat nur vier lächerliche Dornen um sich gegen die Welt zu schützen …‘ – ‚Du verstehst‘, sagte ich zu ihm. „Es ist zu weit. Ich kann diesen Körper hier nicht mitnehmen. Er ist zu schwer …“ .

Er verstand das sehr gut. Aber er wollte es trotzdem nicht. Er wollte mich nicht verlieren, nachdem wir gerade Freunde geworden waren.“

– „Ja, ja“, sage ich ein wenig ungeduldig. „Ich kenne die Geschichte mit deinem Freund Antoine. Erzählt mir lieber, was du geträumt hast.“

Doch Philippe beantwortet Fragen nie. Er folgt seinen eigenen Gedanken.

– „Mein Freund blieb die ganze Zeit bei mir und wollte mich nicht gehen lassen. Das war schwer für mich. Und so sagte ich zu ihm: ‚Du hast nicht recht getan. Es wird traurig sein. Es wird aussehen, als sei ich tot … aber das wird nicht stimmen …‘. und ich erzählte ihm allerlei von Sternen mit Glöckchen, die er hören würde, des Nachts. Ich glaubte damals selbst daran. Aber dann war es doch ganz anders. Ich war nämlich, als die Schlange mich biss, gleich tot. Mein Körper lag da wie eine leere Hülle, und ich konnte nicht wieder zu ihm zurück.

Heute Nacht war es ganz anders. Ich brauchte keine Schlange und konnte doch zu meiner Rose reisen. Ich konnte auch wieder zu dir zurückkommen. Es war ganz leicht.“

– „Du hast also von deiner Rose geträumt?“ frage ich.

– „Ich habe sehr merkwürdige Dinge geträumt. Ich bin wieder in der Wüste, aber die Wüste ist jetzt ein großes Wasser. Da kommt ein Boot angefahren, darin sitzt ein trauriges Männlein, und wo die Augen sein sollten, sind nur Höhlen. ‚Komm mit‘, sagt es zu mir mit einem Mund, der auch ganz hohl ist. ‚Ich bin der Fährmann über die Lethe. Komm mit, ich fahr dich hinüber. Trink zuvor einen Schluck vom Wasser, und du wirst alles vergessen, was dir Kummer und Schmerzen bereitet hat.‘ – ‚Vergesse ich dann auch meine Rose und meinen Freund den Fuchs und meinen Freund den Piloten und …‘, – ‚Alles‘, bestätigt er.  – ‚Das möchte ich aber nicht‘, sage ich. ‚Ich will niemanden vergessen. Kannst du mich nicht rüberfahren, ohne dass ich von dem Wasser trinke?‚ – ‚Das geht nicht‘, sagt er mit seinem zahnlosen Mund. ‚Das ist gegen das Gesetz.‘ …

Und wie wir so hin und her reden, erscheint plötzlich eine große bunte Dame am Himmel und ruft: ‚Kümmer dich nicht um den alten Knauser! Komm her zu mir! Ich bin die Traumfrau! Ich bring dich an alle Orte der Welt! Wohin du willst, bringe ich dich. Vielleicht vergisst du, was du auf deinen Traumreisen erlebst, aber du landest sicher und erwachst in deinem Bett, und alle Geschichten, die du vorher wusstest, die weißt du auch nachher noch.‘

Das gefiel mir recht gut. Ich sagte: ‚Dann bring mich, bitte, zu meinem kleinen Planeten, ich will schauen, wie es meiner Rose geht‚.“

– „Und?“ frage ich. „Hat dich die Traumfrau dort hingebracht?“

– „Ich weiß es nicht“, antwortet Philippe betrübt. „Ich erinnere mich nur, wie sie einen Stern an einer langen Leine durch die Luft schwingt und ruft: ‚Halt dich gut fest!‘ Aber was auf der Reise passierte, habe ich schon vergessen.“

 

 

Philippe träumt jetzt also, und das ist neu. Es zeigt mir, dass er nun richtig auf unserem Planeten angekommen ist. Er braucht nicht zu sterben, wenn er schnell irgendwo hin will. Sterben ist unwiderruflich. Träumen hingegen ist wie Reisen mit Rückfahrtschein. Das ist sehr praktisch für uns Menschen. Der Körper bleibt schlaff liegen, während man sich körperlos in der Welt herumtreibt. Man erholt sich dabei, anstatt wie bei Reisen im Körper zu ermüden und sich nach einem weichen Hotelbett zu sehnen. Hat man genug von seinen Traum-Abenteuern, kehrt man zu seinem ausgeruhten Körper zurück, steht frisch gestärkt auf und geht seinen Geschäften nach.


Die kursiv gesetzten Passagen sind wörtliche Zitate aus Saint-Exuperys „Der kleine Prinz“ – aus dem Französischen übersetzt von I. Strassenburg. Alle anderen Dialoge habe ich dazuerfunden.

 

 

 

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About gkazakou

Humanwissenschaftlerin (Dr. phil). Schwerpunkte Bildende Kunst und Kreative Therapien. In diesem Blog stelle ich meine "Legearbeiten" (seit Dezember 2015) vor und erläutere, hoffentlich kurzweilig, die Bezüge zum laufenden griechischen Drama und zur Mythologie.
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