Erklär mir Liebe. Geschichten von und mit Philippe (7): Löwenzähmung, Tarot und Kalenderblatt 30

Gestern hatte ich die Tarotkarte „Ritter der Schwerte“ in meiner Hand gezeichnet und war dann zu einem Besuch gefahren.

Heimkommend fand ich Philippe im dunklen Garten, wie er einen Löwen zähmte (hier).

Und ich versprach eine Forsetzung.  Dafür muss ich ein wenig ausholen.

Mein gestriger Besuch betraf die Mutter zweier Knaben, die sie vor drei Monaten zur Welt brachte. Sie hatte sich, obgleich schon über die 40, heiß Kinder gewünscht und sich zu einer künstlichen Befruchtung unter Verwendung fremder Eizellen entschlossen, während ihr Mann den Samen spendete.

Seit der Entbindung sind drei Monate vergangen. Jetzt bat sie mich um Hilfe. Gestern sah ich die beiden entzückenden und sehr gut gehaltenen, gesunden Jungen zum ersten Mal. Was konnte es da für ein Problem geben?

Ich erfuhr: Sie kann die Kinder nicht akzeptieren. Das begann schon am Tag der Befruchtung. Sie fühlte sich durch das Verhalten der Ärzte betrogen und witterte  Missbrauch der unbekannten Spenderin der Eizellen. Sie war sehr zornig, und das blieb auch während der schwierigen Schwangerschaft so. Das „bonding“  – also die Herstellung einer emotional positiven Beziehung zu den Neugeborenen – ist ihr nicht möglich. Und sie fürchtet, übrigens zu Recht, dass die Kinder das merken, auch wenn sie äußerlich ihre Pflichten als Mutter hundertprozentig erfüllt. Das Gefühl der Entfremdung ist so stark, dass sie Momente hat, wo sie Mann und Kinder verlassen möchte.

Hier war Hilfe dringend nötig. Aber wie?

Ich machte mehrere Anläufe, um sie von ihrer Fixierung auf das ihr zugefügte „Unrecht“ zu lösen, aber es gelang mir nicht wirklich. Zum Schluss sagte ich, sie und mich tröstend: „Es braucht oft Zeit und Geduld, bis eine Mutter ihre Neugeborenen liebt. Es sind ja Fremde, und Tag für Tag, Schritt für Schritt werden sie bekannter, bis man sie am Ende sehr liebt und sie gar nicht mehr missen kann. Es ist ein bisschen so wie beim kleinen Prinzen und der Rose und dem Fuchs. Kennst du den Kleinen Prinzen“? Da leuchteten ihre Augen auf und sie sagte: „Ja, das Buch hab ich! und ich liebe es sehr!“ Und ihr Mann sagte: „Während der Schwangerschaft (sie musste ständig liegen) habe ich ihr daraus oft vorgelesen.“ Sie zeigten mir auch den Entwurf zur Einladung zur Taufe, den sie mithilfe eines digitalen Programms gezeichnet hatten. Da sieht man zwei kleine Prinzen, den Fuchs, die Rose, das Schaf und sonst noch allerlei.

Als ich das hörte und sah, wie sich die Wangen der Mutter röteten, fühlte ich erstmals ein wenig Zuversicht. Sie wird es schaffen, die Kinder zu lieben! Und die Kinder werden eine vollwertige Mutter haben!

„Lies täglich in dem Buch und denke darüber nach“, riet ich ihr. „Und habe Geduld mit dir. Der Kleine Prinz verließ seine Rose, er floh, weil ihm dies und das an ihr nicht passte. Dann entdeckte er, dass er sie liebte. Der Fuchs erklärte ihm, warum. Jeden Tag, den du mit den Kleinen verbringst, jeden Dienst, den du ihnen erweist, wird dich ihnen ein Stück näher bringen. Am Ende wirst du sie lieben.“

Von diesem Erlebnis wollte ich Philippe gleich erzählen, als ich heimkam. Dort fand ich ihn bei der Zähmung eines Löwens.

Sofort fiel mir die Tarotkarte „Die Kraft“ ein, denn auch da geht es um die Zähnung eines Löwen.

