112 Stufen, 65: Zweifel (Aristoteles, Johannes Buridan und Hans Magnus Enzensberger)

Reiner hat ein „Mitmachding“ initiiert. Es geht darum, jeden Tag einen Text zu einem Wort zu posten, das sich auf der Holsteiner Treppe in Wuppertal, verteilt auf 9 Absätze befindet. Es reizt mich, da mitzumachen, allerdings eher nicht mit eigenen Textproduktionen, sondern mit literarischen Assoziationen und Gedichten anderer. Ich bin gespannt, welche Texte, Gedichte, Geschichten jedes dieser Wörter in meiner Erinnerung aufleuchten lässt. All diese Erinnerungen an Gelesenes und im Gedächtnis Aufgehobenes sollen mir einen nachklingenden Teppich weben, den ich über die Stufen lege, um noch einmal hinaufzusteigen.

 

eine philosophische Streitfrage zirkuliert durch die Jahrhunderte (Legebild-Zeichnung)

Zweifel ist ein zweischneidiges Schwert, das jede Initiative zerstören, aber auch Schneisen ins Gefängnis der Dogmen und falschen Gewissheiten hauen kann. Wenn er sich in zwischenmenschliche Beziehungen einnistet, wirkt er als zehrendes Gift. Genauso schlimm aber ist es, wenn der Zweifler die eigene Existenz in Frage stellt.

Auf Griechisch heißt das Wort „αμφιβολία“ (amphivolia) – und das heißt, mein Pfeil richtet sich auf zwei unvereinbare Ziele gleichzeitig, ich schwanke, komme zu keinem Entschluss. Aristoteles fragte sich in der „Nikomachischen Ethik“: „Wäre der Wille, vor zwei vollständig identische Alternativen gestellt, in der Lage, eine Alternative der anderen vorzuziehen?“ Johannes Buridan, scholastischer Philosoph des 14. Jahrhunderts, antwortete: Nein! Unmöglich! Ein Esel zwischen zwei gleichartigen Heuhaufen würde unweigerlich verhungern.

Seither spricht man von „Buridans Esel“. Dabei ist Buridan an dem Eselsgleichnis ganz unschuldig, denn das stammt von dem persischen Gelehrten Al-Ghazālī (1058–1111) und wurde ideengeschichtlich recyclet, weil es so hübsch ist.

Logisch gesehen mögen die Philosophen recht haben (außer den genannten haben noch etliche mehr das Thema gewälzt), und die seelische Beschaffenheit des ewigen Zweiflers beschreibt das Gleichnis auch recht gut, aber der veritabler Esel würde angesichts zweier gleich leckerer Heuhaufen ganz sicher nicht verhungern, sondern sich sehr schnell für einen entscheiden.

Aber der Mensch? Da bin ich mir nicht so sicher! Wie oft steht er sich mit seiner Zweifelsucht selbst im Weg! Gleicht nicht so mancher Zeitgenosse der Morgensternschen Hausschnecke, die ich hier kürzlich zitierte? Schon bei der Geburt zweifelt so mancher: soll ich – oder soll ich nicht? Ists hier nicht besser als dort? Ists dort nicht besser als hier? Ist es besser, jung zu sterben oder gar nicht geboren zu werden, wie sich Aristoteles fragte? Ist es besser, zu leben oder sich den „stings and arrows of outraged fortune“ entschlossen durch Selbstmord zu entziehen, wie Shakespeares Hamlet sinniert?

Möge der zeitgenössische Philosoph und Dichter Hans Magnus Enzensberger (1929-2022) uns das Thema weiter beleuchten!

Hans Magnus Enzensberger

zweifel

bleibt es, im großen und ganzen, unentschieden
auf immer und immer, das zeitliche spiel
mit den weißen und schwarzen würfeln?
bleibt es dabei: wenig verlorene sieger,
viele verlorne verlierer?

ja, sagen meine feinde.

ich sage: fast alles, was ich sehe,
könnte anders sein. aber um welchen preis?
die spuren des fortschritts sind blutig.
sind es die spuren des fortschritts?
meine wünsche sind einfach.
einfach unerfüllbar?

ja, sagen meine feinde.

die sekretärinnen sind am leben.
die müllkutscher wissen von nichts.
die forscher gehen ihren forschungen nach.
die esser essen. Gut so.

