Jeden Sonntag dasselbe Objekt in unterschiedlichem Surrounding fotografieren und posten – das ist der Vorschlag von Wortman. Ich habe als Objekt den „Kleinen Prinzen“ gewählt, der dieses Jahr 2026 inspirieren soll.
Gefunden habe ich den Kleinen Prinzen in einem weihnachtlich dekorierten Schaufenster. Das war am 1. Dezember des vergangenen Jahres, als ich auf der Suche nach vorweihnachtlichen Photomotiven war. Sogleich war ich in die kleine Figur verliebt. Zögerlich ging ich ins Geschäft, ließ sie mir zeigen, fragte nach dem Preis und nach dem Künstler, besah dann noch die anderen Exponate, konnte mich nicht entschließen. Denn ich wollte eigentlich nichts kaufen. Schließlich aber ließ ich sie mir einpacken.
Auf dem Bötchen steht das magische Wort, das alles im Leben verändert: ΑΓΑΠΗ (agape), Liebe, daneben die neue Jahreszahl. Liebe also sollte das Thema des Jahres 2026 sein, und der kleine Prinz sein Repräsentant. Denn was ist es, was den Kleinen Prinzen so besonders macht? Die Liebe zu seiner Rose. Und seine Einsicht, dass man nur mit dem Herzen gut sieht.
Diese Einsicht ist natürlich nicht neu. In gewisser Hinsicht wurde sie erstmals von Sophokles formuliert, als er den Mythos von Ödipus erzählte: Der stach sich die Augen aus, weil er das Offensichtliche nicht gesehen hatte. Erst als Blinder wurde er sehend.
Ich habe diese Geschichte im Rahmen des „Kleinen Welttheaters“ von Trud, der ewig Fragenden, erzählen lassen. Trud erzählt zuerst, warum Ödipus seinen Vater totschlug und wie er das Rätsel der Sphinx löste. Die Lösung war „Der Mensch“ (hier)
Es ist der Mensch, der erst auf allen Vieren
ins Leben kriecht und dann auf zweien geht
im Alter wird er seine Kraft verlieren
und braucht den Stock, damit er aufrecht steht.

Ödipus, die Sphinx und die drei Alter des Menschen.
Jedoch! „Was ist der Mensch?“ das ist die größre Frage
die bis auf heute schwer die Menschheit quält.
Es ist die große Frage, die ich in mir trage
auf die mir immer noch die Antwort fehlt.
Der Mann erschlug den Fremden, der den Weg versperrte.
Er war so klug und war zugleich so blind.
Was wars, das ihm die Wahrnehmung verzerrte
dass er nicht merkte: „Ich bin ja sein Kind!?
Der Fremde ist mein Vater, er hat mich gezeugt.“
So klug im Rätselraten und so blind im Leben?
Drum hat das Schicksal ihn dann schwer gebeugt
er musst sogar sein Augenlicht dran geben
damit er sah, was seine Augen nicht erkannten.
Die Augen sahen einen Menschen, der als Feind
ihm seinen Weg vertrat, sie sah’n nicht den Verwandten.
Die Augen sehn ja nur, was äußerlich erscheint.
Er lernt es schließlich unter großen Schmerzen:
Für unsere Augen ist so manches unsichtbar.
Gut sieht man nur mit einem offnen Herzen
und was verworren war, das wird dann klar.

Ödipus auf Kolonos (Sophokles. Aufführung von 1967, aus einem griechischen Blog, ohne Quellenangabe.)

Diese Erkenntnis hat der Kleine Prinz am Ende seiner Reise, als er sich zum Sterben entschließt.
