V Der Hierophant (Legebild-Collagen)

Was ist denn eigentlich ein Hierophant? Ursprünglich gab es nur einen: den Oberpriester im Heiligtum von Eleusis. Diese Stellung war erblich, ging vom Stifter der Mysterien über an den Sohn, den Enkel… Von ca 1500 vor Chr. bis 392 n. Chr., als der christliche Kaiser Theodosius I die alten Kulte verbot und die heiligen Stätten durch die anstürmenden Goten (Alarich) zertrümmert wurden. Nur vage Erinnerungen und das Wort Hierophant überlebten die Zeiten.

Wörtlich heißt Hierophant „der das Heilige offenbart“, denn er unterwies die in die Mysterien Eingeweihten. Im Tarot wurde er zum Papa, Papst. Ich zog Wiki zu Rate, um eine neutrale Definition zu finden:  „Der Hierophant repräsentiert den Willen Gottes und dessen Auslegung auf der Erde. Im Tarot steht der Hierophant für Fragen nach dem Sinn und die Wahrheitssuche….Im Extrem können die Eigenschaften des Hierophanten bis hin zur Intoleranz oder gar Anmaßung reichen.“

Und so entschied ich mich für diese Figur, die behauptet, die ewigen Sinnfragen (?) durch göttliche Eingebung beantworten zu können, und sie nun mit Autorität und erhobenem Zeigefinger (!) der Menschheit verkündet.

Wie energisch – und ganz anders als die in sich versunkene Hohepriesterin – begegnet er der heranreitenden Kavalkade!!

Der Hierophant ist freilich auch eine Herausforderung für Magier und Medizinmänner, denn er stellt ihnen die strenge Frage: Was taugt dein angebliches Wissen? Dient es der Menschheit? Wem dient es sonst? Gib Acht, dass dich die Strafe Gottes nicht trifft!

O ja, er ist auch eine innere Instanz, die wir alle kennen und die uns oft genug quält: dass wir gut daran tun, all unser Tun und Trachten ins Licht des Ewigen zu rücken, in dem es sich bewähren muss, auch wenn wir selbst sterblich sind.

Hier sind die 6 ersten Spielkarten noch einmal im Zusammenhang zu sehen.

 

Über gkazakou

Humanwissenschaftlerin (Dr. phil). Schwerpunkte Bildende Kunst und Kreative Therapien. In diesem Blog stelle ich meine "Legearbeiten" (seit Dezember 2015) vor und erläutere, hoffentlich kurzweilig, die Bezüge zum laufenden griechischen Drama und zur Mythologie.
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14 Antworten zu V Der Hierophant (Legebild-Collagen)

  1. Gisela Benseler schreibt:

    das wird ja nun eine spannende Zusammenstellung. was da wohl noch alles passiert? die „Hohepriesterin“ jedenfalls, so meine ich, würde sich niemals so in den Vordergrund drängen und nicht dem Ritter in den Weg stellen. Nein, dieser Platz ist ihr nicht gemäß, natürlich auch nicht der auf dem Sattel. Wie werde sich nun die „Hohepriesterin“ und der Hierophant zueinander verhalten? ich fürchte, er wird sie gar nicht bemerken, zumal sie eine Frau ist. Daß sie in ihrer Art ähnliche Werte vertritt, also gleichsam ihn unterstützt, fällt ihm gar nicht auf. Er betrachtet sie höchstens als Nonne, die im Kloster ausführt, was er lehrt.

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  2. Ule Rolff schreibt:

    Je mehr Figuren du kreierst, Gerda, um so klarer tritt hervor, wie stark du durch deine Gestaltung die unterschiedlichen Charaktere herausarbeitest. Diese Reihe von Lebensprinzipien, die so farbenfroh und vielformig auftreten, zieht mich an, auch ohne dass ich mich je für Tarot interessiert hätte.
    Bleib gesund.

