Lesen und Erinnern: „Der Freund und der Fremde“

Zur Siesta geh ich an heißen Tagen hinunter ins Atelier, wo es am kühlsten ist. Ein paar Seiten lese ich da gern, bevor mich der Schlaf mit sich nimmt. Mein Blick gleitet an den Titeln am Regal entlang und bleibt an „Der Freund und der Fremde“ hängen. Von Uwe Timm. Kiepenheuer & Witsch 2005.

Die paar Seiten werden dann doch ein paar Seiten mehr, der Mittagsschlaf fällt aus. Denn während ich lese, tauchen Erinnerungen an die 60er Jahre auf, in denen sich etwas in Deutschland vorbereitete, das dann am 2. Juni 1967 schockartig ins Bewusstsein trat: Ein junger Mann, der den schönen Namen Ohnesorg trug, wurde bei einer Demonstration in Berlin erschossen, als er mit anderen gegen den Besuch des Schah protestierte. Dieser Mord und seine Vertuschung durch Polizei, Senat und Gerichte wurden zum Auslöser der später so genannten „Studentenrevolte“ der „68er-Generation“. „Sein Todestag gilt als Einschnitt der westdeutschen Nachkriegsgeschichte mit weitreichenden gesellschaftspolitischen Folgen.“ (Wikipedia)

Uwe Timm (Jg 1940) war Benno Ohnesorgs Freund geworden, als sie beide sich 1960 am Braunschweiger Kolleg einschrieben, um das Abitur nachzumachen. Denn ohne Abitur waren einem die Welt der Wissenschaft, der Kunst und Literatur, der „höheren Lebensäußerungen des Menschen“ im allgemeinen verschlossen. So jedenfalls erlebten es die, die durch die Umstände an einer höheren Schulbildung gehindert wurden und ihr Leben mit „minderen Arbeiten“ fristeten. (Timm hatte das Kürschnern, Ohnesorg die Schaufensterdekoration gelernt).

Timm (der später über Camus promoviert wurde) webt aus Versatzstücken von erinnerten Tagesereignissen, Selbsterlebtem und Literatur einen Kokon, in dem die beiden jungen Männer lebten und sich entwickelten – und in dem auch ich lebte. Natürlich waren meine Voraussetzungen nicht genau dieselben, aber vieles von dem, was sie bewegte, bewegte auch mich. Nur war ich einerseits „näher dran“, da ich als AStA-Mitglied in der Studentenpolitik der Freien Universität Berlin aktiv war, andererseits aber auch weiter weg, da ich mich kurz vor dem Mord an Ohnesorg von Berlin verabschiedet hatte und mich an all dem, was dann in Deutschland geschah, nur noch peripher beteiligte. Denn anderswo überstürzten sich die Ereignisse: Im April 1967 hatte das griechische Militär im Einvernehmen mit den USA die Demokratie beseitigt, um das Land in der NATO zu halten (April 1967), und wenig später, am 5. Juni 1967 begann der sogenannte Sechstagekrieg zwischen Israel, Ägypten, Syrien und Jordanien, der die Machtverhältnisse und Grenzen im Nahen Osten grundlegend veränderte.

Als Uwe Timm im Jahr 2005 versucht, die Zeit seiner Freundschaft mit Benno Ohnesorg aufzuarbeiten, sind fast vierzig Jahre seit dessen Tod vergangen. Heute sind es fast sechzig Jahre. Wen, außer uns paar Überlebenden, interessiert noch, was damals geschah? Wer versteht noch, was uns, die im Krieg geborene und in den bleiernen Nachkriegsjahren herangewachsene Generation, umtrieb? Und hat das, was sich in der Folge daraus entwickelte und heute in Berlin regiert, noch etwas zu tun mit dem, was wir damals in Gang zu setzen versuchten? Und wenn ja, was?

Timm formuliert das Resultat seiner Überlegungen so: „Kaum noch nachzuvollziehen ist heute, mit welchem Ernst, mit welcher Hingabe einmal die revolutionäre Theorie diskutiert wurde, eben aus diesem, wie Marx schreibt, kategorischen Imperativ heraus, … alle Verhältnisse umzuwerfen, in denen der Mensch ein erniedrigtes, ein geknechtetes, ein verlassenes, ein verächtliches Wesen ist. – Der Versuch, die Verhältnisse zu verändern, (…) auf die Tat drängend, was so wichtig für mich und viele andere Studenten in der Revolte wurde.“ (S. 159)

Es ging um „ein praktisches auf Veränderung zielendes Philosophieren, das von einer Welt ohne Transzendenz ausgehend um so mehr auf den Anspruch eines Glücks im Diesseits für alle insistiert.“ (ebd, S. 159)

