Tagebuch der Lustbarkeiten: Tröstlicher Gemüsegarten (*Αnm. : Weltereignisse, Triggerwarnung)

Wenn die Weltereignisse allzu schlimm sind*, ist ein Gemüsegarten ein großer Trost. Das erfahre ich nun erstmals, denn bisher hatte ich keinen. Seit der Anlage einer Pflanzschule am 29. März – also seit grad mal zweieinhalb Monaten – sind aus den in Plastiktöpfen versenkten Samen prachtvolle Pflanzen geworden. Die Tomaten gedeihen besonders gut, doch auch der Kürbis, der Mais und so manches andere Gemüse sind fabelhaft vorangekommen.

Ich weiß schon, für euch gewieften Gemüseanbauer ist das gar nichts, und die Fotos sind auch nicht besonders. Für mich aber ist es eine spannende Ersterfahrung. Denn zwar habe ich schon dann und wann versucht, Tomatenpflänzlein groß zu ziehen, aber es gelang nie, weil alles vertrocknete. Jetzt, mit der Gießanlage, fürchte ich keine Abwesenheiten mehr.

Ein ebenfalls aus Christinas Samen hervorgegangenes Blümchen (links) und ein im Topf hier eingetroffenes (rechts) lassen die ersten Blüten sehen.  Nichts Aufsehenerregendes – oder vielleicht doch? Mich entzückten sie, als ich sie heute morgen – die Sonne war grad aufgegangen – erblickte-

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* Vielleicht haben euch die Nachrichten vom Untergang eines Schiffes, vollgepackt mit Migranten, hier um die Ecke, 40 sm vor Pylos (internationales Gewässer), erreicht. Mich erreichten sie gestern Abend, und so wurde es nichts mit einem gesunden Schlaf.  Hundertdrei Männer und eine Frau  konnten durch Großeinsatz von Militär, Küstenwache und privaten Helferschiffen gerettet werden, darunter sind nach Auskunft der Schiffbrüchigen 7 Menschenschmuggler. 78 Leichen konnten bisher geborgen werden. Die anderen etwa fünfhundert? Sie kamen aus Tombruk in Ost-Libyen. Im Bauch des Fischkutters, in dem sonst der Fischfang transportiert wird, waren die Frauen und Kinder untergebracht. Vier Tage und Nächte waren sie unterwegs. Hatten den Verbrechern, die solche Höllenfahrten organisieren, pro Kopf 6500 E bezahlt.  Frontex wusste von dem Schiff, machte unterwegs auch Fotos. Schritten sie ein? Natürlich nicht.

Vor Malta nahm das Schiff Wasser und Nahrung auf. Dann, immer noch in internationalen Gewässern, boten griechische Frachter Hilfe an, die abgelehnt wurde. Man wollte nach Italien. Aber daraus wurde nichts. Mitten in der Nacht fiel der Motor aus, Panik brach aus, das Schiff kenterte und versank. Die Suchaktion mit Schiffen und Helikoptern, auch mit einer Fregatte begann sofort. Niemand auf dem Schiff trug Schwimmweste. Die meisten konnten nicht schwimmen. Aus dem Bauch des Schiffes war eh kein Entkommen. Die Frauen und Kinder sind alle tot. Das Meer ist dort sehr tief, die Bergung des Schiffes dürfte schwierig bis unmöglich sein.

Die griechische Staatspräsidentin eilte bestürzt nach Kalamata, die Übergangsregierung (zwischen zwei Nationalwahlen) verhängte drei Tage Staatstrauer. Eine genaue gerichtliche Untersuchung der Umstände ist angeordnet. Die Linke fordert offene Grenzen. Klar, kann man fordern. Aber kann man auch die Folgen bewältigen?