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    • gkazakou schreibt:

      Herzlichen Dank, Ule. Ich habe mich auch nie für Tarot wirklich interessiert – und tue es immer noch nicht., soweit das Spiel divinatorisch, also im Sinne der Vorhersage von Ereignissen benutzt wird. Aber als Vorlage für die Selbsterkundung ist es recht gut zu gebrauchen, man kommt sich auf die Schliche – und das hat, wenn man so will, auch Folgen für das, was einem wie begegnen wird. Außerdem gibt es wirklich sehr hübsche Kartensets, von Künstlern gestaltet. Bei Wiki sind einige abgebildet. Und Karten mag ich, mag das Mischen, das Gleiten der glatten Karten in den Händen, das Klick und klack, wenn sie auf der Tischplatte ausgelegt werden, die Überraschung des Aufdeckens, die Anregung, die das alles für die Nerven bedeutet.
      Danke für die guten Wünsche. Wenn ich krank werde, dann im Kopf – nicht wegen der Isolation, sondern wegen der Herausforderung, vernünftig zu finden, mein armes kleines Restleben zu schützen, während in der Welt weiter massenhaft gehungert und gestorben wird, aus Gründen, die mit dem Virus nichts zu tun haben. Liebe Grüße zu dir hin, Ule!

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  3. Mitzi Irsaj schreibt:

    Die Vorstellung der Figuren – Wort und Bild – bereitet mir große Freue. Zum einen sind sie einfach hübsch anzusehen. Aber das ist nur der oberflächliche und erste Eindruck. Bei bisher jeder habe ich recht lange nachgedacht, über das was diese Figur aussagt und wie sie mit den anderen interagiert.
    Außerdem empfinde ich es als wohltuend deine Meinung zu vielen verschiedenen Dingen in den Kommentaren hier zu lesen. Sie beruhigt mich und rückt mir manchmal den Kopf zurecht. Das ist gut.
    Liebe Grüße

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  4. Ulli schreibt:

    Schön, liebe Gerda und sehr treffend beschrieben!
    Ich habe übrigens das Tarot noch nie als zukunftsweisend begriffen, gerne als Spiegel für Jetzt und Hier. Trotzdem ziehe ich während der Rauhnächte eine Karte für einen kommenden Monat, was ja durchaus zukünftig ist und dann staune ich wie sich manches fügt, was ich mir im Augenblick des Ziehens und Auswertens oft gar nicht vorstellen kann.
    Herzliche Grüße
    Ulli

    Gefällt 2 Personen

    • gkazakou schreibt:

      Ja, so ist es wohl. Manche meinen ja, dies Divinatorische als Synchronizität (Jung) interpretieren zu können. Gleichzeitig treffen dsiese Bilder, Gedanken und Ereignisse in Erscheinung. Das mag manchmal wohl auch so sein. Ansonsten sind die Bilder so auslegungsfähig, dass sie immer auch Wirklichkeit erfassen, gegenwärtige und zukünftige. Mir macht das Spaß. Und in Zeiten, wo ich überhaupt keinen Gedanken fassen kann, ziehe ich manchmal eine Karte. Dann kommt etwas in Fluss.

      Gefällt 2 Personen

  5. Gisela Benseler schreibt:

    Es sind natürlich noch viele andere Gegenüberstellungen möglich, und ich denke schon darüber nach, wollte aber nicht zu viel auf einmal schreiben.

    Gefällt 1 Person

  6. www.wortbehagen.de.index.php schreibt:

    Eine neue interessante Figur, der Oberpriester, aber besonders sympatisch ist er mir nicht. Ihn tastet keiner an, er fühlt sich über allem stehend, also zeigt er sicherlich auch die Tendenz zur Arroganz. Wenigstens wäre es gut möglich, denn er ist ja auch nur Mensch und nicht göttergleich…

    Er ist schon die achte Figur in Deinem Tarotspiel und ich überlege, wieviele Karten denn eigentlich ein Tarotspiel hat. Ich weiß es gar nicht.

    Gefällt 1 Person

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