Kunstbuch No 18: Zeichen an der Wand (Menetekel)

Das Dumme der „Zeichen an der Wand“ ist, dass man sie nicht versteht. Ruft man dann Propheten und Schriftgelehrte, Journalisten und Influencer, um sie einem zu deuten, ertrinkt man fast im Stimmengewirr der Allesversteher.

Bescheidener waren die Teilnehmer am Gastmahl von Belzazar, die immerhin die Ehrlichkeit besaßen zu sagen: tut uns leid, wir verstehen nicht, was die körperlose Hand dort an die Wand schreibt.

Eine Situation, wo eigentlich niemand etwas versteht, ist hervorragend dafür geeignet, EINE der vielen möglichen Lesarten zum Dogma zu erheben. Denn alle Welt sehnt sich nach klaren Aussagen. Im Falle des Belsazar war der, dessen Lesart ins Buch der Bücher einging, ein Mann namens Daniel. Er sprach mənēʾ mənēʾ təqēl ûp̄arsîn, bekannt geworden als Menetekel – oder auch als : „schlechte Nachrichten für dich, du Herrscher über Babylon. Du wirst sterben und ein anderer wird dein Reich erben.“ Im historischen Fall waren es die Perser, die den babylonischen Herrscher beerbten. …

Gestern abend zeichnete ich ein Mini-Zine mit Zeichen, feuchtete die Farben an und stellte das halb-transparent gewordene Büchlein gegen das Licht, um die Zeichen zu lesen.

Ich bin mir aber durchaus nicht sicher, ob das, was ich da gelesen habe, wahr oder falsch ist. So gehts mir grad mit allen Meldungen, die aus dem allgemeinen Stimmengewirr an mein Ohr drängen. Was ist wahr, was ist Lüge? was ist Projektion eigener Ängste, was ist bedeutungslos, was wichtig, was sogar existentiell bedeutungsvoll? Ist es, oder ist es nicht?

Vielleicht bist du ja gescheiter als ich und weißt, die Schrift an der Wand zu lesen.

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About gkazakou

Humanwissenschaftlerin (Dr. phil). Schwerpunkte Bildende Kunst und Kreative Therapien. In diesem Blog stelle ich meine "Legearbeiten" (seit Dezember 2015) vor und erläutere, hoffentlich kurzweilig, die Bezüge zum laufenden griechischen Drama und zur Mythologie.
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1 Response to Kunstbuch No 18: Zeichen an der Wand (Menetekel)

  1. Avatar von Christoph Christoph sagt:

    Man muss es ja nicht übersetzen und „verstehen“. Ich erfreue mich einfach an den Formen und Farben.

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