In unzähligen Debatten über den richtigen Weg zu einer glücklichen friedlichen Menschheit zerstritten sich die Weltverbesserer-in-spe sehr bald und vergaßen, was ihre Hauptautorität, Karl Marx, in schöner Klarheit formuliert hatte: „Die Theorie wird in einem Volke immer nur so weit verwirklicht, als sie die Verwirklichung ihrer Bedürfnisse ist.“  (Zitiert nach Timm, S. 161)

Merkwürdig ist es für mich, dass ich ein paar Tage zuvor die ins Deutsche übertragenen „Tagebücher“ des jungen Albert Camus aus dem Regal gegriffen hatte. Die hatte mein Mann, damals noch kaum des Deutschen mächtig, als junger Gastarbeiter erworben und mit vielen Anstreichungen versehen.  „Keine Selbsttäuschung, keine Kompromisse, keine verschwiemelte Sinngebung, das gefiel uns, ihm, mir und vielen anderen an den Büchern von Camus. Eine Lektüre, die in dem Alter der Selbstfindung ihre Kraft entfaltet“, schreibt Uwe Timm (S. 64). Viele meiner Generation haben sich anscheinend von Camus inspirieren lassen, um das Nichts zu füllen, das wir nach dem fürchterlichen Krieg und den nicht ausdenkbaren „im Namen des Volkes“ verübten Verbrechen empfanden.  „Die Welt ist wie sie ist. Eine Tautologie, aber eine, die das Gleichgewicht angibt. Die Welt ist ohne Transzendenz. Es gibt keine Schöpfung, darum keine Geschöpfe. Das Leben, zufällig und in seinem Sinn nicht deutbar, das ist alles“. (S. 66)

Mersault (in Camus, Der Fremde) streckt einen Araber am Strand mit fünf Schüssen nieder, weil er das Aufblitzen einer Messerklinge gesehen zu haben meint. Er fühlt keinerlei Schuld. Keine Empathie. Nichts. Auch der Polizist in Zivil Karl-Heinz Kurras, der Benno Ohnesorg erschoss, will das Aufblitzen eines Messers gesehen haben. „Erwiesen ist seit 2011, dass er auf Ohnesorg ohne Auftrag, unbedrängt und wahrscheinlich gezielt geschossen hat. Eine neue Anklage blieb mangels Beweisen aus.“ (Wikipedia)

Und heute? Von wem, wovon lassen sich heute die jungen Menschen inspirieren angesichts einer zufälligen „Welt ohne Transzendenz“,  ohne Sinn und Empathie, aber voll von Bedrohungen und Grausamkeiten?

 

 

 

 

 

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About gkazakou

Humanwissenschaftlerin (Dr. phil). Schwerpunkte Bildende Kunst und Kreative Therapien. In diesem Blog stelle ich meine "Legearbeiten" (seit Dezember 2015) vor und erläutere, hoffentlich kurzweilig, die Bezüge zum laufenden griechischen Drama und zur Mythologie.
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12 Responses to Lesen und Erinnern: „Der Freund und der Fremde“

  1. Avatar von Lopadistory Lopadistory sagt:

    Das Internet hat die Inspiration übernommen. Liebe Grüße aus der Sommerfrische.☀️

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  2. Kürzlich im Studium lernte ich über Ohnesorg und die Studentenbewegungen: “Unter den Talaren: Muff von Tausend Jahren!”

    Ich gebe Lore zu 100% Recht: Das Internet hat die Inspiration übernommen.

    Liebe Grüße, Eva

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  3. Liebe Gerda!
    Dein Beitrag bewegt mich, auch deswegen, weil er mal wieder, Gott sei dank, einen Blick in die Zeit wirft, die so prägend für mich war, und ich mich frage, ob es gelungen ist, den Bogen von damals bis ins Jetzt zu schlagen. Dieses ständige nach hinten schauen mag ich eigentlich nicht, aber ich weiss auch, dass das Heute oder das Morgen ohne das Gestern nichts ist.
    Liebe Grüße, Jürgen

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  4. Avatar von Unbekannt Anonymous sagt:

    Benno Ohnesorg, Rudi Dutschke, RAF, das Kursbuch gehörte zur Lektüre, Vietnam, Commune 1, Hippiebewegung, Woodstock, Träume von Auswandern und Selbstversorgung, Emanzipation der Frau, sexuelle Befreiung, Summerhill und antiautoritäre Erziehung aber auch Suche nach Sinn und Transzendenz im fernen Osten… Für jeden war etwas dabei…

     „Die Theorie wird in einem Volke immer nur so weit verwirklicht, als sie die Verwirklichung ihrer Bedürfnisse ist.“ Irgendwie war mir das klar. Ich glaubte nicht an Revolution im Wirtschaftswunderland. Aber der Strudel des Aufbegehrens hatte auch mich erfasst. Antiatomkraftdemonstrationen und Berufsverbote… Wozu das Studium beenden… ich passte nicht ins System…

    Ein ganz besonderes Zeitfenster war offen in jener Zeit. Als es sich wieder schloss wurden viele der neuen Ideen aufgegriffen, entzaubert und vermarktet.

