Odysseus und die Sirenen (2)

„Beweis dessen, daß auch unzulängliche, ja kindische Mittel zur Rettung dienen können“ – so beginnt eine aus dem Nachlass Franz Kafkas veröffentlichte Geschichte:

Kafka erzählt die Geschichte von Odysseus und den Sirenen (Das Schweigen der Sirenen, 1917) anders, als Homer sie uns überliefert. Bei Homer stopft der Held seinen Genossen Wachs in die Ohren und überlässt sich selbst, am Mast gefesselt, dem Gesang. Er will die Sirenen hören, aber nicht ihrer Verführung verfallen. Die Sirenen sind übrigens recht hässliche entenartige Wesen, die nicht durch ihre Schönheit, sondern allein durch ihren Gesang verführen. Wer ihnen verfällt, wird verspeist.

Sirenengesang

Odysseus und die Sirenen, 4. Fassung, Detail (c) Gerda Kazakou

Anders bei Kafka: Der Held Odysseus ist allein, als er den Sirenen entgegenfährt. Er hat seine Ohren mit Wachs verschlossen und sich sicherheitshalber auch anketten lassen.

„… Er vertraute vollständig der Handvoll Wachs und dem Gebinde Ketten und in unschuldiger Freude über seine Mittelchen fuhr er den Sirenen entgegen“, so Kafka.

Den Rest der Erzählung will ich hier verschweigen.

Unser zeitgenössische Odysseus, griechischer Ministerpräsident von Volkes Gnaden, lebt uns eine weitere Variante des Mythos vor. Seine Genossen sind es, die ihm die Ohren mit Wachs verschließen und seine Fesseln nachziehen, bevor er nach Brüssel reist. Also bleibt er standhaft, und die Sirenen, die schnelles Geld versprechen, sobald er einen Vertrag unterschreibt, können ihn nicht verspeisen.

Womit über den Fortgang des Abenteuers allerdings nichts gesagt ist.

Sirenengesang

Odysseus und die Sirenen, Version 2 (c) Gerda Kazakou

IMG_2648                                                                                            IMG_2649          Der Original-Odysseus gelangt nach bestandenem Sirenen-Abenteuer nicht schnurstracks heim zu seiner Penelope, sondern wird noch jahrelang schwer gebeutelt. Keiner seiner Genossen überlebt, und auch er kann, dem Eingreifen der Weißen Göttin sei Dank!, nur sein nacktes Leben retten.

Wer aber ist Leukothea, die „Weiße Göttin“? Im Römischen wird sie gleichgesetzt mit der Mater Matuta, Göttin des Frühlings und des Wachstums. Wachstum – o ja, das ist es, was das Land nach den Jahren der Irrfahrt und des Darbens braucht.

Über gkazakou

Humanwissenschaftlerin (Dr. phil). Schwerpunkte Bildende Kunst und Kreative Therapien. In diesem Blog stelle ich meine "Legearbeiten" (seit Dezember 2015) vor und erläutere, hoffentlich kurzweilig, die Bezüge zum laufenden griechischen Drama und zur Mythologie.
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5 Antworten zu Odysseus und die Sirenen (2)

  1. Runa Phaino schreibt:

    Interessante Mischung auf fast noch Gegenwartsliteratur, alten Mythen und dem aktuellen Tagesgeschäft der hiesigen und jenigen Poleis. Ich finde es großartig! Und will sofort wissen, wie das bei Kafka weitergeht!!! Besten Gruß Runa

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