Gestern hatte ich den „Ritter der Schwerter“ gezeichnet, der eine intellektuelle, rückwärtsgerichtete Kraft zeigt. Ich hatte sie rein zufällig aus dem Stapel gezogen und verstand nicht, was sie mir sagen wollte. Nun aber verstehe ich:

Das Problem der Mutter steckt im Kopf: sie ist wütend über etwas, was zu Beginn ihrer Schwangerschaft geschah, und seither rast sie mit wilder Entschlossenheit immer wieder zurück zu dieser Verletzung. Ihr Kopf will „Gerechtigkeit“, und darüber verliert sie die Verbindung zu ihrem Herzen. Ich kann ihr und den Kindern nicht helfen, indem ich  ihr Kopfdenken korrigiere.

Die Zähmung des Löwen heißt nichts anderes, als die rotglühende Kraft des Herzens in sich zu erwecken und zu integrieren. Grau ist der Himmel des Verstandes, der den Feind längst vergangener Gefechte immer noch analysiert und bekämpft. (Auf meiner Zeichnung erscheint der Himmel blau, aber das ist ein Fehler des Fotos: er ist grau). Der Himmel über der Herzenszähmerin aber ist golden.

Ich zeichnete die Karte ins 30. Kalenderblatt.

„Grau, teurer Freund, ist alle Theorie, und grün des Lebens goldner Baum!“  (Goethe, Faust I).

 

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About gkazakou

Humanwissenschaftlerin (Dr. phil). Schwerpunkte Bildende Kunst und Kreative Therapien. In diesem Blog stelle ich meine "Legearbeiten" (seit Dezember 2015) vor und erläutere, hoffentlich kurzweilig, die Bezüge zum laufenden griechischen Drama und zur Mythologie.
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6 Responses to Erklär mir Liebe. Geschichten von und mit Philippe (7): Löwenzähmung, Tarot und Kalenderblatt 30

  1. Liebe Gerda,
    diese Geschichten ist interessant, wenngleich ich nicht verstehe, warum die Frau sich betrogen fühlt und von den Ärzten enttäuscht ist?
    Verstehe ich es richtig, daß ihre eigenen Eizellen von ihrem Mann künstlich befruchtet werden sollten?
    Sorry, aber es war ein bisschen unklar für mich!🙆🏻‍♀️

    Der kleine Prinz hat aber sicher was positives ins Rollen gebracht, daß war eine gute Idee von Dir, ihn ins Gespräch zu bringen!

    Hab einen schönen Abend!

    Liebe Grüße Antje

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  2. Avatar von Ulli Ulli sagt:

    Schön wie eins ins andere greift.

    Nähren wir die Zuversicht, dass sie ihre Zwei zu lieben lernt.

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  3. Avatar von elsbethberlin elsbethberlin sagt:

    Liebe Gerda, DANKE.! Ja, das ist eine tief bewegende Geschichte. Und wunderbar deine Idee, mit dem kleinen Prinzen ihr vielleicht Wege zu zeigen. Die Blockade zwischen Kopf und Herz anzugehen.Die fremden Eizellen sind wahrscheinlich auch noch ein eigenes Problem, eben auch für ihren Körper. Dieser Prozess eines Sich-zu eigen-Machens. (Das berichten auch Menschen nach einer Organplantation.) Sie hat Hilfe gesucht, und das von dir Angeregte traf schon auf eine bereits vorhandene Spur.Das scheint doch gute Wege zu gehen. Danke fürs Teilen ! Vielleicht schmelzen noch diese Empfindungen von Fremdheit oder gar “ Betrug“, wenn sie von den KLeinen erstmals angelächelt wird ?!

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  4. Avatar von sonnenspirit sonnenspirit sagt:

    Hm, interessant berichtet! Ich kenne auch wahre Familien, die mit künstlicher Befruchtung Kinder bekamen, manche aber AUCH NICHT, wo auch viel Enttäuschung entsteht. Ich glaube, es ist auf energetischer Ebene hier möglich, Aufzustellen. Das machst du doch sonst auch?. Vielleicht ähnlich wie bei einer Adoption. Dass die Spenderin anerkannt werden müsste. Für die KInder ist es ja kein Thema, denke ich. Nun, wir können uns da nicht einmischen. Es ist schön, dass sie auf der Welt sind, weil sie es wollen!

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