indessen frage ich mich:
ist morgen auch noch ein tag?
ist dies bett eine bahre?
hat einer recht, oder nicht?

ist es erlaubt, auch an den zweifeln zu zweifeln?
nein, euern ratschlag, mich aufzuhängen,
so gut er gemeint ist, ich werde ihn nicht befolgen.
morgen ist auch noch ein tag (wirklich?),
die augen aufzuschlagen und zu erblicken:
etwas gutes, zu sagen: ich habe unrecht behalten.

süßer tag, an dem das selbstverständliche
sich von selber versteht, im großen und ganzen!
was ein triumph, kassandra,
eine zukunft zu schmecken, die dich widerlegte!
etwas neues, das gut wäre.
(das gute alte kennen wir schon…)

ich höre aufmerksam meinen feinden zu.
wer sind meine feinde?
die schwarzen nennen mich weiß,
die weißen nennen mich schwarz.
das höre ich gern. es könnte bedeuten:
ich bin auf dem richtigen weg.
(gibt es einen richtigen weg?)

ich beklage mich nicht. ich beklage die,
denen mein zweifel gleichgültig ist.
die haben andere sorgen.

meine feinde setzen mich in erstaunen.
sie meinen es gut mit mir.
dem wäre alles verziehen, der sich abfände
mit sich und mit ihnen.

ein wenig vergeßlichkeit macht schon beliebt.
ein einziges amen,
gleichgültig auf welches credo,
und ich säße gemütlich bei ihnen
und könnte das zeitliche segnen,
mich aufhängen, im großen und ganzen,
getrost, und versöhnt, ohne zweifel,
mit aller welt. 

(zitiert nach: Universität des Saarlandes, Gedicht des Monats)

philosophische Streifrage, Schnipsel von Susanne Haun

 

 

 

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About gkazakou

Humanwissenschaftlerin (Dr. phil). Schwerpunkte Bildende Kunst und Kreative Therapien. In diesem Blog stelle ich meine "Legearbeiten" (seit Dezember 2015) vor und erläutere, hoffentlich kurzweilig, die Bezüge zum laufenden griechischen Drama und zur Mythologie.
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14 Responses to 112 Stufen, 65: Zweifel (Aristoteles, Johannes Buridan und Hans Magnus Enzensberger)

  1. Der Zweifler, der seine eigene Existenz in Frage stellt: muss der nicht glauben, dass er z.B. nur der Traum eines Anderen ist und damit eine Gewissheit in einer anderen Form der Existenz ist? Mit einer Funktion, die dem ihn träumenden nützlich oder unterstellt ist? Aber wäre dann Funktion nicht gleichbedeutend mit einer Sinnhaftigkeit, d.h. also doch Existenz? Und ist Existenz nicht immer mit Bewusstsein verbunden, zumindest für ein denkendes Selbst? Und könnte der Geträumte überhaupt über Existenz nachdenken und wie sollte er sich dann wiederum selbst in Frage stellen?

    Puh, liebe Gerda. Ich glaube mir steht noch ein langer Abend bevor, denn das Thema klebt sich jetzt bei mir fest.

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  2. Der Perser band seinen Esel zwischen zwei Heuhaufen an. Buridan fand ihn und nickte Aristoteles verständig zu. Man war sich einig. Bis ein Naturforscher neuerer Zeit Kameras installierte und beobachten konnte, dass der Esel einfach seinen Platz verließ, dabei geschickt, wie Esel sind, aus seinem Halfter schlüpfte, und ins nahe Distelfeld ging.
    Dort fraß er sich nicht nur satt, sondern begegnete auch einer Eselin, die es ihm gleichtat. Nach einigen harmlosen Spielereien, Huftritten und dergleichen war es so weit, man trennte sich. Und später kam das Eselsfohlen zum Eselsvater und löste ihn ab. So überstand der Esel die Jahrhunderte.

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    • Avatar von gkazakou gkazakou sagt:

      Der Esel hat auf jeden Fall die seiner Spezies angemessene Lösung des Dilemmas gefunden.

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      • Ich trau den grauen Gesellen einiges zu. Auf einem Pferdehof – es waren auch Ponys da, die bekanntlich auch eine gewisse Neigung zum Schabernack haben – war es immer der Esel, der das Gatter öffnete. Wir haben ihn dabei beobachtet. Es war für ihn nicht einfach, aber er bekam es hin. – Der, verhungert? Das müßte schon schwieriger gewesen sein als die Wahl zwischen Heu und Heu!