Über das eigentliche Problem spricht man nicht: den kriminellen Handel mit Hoffnungen, die fast immer unerfüllbar sind. Die geretteten Schiffbrüchigen kommen vor allem aus Ägypten, Syrien und Pakistan.  Es sind keine Flüchtlinge im klassischen Sinne. Sie werden  bei nächster Gelegenheit per gescharteten Pulmans ins Auffanglager Malakassa verfrachtet, wo  sie ihre Asylanträge stellen können. Die Wahrscheinlichkeit, dass sie positiv beschieden werden, ist minimal.

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About gkazakou

Humanwissenschaftlerin (Dr. phil). Schwerpunkte Bildende Kunst und Kreative Therapien. In diesem Blog stelle ich meine "Legearbeiten" (seit Dezember 2015) vor und erläutere, hoffentlich kurzweilig, die Bezüge zum laufenden griechischen Drama und zur Mythologie.
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20 Responses to Tagebuch der Lustbarkeiten: Tröstlicher Gemüsegarten (*Αnm. : Weltereignisse, Triggerwarnung)

  1. Ich hatte auch noch nie einen Gemüsegarten – merkt man das?

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  2. Danke für Deinen Bericht, Gerda. Wenn man von dem “ Schiffsunglück“ erfahren hat, vergißt man fast Deine Erfolge im Gemüsegarten. Ach, wie relativ ist alles. Hier im Urlaub an der Ostsee sind wir gerade so glücklich, bleiben aber nicht unberührt von dem Leiden andernorts.

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    • Avatar von gkazakou gkazakou sagt:

      Seid ihr noch an der Ostsee? Sehr schön! Habt gute Tage! Das Leid ist ja überall, diesmal quasi vor unserer Haustür. Man kann es kaum lindern, geschweige denn aufhalten.

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      • Wir sind noch hier und sprachen über das Unglück…., aber auch über Hoffnungsvolles: Wie man dort helfen kann, woher die Flüchtenden kommen. So wunderbare Ideen keimen schon, werden erprobt…

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  3. Liebe Gerda,
    ich habe den Eindruck, dass sich kaum mehr einer mit dem Thema beschaffen. Solange das Problem, ob man samstags zum Grillfest nun Nudelsalat oder Tomate-Mozzarella mitbringen soll, eine höhere Gewichtung hat, als die Menschen, die aus Not fliehen und vor unseren Augen ertrinken, wird sich nichts ändern. Jeder Mensch, der auf diese Weise stirbt, ist einer zu viel! Nur, wenn die Stimmen des Volkes laut genug werden, ändert sich etwas. Dazu brauchen wir auch die Presse: Doch wie oft schafft ein solches Unglück es noch auf die Titelseite? Ach, es ist verfahren. Zu viele EU-Länder werden dazu mit der Problematik alleine gelassen.
    Es bleibt nur ein frommer Wunsch: Dass sich etwas ändert, zum Guten. Dass es keine Pushbacks mehr gibt und die Menschen von der libyschen Küstenwache abgeschleppt und gefoltert werden. Dass EU-Staaten in ihrer Not aufhören, der libyschen Küstenwache Schiffe zu überlassen. Dass die Menschen gar keinen Grund mehr zur Flucht haben, weil sie in ihrer Heimat die Bedingungen finden, die sie zu einem guten, lebenswürdigen Leben brauchen.
    Viele Grüße, Eva

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    • Avatar von gkazakou gkazakou sagt:

      Herzlichen Dank, Eva! der letzte ist der beste, der eigentliche Wunsch. Dass es so viele Menschen gibt, die es vorziehen oder sich gezwungen sehen, ihr Land, ihre Heimat unter so erbärmlichen, gefährlichen Bedingungen zu verlassen, ist der eigentliche Skandal. Dass Libyen so schlimm zerstört wurde, dass nun die Banden herrschen, die sich am menschlichen Elend bereichern (und nicht nur sie, denn die Fluchtrouten sind mit Verbrechen aller Art gepflastert) ist der zweite Skandal. Die Art, wie diese Flucht dann mit Seelenverkäufern durchgeführt wird, ist der dritte Skandal. Die Pushbacks, zu denen die Anrainerländer des Mittelmeers gelegentlich greifen, weil sie nicht noch mehr Zuwanderer aus zerrütteten Weltgegenden ertragen können unddas Schengensystem ihnen die Verantwortung zuweist, sind wirklich nur das allerletzte Glied des gesamten Skandals.

