Diese Damen haben ihr Haar ordentlich unter einer Haube verborgen und die Augen niedergeschlagen. Jetzt dürfen wir sie betrachten, ohne dass die Gefahr besteht, dass sie zurückschauen. Also betrachten wir sie. Und was sehen wir? Nichts. Weiße verschlossene Gesichter. Brav, tugendhaft, glatt vermeiden sie jeden persönlichen Ausdruck, der als Initiative gedeutet werden könnte. Sie sind Erwartende, schlafende Prinzessinnen, und ein Mund wird ihnen erst erblühen, wenn ein Prinz mit dem Herrn Vater eine ordentliche Mitgift ausgehandelt hat.
So sollt ihr sein, ihr Mädchen und Frauen! Die Haube darf nur der Angetraute lüften, er wird das Haar fließen sehen – oder ist es kurz geschoren? Er wird einen Mund erschaffen, um ihn zu küssen. Wird der Mund dann auch reden? Kusch! Halts Maul!
O nein! Das Maul werden sie nicht halten, wenn sie erst entbunden sind. Sie werden ihre Augen aufreißen, funkelnd von Leben und Leidenschaft, von Gier und Schadenfreude! Ihre Männer werden nach ihrer Pfeife tanzen. Sie werden zischeln und raunen und keifen und tratschen was das Zeug hält. Und sich den Mund zerreißen über die, die unbehütet mit wilden Locken durchs Leben rennen. Hochmütig schauen sie auf die, die meinen, sich selbst helfen zu können. Sie sind die Herrinnen im Haus. Es ist ja so einfach, den Schein des Gehorsams zu wahren. Jouer le jeu de l’inferiositέ / das Spiel der Unterlegenheit spielen, das sei der Trick, um jeden Mann um den Finger zu wickeln – so riet mir einst eine nicht schöne, sehr erfahrene Französin, und nun, 65 Jahre danach, fiel es mir eben wieder ein.
Ihre ordentlich gescheitelten Köpfe, die langsam ergrauen, gestaltete der belgische Künstler Martin Margiela. Ich sah sie im April 2024 in der Galerie Bernier-Eliades.

Ein wenig gruselte es mich bei ihrem Anblick.

Dies ist mein erster Beitrag zu Myriades neuer Runde der „Impulswerkstatt Mai-Juni“, Bild drei.
Oho, das ist aber schnell gegangen! Das Bild der Frauen, die durch Getratsche und Gekeife herrschen gefällt mir nicht so gut, aber zweifellos gibt es diesen Typus. Wenn Frauen aber doch glücklicherweise in manchen geografischen Breiten und manchen Kulturen auch viele andere Möglichkeiten haben als in der Rolle von keifend-braven Weibchen die Welt vorbeiziehen zu lassen. Ziemlich schaurig diese gescheitelten Köpfe in farblichen Abstimmungen und ziemlich eindrucksvoll wie schnell du die Bilder von dieser Ausstellung zur Hand hattest !
Danke für den ersten Beitrag der neuen Runde!
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Da ist dein Kommentar, Myriade! Sicher gibt es auch andere Möglichkeiten….. doch als ich diese gleichförmigen leeren Gesichter der Puppen sah, fielen mir eben diese Sätze ein. Und die Haarkugeln passen eben sehr gut zu diesen meinen Gedanken.
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Mein Kommentar ist wohl schon wieder einmal im spam gelandet 😦
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Schön gewickelte Wollknäule sehe ich, aber keine Kopfbedeckungen. Das Feld ist schwarz.
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Vielleicht siehst du es jetzt?
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*Es ist ja so einfach, den Schein des Gehorsams zu wahren*
Der Schein des Gehorsams läßt mich schlucken
Die Gedanken sieht ja keiner…
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Tja. Ich war, als ich das damals, kaum 20 Jahre alt, hörte, ziemlich erschüttert. Wenn das der Preis für eine gute Position als Frau und eine glückliche Ehe ist, so bin ich nicht bereit, ihn zu bezahlen, das wusste ich. Niemals!
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Ich kann es mir auch nicht vorstellen, Gerda
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Sehr gelungen, liebe Gerda!
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Danke Marion!
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Nein, Gerda, es ist immer noch schwarz.
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Da nur der Prinz die Wahl hat – welches leere Gesicht wird er wählen? Richtet er sich nach der Farbe der Bedeckung? Läßt er sich überraschen? Probiert er alle durch? Errichtet er sich einen Harem?
Es könnte sein, dass er aus Versehen oder Verblendung die Köpfe abgeschlagen hat, eine Hydra sah, und den Drachen mit in sein Schloß nahm. Der von ihm gleich Frau Ilsebill aus dem Essigkrug immer noch mehr fordert und die Welt ausbluten läßt. Gierig ist, wie es Drachen nun einmal sind.
Sollten wir die Köpfe rechtzeitig anstupsen, aufwecken, damit sie ihren Prinzen begutachten, verwerfen oder wählen?
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Spannend, was so ein Blick auf ein Foto alles anstoßen kann, gell. Ich hab’s mir auf Ideensuche auch lang angeschaut und bin dabei in ’ne ganz andere Richtung abgedriftet – eher still, beobachtend, wie so Köpfe, die alles sehen, aber nix sagen. Gefällt mir, was du draus gemacht hast.
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Lieben Dank! Ja, das ist das Schöne an solchen Bild-Impulsen: sie lassen sich in ganz verschiedene Richtungen deuten.
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