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      • Avatar von gkazakou gkazakou sagt:

        Der Esel ist auf der sicheren Seite: sofern es überhaupt Heu gibt, wird er es finden und fressen.

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  3. Das lange Gedicht von Hans Magnus Enzensberger sprach mich zu Beginn an, und ich beschloß, es abzuschreiben, in mein Tagebuch. Da steht es nun. Aber der anfängliche Schwung ist dahin, die anfänglich Hoffnung versteckte sich hinter einer düsteren Wolke oder einem dunklen Vorhang.
    Soll es da für alle Zeit bleiben und die Menschen verunsichern und entmutigen?
    Ich bin der Meinung, daß ein kräftiger Sturm hilft, erneut über alles nachzudenken, um das Gedicht neu zu schreiben.
    Oder noch besser: Nichts mehr denken und schreiben, sondern einfach GUTES tun, aus dem frischen Impuls des Herzens heraus, und nicht mehr am endlosen Fäden der Tradition.

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    • Avatar von gkazakou gkazakou sagt:

      Ich meine, liebe Gisela, es sei kein Widerspruch, sich in der Geistesgeschichte umzusehen, durch die wir geprägt wurden, oder aus dem Herzen heraus zu handeln. Das eine schließt das andere nicht aus.

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    • Avatar von gkazakou gkazakou sagt:

      auch dies hatte ich kommentiert, sehe aber keinen Kommentar. Also kurz: Denken und Tun sind für mich keine Alternativen. Es stimmt zwar, dass allzu viel Zweifel das Handeln verhindern kann, aber entweder-oder ist dennoch nicht am Platze. Beides ist nötig.

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  4. Gut, wenn Du das so siehst, widerspreche ich Dir nicht, Gerda.

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  5. Kluger Enzensbeger, schlitzohriger, schlauer Esel, dem es gelingt, sich ohne jeglichen Schaden an Leib und Seele aus der seltsamen Situation zu befreien, auszubüxen und außerdem auch noch Spaß zu haben 🙂

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  6. Nach dem Urlaub lese ich mich gerade durch Deine verpassten Blogeinträge – da soll mir nichts entgehen! – , daher kommt dieser Kommentar etwas verspätet.

    Zweierlei:

    Erstens finde ich, dass Du zu sehr die negative Seite des Zweifels betonst, und die positive vernachlässigst. Ich vermisse in den letzten Jahren die Bereitschaft zum Zweifeln. Denken wir nur an die Coronapandemie, als es offiziell verboten war, an der „wissenschaftlichen Wahrheit“ (das Paradoxon hat kaum jemand erkannt) zu zweifeln. Dabei ist Zweifel eines der beiden Beine der Wissenschaft (das andere ist die – ebenso verpönte – Debatte.).

    Gewiss: Zweifel ist nicht konstruktiv. Er bietet keine Gewissheiten, sondern zerstört sie. Das aber kann auch eine Befreiung sein, oder jedenfalls ein Angebot der Freiheit. Wer bereit ist zu zweifeln, ist auch bereit, andere Möglichkeiten zuzulassen. Und er wird vielleicht weniger erschüttert, wenn scheinbare Gewissheiten zerbröckeln.

    Und zweitens erinnerten mich Deine einleitenden Worte an das Gedicht vom „unnützen Leben des Jonathan Gilb“ von Michael Ende. Ich finde es leider nicht im Netz, aber hier in einem etwas holprigen Vortrag:

    (Der Versuch, den Videolink einzufügen, funktioniert bislang nicht. Ich sende den Kommentar jetzt trotzdem ab. Vielleicht erscheint das Video dann trotzdem. Falls nicht: https://vimeo.com/272112857)

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    • Avatar von gkazakou gkazakou sagt:

      Ich danke dir, Schwarzer Kater, für deine zutreffenden Bemerkungen. Ich bin eine eingefleischte Zweiflerin, so sehr, dass ich sogar mein Zweifeln gelegentlich bezweifele und fast verzweifle. Manchmal gelingt mir dennoch der Sprung in die Gewissheit, so hinsichtlich der Zweifler, die gewiss die besseren Argumente hatten …

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