Was hab ich mir eingebrockt! Seit ich Philippe gegenüber erwähnte, dass Sonia – Töchterchen des saufenden Beamten Marmeladov aus Dostojewskys „Schuld und Sühne“ – auf den Strich ging, um Geld für den Säufervater, die verrückte Stiefmutter und die hungrigen Halbgeschwister zu verdienen, will er wissen, was das sei: „auf den Strich gehen“. Am Abend vor dem Schlafengehen und morgens beim Aufstehen denke ich drüber nach: wie erkläre ich die düstere Welt des Straßenstrichs einem Kinde? „Liebesdienste“ werden dort angeboten. Aber was haben diese Dienste mit Liebe zu tun?
Sonia tut das, was, wie eine Kommentatorin empört feststellt, ja nun gar nichts mit Liebe zu tun hat, aus Liebe. Freilich nicht aus Liebe zu den Freiern, nein, wahrhaftig nicht! Die muss sie, die noch nicht ganz Ausgewachsene, Kindliche, auf und in sich ertragen. Natürlich liebt sie ihren Beruf nicht, obgleich sie ihn freiwillig wählte, als sie „die gelbe Karte“ nahm, die sie als Prostituierte immer bei sich tragen muss. Der alberne Hut und die aufreizenden Fähnchen, die sie trägt, um Freier anzulocken, beschämen sie, und sie zieht sich immer um, bevor sie die Wohnung ihrer Familie betritt, um sie nicht vor der Welt zu kompromittieren. Ihre Liebe gilt den kleinen Halbgeschwistern und ihr Erbarmen gilt der verrückten Stiefmutter und dem verkommenen Vater, für sie opfert sie sich. Ihr Geld hält die Familie am Leben.
Dass Sonia sich in dieser Weise opfert, will dem Mörder Raskolnikov (dem Helden des Romans) durchaus nicht gefallen. Er kritisiert sie heftig, kalt, bösartig, obgleich sie ihn vor allen anderen liebt. Warum liebt sie ihn am meisten? Weil er in ihren Augen der Unglücklichste von allen ist: er kann nicht lieben. Sein Herz ist tot. Sie ist entschlossen, ihn nach Sibirien zu begleiten, um seine Seele retten.
Heute morgen erzählte ich Philippe in groben Zügen die Geschichte von Sonia. Es half aber nichts. Er will immer noch eine Antwort auf seine Frage, die jetzt nicht mehr heißt: „Was bedeutet es, auf dem Strich zu gehen“, sondern „Wieso heißt es, dass Sonia sich opfert? Lieben ist doch kein Opfer.“
Nein, Philippe, Lieben ist kein Opfer. Ich weiß ja, dass du aus Liebe und weil du dich für deine Rose verantwortlich fühltest, sogar bereit warst zu sterben, damals in der Wüste, als du die gelbe Schlage trafst.
Liebe ist das Schönste und Wunderbarste, und die kleine magere Sonia ist in meinen Augen, und sicher auch in deinen Augen, kleiner Freund, der schönste Mensch und besser als alle anderen. Sie bleibt das auch, wenn sie in elenden bunten Flittern herumgeht und sich mit wildfremden Männern in eine armselige dunkle Stube begibt, um Geld zu verdienen. Was sie dort mit ihr treiben, die Männer? Müssen wir so genau hinschauen, kleiner Philippe? Dostojewsky verschont uns damit, er schildert nur eine Straßenszene, und die ist schon fast unterträglich.
Die Liebe, Philippe, gerade auch die zwischen Mann und Frau, kann das Schönste und Herrlichste, aber auch das Schlimmste sein, gerade weil es das Schönste ist. Denn wenn jemand das Schönste zerstört und missbraucht, weil er es kann, dann ist das …Du verstehst das nicht?
Philippe, du liebst deine Rose. Was fühlst du, wenn jemand kommt und reißt ihr die Blütenblätter aus, setzt extra gefräßige Raupen in ihr duftendes Herz, beschimpft sie, wenn sie vertrocknet, reißt sie schließlich aus der Erde und wirft sie weg, weil sie nichts mehr taugt – und all das tut er, weil er es kann. Weil er dafür bezahlt. Er nennt es Befriedigung seiner Bedürfnisse. Er findet das geil. Geld kauft alles, sagt er.
Philippe ist sehr blass geworden, als ich das sage. Aber er will, dass ich weiterrede. Er möchte verstehen. Warum tut ein Mensch das? Was sind das für Bedürfnisse, die er befriedigt, indem er dafür bezahlt, dass er eine Rose kaputtmachen darf?
Darf ich ihm, dem ganz Kindlichen, noch mehr zumuten? Darf ich ihm von der Allgewalt des Geldes, von der Ware Mensch, von der Gemeinheit der Menschen, von ihrer Kälte reden? Er versteht ja nicht einmal, was Geld ist, weiß nichts von Tauschwert und Nutzwert, kennt weder den Sexualtrieb noch dessen Perversionen. Für heute muss es genug sein.
Gute Nacht, kleiner Prinz. Die Erde ist ein schwieriger, aber auch ein sehr schöner Ort, um vieles zu lernen. Jetzt aber ist Zeit für den Schlaf. Eine Elfe möge dich in sanfte Gefilde tragen.
🌸🌟🙏
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