      Aus Hilflosigkeit, weil man das eigentlich Skandalöse nicht ändern kann, regt man sich dann auf über die Pushbacks oder die miesen Zustände und Gewalttätigkeit in den Auffanglagern oder die langen Asylverfahren oder die Ausbeutung der Flüchtlinge oder das Verschwinden der Kinder (ein riesiges Thema!) … und weint und verhängt Staatstrauer, wenn das geschieht, was unausweichlich geschehen wird: immer mehr Ertrunkene oder sonst auf der Flucht Umgekommene.
      Wenn ich an die ungeheuren Summen denke, die gerade für Waffen locker gemacht werden, anstatt den von Krisen betroffenen Ländern zu helfen (Ägypten, Pakistan, Syrien sind die Heimatländer dieser Schiffbrüchigen!)…, wenn ich daran denke, dass überall Konflikte geschürt und mit schwerem Gerät (oder auch mit Handwaffen) nicht zuletzt aus deutscher Manufaktur ausgefochten werden…, wenn ich daran denke, dass ganze Weltregionen zerstört werden, um an ihre Bodenschätze zu gelangen …., dann graust es mich. Was bleibt, ist die bittere Klage um die Menschen, die offenbar in Kenntnis der Gefahren diesen Weg genommen haben und die das Meer verschlungen hat. Ja, jeder ist einer zu viel.

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      • Avatar von Die Rückkehr der Liebesgöttin lachmitmaren sagt:

        Da möchte ich gerne jeden deiner Sätze nochmal unterstreichen! Und frage mich mal wieder, ob die Menschheit das eigentlich Skandalöse nicht vielleicht doch ändern könnte? Wenn weniger die Menschen vor den eigentlichen Ursachen verschließen – und sehr viel mehr Menschen beginnen würden, genau hinzusehen, sich Ursachen anzuschauen, so wie Du es dankenswerterweise tust?!

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      • Avatar von Die Rückkehr der Liebesgöttin lachmitmaren sagt:

        Wenn weniger Menschen die Augen verschließen würden…, sollte es natürlich heißen.

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      • Avatar von Die Rückkehr der Liebesgöttin lachmitmaren sagt:

        Und zusätzlich wütend macht mich, dass die Frauen und Kinder im Bug eingepfercht waren, wo von vorneherein klar ist, dass im Fall eines Kenterns kaum Überlebenschancen bestehen.

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      • Avatar von gkazakou gkazakou sagt:

        Ich habe nun auch Einzelheiten erfahren. Denn einige in Europa lebende Anverwandte kamen und suchten verzweifelt nach Angehörigen. ZB einer, der für seine Frau und ihr gemeinsames kleines Kind den Tarif bezahlt hatte (Pakistani aus Deutschland), nicht ahnend, wie man mit den Menschen verfahren würde. Die Menschen kommen oft mit Flugtickets direkt nach Libyen in Erwartung der Überfahrt. Sie werden gewaltsam auf kleine Boote geladen, die sie zum größeren für diesen Zweck aus Eisenplatten zusammengeschusterten größeren Transporter bringen. Solche Schiffe sinken, wenn sie ein Leck haben, direkt auf den Grund. Die Frauen und Kinder wurden „aus Sicherheitsgründen“ in den Frachtraum gesperrt. Statt der angekündigten 300 wurden es fast 700, Verpflegung gab es nicht, Schwimmwesten auch nicht – im Grunde war es ein Todeskommando. Die Organisatoren hatten ihre Millionen kassiert, darauf kam es an. 9 Gerettete wurden als Schlepper angeklagt, einer hat gestanden, die anderen behaupten ihre Unschuld. Alles Ägypter.
        Ich habe früher mal die Geschichte der Auswanderung von Griechen nach Amerika nachgelesen, Anfang des 20. Jh, da gingen Werber über Land und versprachen den nichts Ahnenden Dörflern Gold auf den Straßen von NY, um sie dazu zu bewegen, sich Tickets für die damals gebauten Auswandererschiffe zu kaufen. Die Verwandtschaft kratzte das Geld zusammen, Land und Tiere wurden verkauft – und auf gings im Riesenbauch der Schiffe, in Quarantänelager und oft genug weiter in Krankheit und Elend, Verbrechen und Tod.
        Sehr anrührend war gestern, als ein aus England angereister Pakistani seinen geretteten 19jährigen Bruder durchs Gitter umarmte. Beide weinten. Der Kleine wurde dann nach Malakassa gebracht, wo dann das juristische Prozedere beginnt.