    Klimakleber oder „gib Gas… hab Spass…“, die Avantgarde der neuen Generation… Grösser, schneller, höher, geiler… und genau wie früher, all die vielen Angepassten, die für ein Leben in Ruhe, Wohlstand und Unterhaltung leben.

    Es ist, wie es ist… und wenn die Zeiten rauer werden, werden neue Theorien auf neuen fruchtbaren Boden fallen…

    Jetzt habe ich aber genug geschwurbelt…

    Erinnerungsgrüße von Leela

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  5. Auswertungen von Unterlagen der Stasi haben nachgewiesen, daß jener Polizist im Auftrag der Stasi gehandelt hat. Ziel war, die Spaltung der deutschen Gesellschaft voranzutreiben. Ist gelungen, würd ich mal sagen.

    Warum ist es so, dass die Generation der 68er z. Zt. das Bedürfnis verspürt, einen, zumeist wehmütigen, Rückblick auf ihre Jugendzeit zu werfen? Siehe zB. von Paul Auster „4321“, sein letztes Buch.

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    • Avatar von gkazakou gkazakou sagt:

      das was du zu Kurras sagst, ist richtig, wurde aber erst nach 2000 bekannt. Die Tat selbst fand ja schon 1967 statt. Was die Studenten damals am meisten aufbrachte, war, so meine ich, nicht Ohnesorgs Tod, sondern das Vertuschen durch die Behörden und der Freispruch des Täters durch die Justiz.
      Mir selbst liegt es fern, meine Erfahrungen während meiner Studienjahre zu romantisieren. Andere tun das vielleicht, genauso wie manche dazu neigen, ihre Kindheit zu romantisieren. Es waren sehr intensive, erfahrungsreiche Jahre, aber gute Zeiten waren es nicht – genauso wenig
      wie die heutigen.

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      • Ja, Gerda stimmt, und das ist ja gerade das Irre: alle, auf beiden Seiten, sind verar… worden, bzw. haben sich manipulieren lassen!
        Und heute ist der FSB eifrig dabei, selbiges weiterzuführen. Weiss noch, wie ich nach dem Fall der Mauer in die ehemalige DDR kam, und, ganz im Sinne einer aufgeklärt-um-Verständigung-bemühten Westdeutschen zu Kollegen meinte, es sei ja nicht alles schlecht gewesen in der DDR, u.a. habe man ja m Gegensatz zur BRD Lebensmittel, wie in der Schweiz, jodiert, um Kröpf ə zu vermeiden. Daraufhin wurde ich mitleidsvoll belächelt: diese naive Wessi, die so ne platte DDR-Propaganda geglaubt hat… :-)))

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  6. Wann immer ich in die Innenstadt Hannovers fahre, überquere ich die Ihme auf der Benno-Ohnesorg-Brücke. Schon sind die Zeitzeugen in der Minderheit, die mit dem Namensgeber etwas anfangen können. Mein Studium begann ich nach den Unruhen von 1968. Habe immer bedauert, dass der revolutionäre Geist, von dem du schreibst, in den 1970-ern weitgehend erloschen war.

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    • Avatar von gkazakou gkazakou sagt:

      Ja, es bildeten sich sehr schnell Gruppen und Grüppchen, der Worte wurden viele gewechselt, die Verkehrsformen zwischen den Studierenden und den Lehrenden änderten sich, oberflächlich gab es einen Modernisierungsschub auch in der Gesellschaft, aber an den Grundstrukturen der Republik änderte sich wohl nicht sehr viel.

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  7. Avatar von Peter Klopp Peter Klopp sagt:

    Die Theorie wird in einem Volke immer nur so weit verwirklicht, als sie die Verwirklichung ihrer Bedürfnisse ist.

    Dieses Zitat hat nach so vielen Jahren nicht seine Gültigkeit verloren. Die Bedürfnisse in der modernen westlichen Welt sind verwirklicht. Jetzt demonstriert man, weil es Spass macht.

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