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      • Recht hast du, liebe Gerda. Ich sprach letztens mit dem Römer darüber: “Aber wo soll man anfangen? Die Staaten sind korrupt. Was würdest du denn tun?” Ich würde mir Experten suchen, ich würde keine Schuldigen suchen, sondern Ursachen. Denn, in dem Moment, so sagte es bereits Rosling, in dem man Schuldige sucht und findet, hört die Suche nach der eigentlichen Ursache auf und gerät in Vergessenheit. Es wird in Waffen, Panzer und allerhand schweren Gerät investiert, aber wir kann man den Ländern mit den meisten Flüchtlingen helfen? Oder ist das evtl. gar nicht das Ziel?
        Es ist verfahren, die Schlepperei ist ein Millionen oder Milliardenbusiness, und am Ende zahlen die Flüchtlinge doppelt: Mit all ihrem Ersparten und nicht selten mit ihrem Leben.

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  4. Avatar von Verwandlerin Verwandlerin sagt:

    Bei dir ist es der Gemüsegarten, bei meiner Mutter sind es die Rosen…

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  5. Avatar von Christiane Christiane sagt:

    Ich hab es gelesen/gehört, es hat (es klingt so salopp, aber es ist nicht so gemeint) mir die Laune gründlich verhagelt. Man möchte überhaupt nicht aufhören zu schreien und zu weinen vor Fassungslosigkeit.
    Und ich habe sofort an dich gedacht, Küstenbewohnerin, denn wenn das hier in der Nähe passieren würde – o Gott, ich wüsste nicht, was ich täte.
    Friedliche Abendgrüße an dich, ohne Gemüsegarten 🌅🌿🌼🍷🍪

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    • Avatar von gkazakou gkazakou sagt:

      Danke, Christiane! Wie es mir damit geht, ist ja nicht wichtig. Das Gefühl dee Ohnmacht hat sich längst generalisiert. Betrifft alle relevanten Tagesthemen. Seit dem Schock wegen der Covid-Maßnahmen, wo ich mich plötzlich entmündigt sah, worüber ich mich sehr aufregte und mich politisch und menschlich ganz heimatlos fühlte, hat meine Kritik, auch meine Anteilnahme am Geschick der Menschen keinen rechten Schwung mehr.
      Danke für die guten Wünsche.

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  6. Schrecklich, was ich im TV schon gehört und gesehen hatte, Gerda, und nun Deine näheren Erläuterungen dazu. Entsetzen pur. Wo ich hinsehe und hinhöre .
    Aus dem Elend von Menschen Geld machen. Wo bleibt da die Anständigkeit? Hat sie sich etwa schon lange versteckt? Oder gsb es sie nie?
    Die Waffenlieferungen von deutscher Seite in die Ukraine sind mir von Beginn an ein Greuel. Meiner Meinung hätten wir es nie machen dürfen, aber ich habe ja auch keine Ahnung von den Hintergründen…

    Dein Gemüsegarten ist ein sehr feiner. Ich hoffe, er tröstet Dich ein wenig

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  7. natürlich gilt das Sternchen nur für Dein Gemüse, da Drama ums Boot müßte zornig beweint werden…

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